Haditha-Massaker US-Soldat spricht von "blindem Hass"

Buchstäblich ausgerastet und außer Kontrolle seien die US-Marines gewesen, die das Massaker in der irakischen Stadt Haditha verübt haben sollen. Dies sagt ein Unteroffizier aus der beschuldigten Einheit. Inzwischen ermittelt die Armee gegen rund ein Dutzend Marineinfanteristen.


Camp Pendleton/Washington - Unteroffizier James Crossan wurde im November vergangenes Jahr bei der Explosion der Bombe in Haditha verletzt, die zudem einen Marineinfanteristen tötete. Einige Soldaten seien danach offenbar ausgerastet, sagte Crossan dem Sender King-TV in Seattle: "Ich glaube, dass sie einfach blind vor Hass waren (...) und die Kontrolle verloren haben." Das Marineinfanteriekorps hatte zunächst erklärt, die Iraker seien durch eine am Straßenrand versteckte Bombe und bei anschließenden Kämpfen mit Aufständischen ums Leben gekommen. Unter den Opfern waren auch Frauen und Kinder.

Die Silhouetten von US-Soldaten spiegeln sich nach einem Anschlag nahe Bagdad in einer Pfütze wider: Gegen andere Marines wurden mittlerweile Ermittlungen wegen Tötung von Zivilisten eingeleitet
AP

Die Silhouetten von US-Soldaten spiegeln sich nach einem Anschlag nahe Bagdad in einer Pfütze wider: Gegen andere Marines wurden mittlerweile Ermittlungen wegen Tötung von Zivilisten eingeleitet

Der einflussreiche demokratische US-Abgeordnete John Murtha warf dem Militär erneut vor, die Affäre vertuscht zu haben. Nach dem Tod der 24 Zivilisten sei den Angehörigen bis zu 2500 Dollar Entschädigung gezahlt worden, berichtete Murtha dem US-Sender CNN. "Dies geschieht nicht, wenn sie durch einen Sprengsatz getötet wurden". Er schätzte, dass die Entschädigungen auf Veranlassung der Militärspitze gezahlt wurden. Murtha sagte, die Geschehnisse in Haditha seien "noch schlimmer" als der Folterskandal von Abu Ghureib.

Inzwischen wird gegen rund ein Dutzend Marineinfanteristen ermittelt. Der Ranghöchste ist ein Stabsunteroffizier, der den von der Bombe getroffenen Konvoi führte, wie Anwalt Paul Hackett sagte. Ermittelt wird zu dem Vorfall selbst sowie wegen des Versuchs, diesen zu vertuschen. Familienangehörige von zwei Marineinfanteristen sagten in Interviews der Nachrichtenagentur AP, ihre Söhne seien damit beauftragt worden, die Leichen unbewaffneter irakischer Zivilpersonen zu fotografieren und dann wegzuschaffen.

Das Weiße Haus will die Untersuchungen zu dem Massaker in allen Einzelheiten veröffentlichen. Nach Abschluss der Ermittlungen durch die Armee würden alle Details der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, gestern in Washington. Er versicherte, Präsident George W. Bush sei erst im März nach Veröffentlichung der Affäre im US-Magazin "Time" über die Vorfälle informiert worden. Er nehme die Vorwürfe sehr ernst.

Erstmals äußerte sich auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki zu den Vorwürfen. In der BBC sagte er, die multinationalen Streitkräfte im Irak müssten die Menschenrechte einhalten. "Es ist nicht entschuldbar, dass eine Familie getötet wird, weil jemand Terroristen bekämpft."

Irakischer Regierungschef will Basra befrieden

Al-Maliki traf heute in der südirakischen Hafenstadt Basra ein, um mit den Angehörigen der Parteien, der Provinzverwaltung, den Stammes- und Religionsführern einen Ausweg aus der Krise zu suchen. Al-Maliki kündigte ein entschiedenes Vorgehen gegen rivalisierende Banden im südirakischen Basra an. Die ölreiche Stadt steht im Zentrum eines Machtkampfes zwischen verschiedenen Schiiten-Gruppen, der Maliki zufolge die Öl-Exporte des Landes bedroht.

"Wir werden mit harter Hand gegen die Anführer der Banden vorgehen, die die Sicherheit beeinträchtigen", sagte Maliki - selbst Schiit - im staatlichen Fernsehen. Die Behörden würden einen Notfall-Plan entwerfen, um die Sicherheit in der zweitgrößten Stadt des Landes wieder herzustellen.

In Basra, das vom britischen Militär kontrolliert wird, war es nach der amerikanisch-britischen Invasion 2003 lange Zeit relativ friedlich gewesen. Erst seit einigen Wochen hat die Zahl der Anschläge und Attentate zugenommen.

In den vergangenen drei Monaten haben mehr als 17.000 irakische Familien aus Angst um ihr Leben ihre Häuser verlassen, berichtet unterdessen die irakische Zeitung "al-Bajina al-Jadida" unter Berufung auf Untersuchungen des Ministeriums für Migration in Bagdad. Daraus geht hervor, dass die überwältigende Mehrheit der Binnenflüchtlinge Gebiete verlässt, in denen sie zur religiösen Minderheit gehören, und sich stattdessen in Städten oder Vierteln ansiedelt, in denen ihre eigene Religionsgruppe die Mehrheit stellt.

Deshalb zog es beispielsweise besonders viele Schiiten nach Nadschaf, Kerbela und Amara. Vor allem seitdem Extremisten am 22. Februar dieses Jahres ein Heiligtum der Schiiten in Samarra teilweise zerstört hatten, ist die Lage eskaliert. Seither kommt es gerade in Bagdad häufig vor, dass Sunniten und Schiiten nur auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu der jeweils anderen Religionsgruppe ermordet werden.

lan/AP/Reuters/AFP

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