Haftverschonung für Terroristen Öl-Deal beeinflusste Freilassung des Lockerbie-Bombers

Erstmals hat ein britischer Minister eingeräumt, dass Ölgeschäfte bei der Freilassung des Lockerbie-Attentäters eine Rolle gespielt haben. Zudem wurde bekannt: Libyen soll Ärzte bezahlt haben, die dem Terroristen eine Lebenserwartung von nur noch wenigen Monaten attestierten.

Minister Straw (im September 2006): "Und später war da das BP-Abkommen"
REUTERS

Minister Straw (im September 2006): "Und später war da das BP-Abkommen"


London - Der britische Justizminister Jack Straw hat zugegeben, dass Handelsfragen bei der Freilassung des libyschen Lockerbie-Attentäters Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi eine "sehr große" Rolle gespielt haben. Das bedauere er nicht, sagte Straw in einem Interview des "Daily Telegraph". Die Entscheidung, den 57-jährigen krebskranken al-Mikrahi aus schottischer Haft zu entlassen, habe den britisch-libyschen Beziehungen gedient - und einem Vertrag des Ölmultis BP mit dem nordafrikanischen Land den Weg geebnet.

Premierminister Gordon Brown hatte wiederholt dementiert, dass Wirtschaftsfragen bei der Freilassung eine Rolle gespielt hätten. "Es gab keine Verschwörung, keine Vertuschung, keine Doppelzüngigkeit, keinen Öl-Deal, keinen Versuch, die schottischen Minister zu beeinflussen, keine privaten Versprechen von mir an Oberst Gaddafi", hatte er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Sommerurlaub am Mittwoch bekräftigt.

Sein Minister stellt die Sache nun anders dar - und zwar so, wie es große Teile der britischen Öffentlichkeit ohnehin schon sehen: Das Öl hat doch eine Rolle gespielt. "Libyen war ein Schurkenstaat. Wir wollten ihn zurückholen", sagte Straw. "Und ja, das beinhaltete den Handel, denn Handel ist dafür ein wesentlicher Bestandteil, und später war da das BP-Abkommen."

Geheimtreffen im "Traveller's Club"

Nach einem Bericht der britischen Zeitung "Independent" muss sich nun auch der britische Ex-Premier Tony Blair Fragen zu seiner Rolle in der Sache al-Mikrahi gefallen lassen. Parlamentarier wollen ein Geheimtreffen im Dezember 2003 im exklusiven Londoner "Traveller's Club" untersuchen. Dort waren neun hochrangige britische, amerikanische und libysche Geheimdienstmitarbeiter zusammengekommen, um Libyens Rückkehr in die Staatengemeinschaft vorzubereiten. Dabei sei es möglicherweise auch um die Zukunft von al-Mikrahi gegangen.

Die britische Zeitung "Telegraph" berichtet außerdem, dass Libyen für medizinische Gutachten bezahlt hat, die zur Freilassung des Attentäters führten. Demnach habe die Regierung in Tripolis die Stellungnahmen dreier Ärzte finanziert. Darin ging es um die Frage der Lebenserwartung al-Mikrahis. Zwei der drei Mediziner hätten bescheinigt, der Mann habe weniger als drei Monate zu leben, der dritte habe sich unspezifisch auf eine kurze Zeitspanne festgelegt. Diese Prognose sei die juristische Grundlage für die Freilassung gewesen.

Die schottische Landesregierung hatte den schwer krebskranken Attentäter vor gut zwei Wochen begnadigt und in seine Heimat entlassen. Dort wurde er begeistert empfangen. Der Libyer, der derzeit wegen seines schlechten Gesundheitszustandes nach seiner Rückkehr auf die Intensivstation verlegt wurde, war 2001 wegen des Anschlags auf ein Flugzeug der US-Linie PanAm über dem schottischen Ort Lockerbie zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Mittlerweile, so schreibt der "Telegraph" hat den Mann die Intensivstation übrigens wieder verlassen.

Al-Mikrahi ist der einzige Mensch, der für den Anschlag jemals strafrechtlich belangt wurde. Bei dem Attentat im Dezember 1988 waren 270 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten Opfer waren US-Bürger. Die Haftentlassung Megrahis war von den USA scharf kritisiert worden.

chs/Reuters/dpa



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Christian Wernecke 01.09.2009
1.
Ach nun ja, als Moralist und Ästhet sind Politik und Führer dieses Landes alles andere als ansehnlich. Auf der anderen Seite sollte man die Araber vielleicht einfach mal in Ruhe lassen und sich nicht ständig überall einmischen.
wolfman11 01.09.2009
2.
Zitat von sysopZum 40. Jahrestag seiner Machtergreifung beweist Libyens Staatschef Gaddafi seinen Gigantismus: Mit einer 50 Millionen Euro teuren Megaparty, einer gigantischen Bühne und feinstem französischem Essen feiert der Despot seine Revolution, doch vor allem sich selbst. Ist der Staatschef heute eine verlässlicher politischer Partner oder ein unberechenbarer Despot?
Was hat der vermeintliche Gigantismus mit der durchaus berechtigten Frage nach Verlässlichkeit zu tun? Wer Gaddafi vertraut wird sehen, was er davon hat. Ich glaube auch nicht, dass ihm die führenden Politiker oder Wirtschaftsbosse vertrauen. Sie denken lediglich, Sie könnten ihn benutzen, Interessen abgleichen und einen Stück des Weges gemeinsam gehen. Das hat aber nichts mit Vertrauen zu tun. Gaddafi geht es um seinen Platz in der Geschichte. Man wird sich daher einander bedienen und dann wieder trennen. Die Opfer von Lockerbie oder aus dem LaBelle sind doch längst von der Tagespolitik vergessen.
lemming51 01.09.2009
3. ??
Tja, zu diesem Herrn und das, was er Politik nennt, ist mir außer einem Kopfschütteln noch nie was eingefallen. Ein gemeingefährlicher Exzentriker. Aber unsere europäischen Politiker vergessen schnell, wie hier ja schon geschrieben wurde.
genx 01.09.2009
4. Formale Kritik
Ich finde den Text zu lang, geradezu aufgeblasen für den minimalen Gehalt. Das Opening-Drama mit dem Techniker, der dann doch in einem Gespräch das Riesenproblem gleich wieder lösen kann, die redundanten Schilderungen ... ein bisschen mehr Hintergrund hätte all der heißen Luft gutgetan! Außerdem wimmelt es von Rechtschreibfehlern. Bitte weniger, gehaltvoller und besser lektoriert schreiben. So ist das unter Ihrem Niveau!
Sabi 01.09.2009
5. Gefährlicher Diktator
Dieser Mann ist ein gefährlicher, irrer Diktator mit zuviel Ressourcen - Erdöl / Erdgas - damit erpresst er alle - ob bulgarische Krankenschwestern, Schweizer, den Einfaltspinsel Berlusconi, englische Politiker u. Erdölbonzen,.....Der Schlag sollte ihn treffen- dann würden einige Leben gerettet ! wenn's Allah gibt !
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