Haiders politisches Erbe "Erfolgreichster Rechtsextremist im Nachkriegseuropa"

Seine Anhänger versinken in Trauer und Tränen, Österreich ist in Aufruhr - Jörg Haider hinterlässt ein problematisches politisches Erbe. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Forscher und profilierte Haider-Kritiker Anton Pelinka über führerlose Rechtspopulisten und die Zukunft des Landes.


SPIEGEL ONLINE: Herr Pelinka, in der Kärntner Hauptstadt Klagenfurt wird Jörg Haider aufgebahrt und verehrt. Warum löst sein Tod solch heftige Emotionen aus?

Pelinka: In Kärnten war er eine quasi-nationale Identifikationsfigur. Unter seiner Führung hat sich das Land politisch und kulturell von Österreich abgekoppelt. Haider hat auf deutschnationale Themen gesetzt, Angst vor den Slowenen und den Widerstand gegen "die da oben" in Wien geschürt.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie es als Heuchelei, wenn jetzt Österreichs politische Elite - etwa Bundespräsident Heinz Fischer - Haider lobt und sagt, er sei eine "große Begabung" gewesen?

Pelinka: Natürlich war er das. Aber wie hat er dieses Talent eingesetzt? Jörg Haider war der erfolgreichste Rechtsextremist der europäischen Nachkriegsgeschichte. Aber es ist feige, wenn die einst Haider-kritischen Politiker jetzt nur allgemeine Floskeln finden und nicht seine Widersprüche aufzeigen.

SPIEGEL ONLINE: In Haiders Geburtsort, dem oberösterreichischen Bad Goisern, denkt man gar über eine Ehrenbürgerschaft für ihn nach.

Pelinka: Sollen sie mal machen und sich entsprechend blamieren.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Haider nicht auch Verdienste für Österreich erworben?

Pelinka: Ja, er hat Krankheitssymptome an die Öffentlichkeit gebracht. Etwa Österreichs unklares Verhältnis zum Nationalsozialismus oder den Alltagsrassismus und die Fremdenfeindlichkeit. Er hat – und da gibt es einen entsprechenden Slogan von ihm – das ausgesprochen, was sich andere gedacht haben. Er hat das Verdienst, Österreich so dastehen zu lassen, wie Österreich es verdient. Haider ist demnach typisch für unser Land.

SPIEGEL ONLINE: Hätte Haider jemals Kanzler werden können?

Pelinka: Nicht auszuschließen. Am besten waren die Chancen vor zehn Jahren. Hätte er Ende 1999 zugewartet und eine neue Große Koalition erzwungen - manche Demoskopen gehen davon aus, dass die FPÖ in der Folge stärkste Kraft geworden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Er hat Sie zwei Mal verklagt, weil Sie ihm Verharmlosung des Nationalsozialismus vorgeworfen haben.

Pelinka: Ja, und ich habe beide Male gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie ihn in diesen Auseinandersetzungen erlebt?

Pelinka: Ich habe kein Wort mit ihm gewechselt. Haider war ein Schulterklopfer, er tat freundlich, war mit allen sofort per Du. Ich hätte mit ihm persönlich wohl gut auskommen können. Aber das wollte ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wird Haiders BZÖ überleben?

Pelinka: Das ist eine Kärntner Partei, der nun der Führer abhanden gekommen ist. Ein österreichweites Überleben kann ich mir nur schwer vorstellen ...

SPIEGEL ONLINE: ... aber bei der Landtagswahl in Kärnten im Frühjahr?

Pelinka: Da könnte die Haider-Nostalgie noch zu einem Aufschwung führen. Danach aber gilt: Solche Leute wie Haider haben keine Nachfolger.

SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie eine Wiedervereinigung des rechten Lagers, einen Zusammenschluss von BZÖ und FPÖ?

Pelinka: Sehr zweifelhaft. Das BZÖ ist derart geschwächt, dass FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache annehmen kann, dass ihm dessen Wähler eh zufallen werden. Strache muss nur aufpassen, dass nicht der Eindruck entsteht, er habe Glück durch Haiders Tod.

SPIEGEL ONLINE: Bliebe noch das CDU/CSU-Modell - das BZÖ in Kärnten, die FPÖ in Rest-Österreich.

Pelinka: Aber ohne Haider ist das doch nicht mehr realistisch. Logisch wäre es nur mit Haider gewesen - als eine Art Franz Josef Strauß von Kärnten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass einer seiner Nachfolger eine solche Wirkung haben kann wie Haider. Das ist nicht vererbbar.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch Chancen für eine ÖVP-BZÖ-FPÖ-Koalition in Wien?

Pelinka: Weniger als zuvor. An einem solchen Bündnis war primär Haider interessiert. In der ÖVP gibt es ein gewisses Interesse, aber offenbar nicht beim geschäftsführenden Parteichef Josef Pröll. Und die FPÖ ist sich uneins, ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt die Fortsetzung der Großen Koalition aus SPÖ und ÖVP.

Pelinka: Ja, das sehe ich mit einem weinenden Auge.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht sehr euphorisch.

Pelinka: Wir haben in Österreich nur die Auswahl zwischen einem oder zwei weinenden Augen.

Das Interview führte Sebastian Fischer

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