Protest gegen Armut und Korruption Haitis junge Herausforderer

Es erinnert an die Proteste in Chile oder Kolumbien - und ist doch viel dramatischer: Im unter Armut und Korruption leidenden Inselstaat Haiti setzen junge Aktivisten die Regierung massiv unter Druck.
Aktivistin Pascale Solages: Träumt bereits von einem moderneren Haiti nach der Krise

Aktivistin Pascale Solages: Träumt bereits von einem moderneren Haiti nach der Krise

Foto: Pascale Solages

Sie sind jung, und Politik hat sie eigentlich nie interessiert. Aber jetzt eint sie die Wut auf eine korrupte Regierung und die herrschenden Eliten in ihrem von Armut und Naturkatastrophen ausgelaugten Land. Sie sind sicher, dass sich in Haiti etwas Fundamentales ändern muss.

In der karibischen Krisenrepublik machen junge Leute, die meisten um die 30, vehement auf sich aufmerksam. Sie sind eine treibende Kraft hinter den andauernden Protesten gegen die Regierung von Staatschef Jovenel Moïse.

Wenn Pascale Solages davon erzählt, was sie inzwischen Tag und Nacht beschäftigt, merkt man ihr die Sehnsucht nach Aufbruch und das Verlangen nach Veränderung in jedem Wort an. Sie redet ohne Punkt und Komma. Sie spricht von neuen politischen Figuren, von einem neuen System, von partizipativer Demokratie - und sie geißelt die Ausgrenzung der Massen und die Verschwörung von Politik und Wirtschaft zum Nachteil der Bevölkerung. Präsident Moïse, auch das sagt Solages, müsse unbedingt gestürzt werden. Der ehemalige Geschäftsmann, seit 2017 im Amt, gilt als Personifizierung all dieser Missstände.

Ein wütendes Volk geht auf die Straße

Solages ist 32, trägt lange Rastalocken und einen Nasenring. Die feministische Aktivistin ist ein "Petrocaribe Challenger", Mitglied der gleichnamigen Gruppe von rund zwanzig zumeist jungen Leuten. Die "Challenge" besteht aus Filmemachern, Marketingchefs und Intellektuellen, "junge, gut ausgebildete Haitianer", sagt Solages im Interview an einem Dezembermittag in Port-au-Prince, viele von ihnen hätten im Ausland studiert. Es sei eine neue Generation von Haitianern, die das Land aus dem Joch von Armut und Kleptokratie befreien will.

Fotostrecke

Proteste in Haiti: Die Gewalt der Straße

Foto: Valerie Baeriswyl/ AFP

Bereits im Juli 2018 gingen die Haitianer erstmals gegen Präsident Moïse auf die Straße, als er über Nacht, auf Druck des Internationalen Währungsfonds, die Benzinpreise um bis zu 50 Prozent erhöhte. Damals konnte er die Wut der Menschen durch die Rücknahme der Erhöhung und eine Kabinettsumbildung noch besänftigen.

Doch seit Mitte September herrscht faktisch Ausnahmezustand in Haiti. Nahezu unbeachtet vom Rest der Welt hat sich das ärmste Land der westlichen Hemisphäre innerhalb des vergangenen Jahres zu einem weiteren lateinamerikanischen Krisenherd entwickelt. Die Proteste sind vergleichbar mit denen in Chile oder Kolumbien: Ein wütendes Volk geht gegen seine Regierung auf die Straße.

Aber in Haiti ist alles ein wenig dramatischer. Im dem Inselstaat leben 70 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. In der Folge sind auch die Auseinandersetzungen härter. Seit Beginn der jüngsten Aufstände, in die sich auch von Politikern bezahlte Gangs und kriminelle Banden mischen, kamen laut Uno-Angaben 42 Menschen ums Leben. Die haitianische Menschenrechtsorganisation RNDDH geht sogar von mehr als hundert Toten aus.

Der Funken, der das Pulverfass zum Explodieren brachte, war eine Untersuchung des haitianischen Rechnungshofes, die den Präsidenten in einen der größten Veruntreuungsskandale der Geschichte des Landes verwickelt. Rund vier Milliarden Dollar sollen zwischen 2008 und 2016 aus dem venezolanischen Solidaritätsfonds Petrocaribe abgezweigt worden sein. Einer der Hauptverantwortlichen offenbar: der damalige Landwirtschaftsunternehmer Moïse mit seiner Firma Agritrans.

Anti-Moïse-Graffito in Port-au-Prince: "Nieder mit dem dreckigen Dieb Jovenel"

Anti-Moïse-Graffito in Port-au-Prince: "Nieder mit dem dreckigen Dieb Jovenel"

Foto: Klaus Ehringfeld

Die "Petrocaribe Challenger" fordern Rechenschaft über den Verbleib der Milliarden aus dem Fonds. Angefangen hat der Aufstand der Jungen und Gebildeten Haitis im August 2018 mit einem Tweet des 35-jährigen Drehbuchautors Gilbert Mirambeau, in dem er ein Foto von sich mit verbundenen Augen postete und in der Landessprache Créole auf eine Pappe schrieb: "Kot Kòb Petwo Karibe a ???" - wo ist das Petrocaribe-Geld? Der Tweet wurde zehntausendfach von Haitianern in dem Inselstaat und in der Diaspora geteilt. So entstand eine Idee - und daraus eine Protestbewegung.

Sit-ins und Sleep-overs

Die "Herausforderer" erfanden für Haiti neue, friedliche Protestformen. Mit Sit-ins und Sleep-overs vor Gerichten, dem Rechnungshof und dem Präsidentensitz machten die Aktivisten auf die Veruntreuung und Verschwendung der Gelder aufmerksam, die eigentlich für den Aufbau des Landes gedacht waren. Sie stellten schnell fest, dass die entnervte Bevölkerung mitzieht. Ihren Aufrufen zu Protestmärschen sind inzwischen Zehntausende Haitianer gefolgt. "Das ist es, was uns Hoffnung gibt", freut sich Solages.

Das Thema Petrocaribe ist in Haiti inzwischen allgegenwärtig. In Port-au-Prince beschimpfen Graffitis den Präsidenten als "dreckigen Dieb". In beinahe jedem Gespräch geht es um den Vertrag, den die venezolanische Regierung 2006 mit dem klammen Inselstaat schloss. Er sah vor, dass Haiti venezolanisches Öl erhalte, aber nur 60 Prozent davon sofort zahlen müsse. Der Rest sollte über 25 Jahre und zu einem sehr günstigen Zinssatz beglichen werden. Das auf diese Weise frei gewordene Geld sollte in die Infrastrukturentwicklung des Landes und in die Armutsbekämpfung investiert werden. Missstände, die seit dem verheerenden Erdbeben von 2010 noch extremer geworden sind.

Haitis Präsident Jovenel Moïse: Keine Woche ohne Rücktrittsforderungen

Haitis Präsident Jovenel Moïse: Keine Woche ohne Rücktrittsforderungen

Foto: HECTOR RETAMAL/ AFP

Auf Druck der "Challenge" veröffentlichte der Rechnungshof "Cour Supérieure des Comptes" im Frühjahr zwei Berichte, aus denen hervorging, dass viele Millionen für Brücken, Straßen und Marktgebäude genehmigt worden waren, die Gewerke aber nie fertiggestellt wurden. Immer mittendrin im Gemauschel: Präsident Moïse, damals noch Unternehmer und Günstling seines Vorgängers im Präsidentenamt, Michel Martelly.

Seitdem vergeht kaum eine Woche, in der die Haitianer nicht den Rücktritt ihres 51-jährigen Staatschefs forderten. "Mittlerweile wollen die Menschen auch grundlegende Rechte wie Arbeit, eine menschenwürdige Behausung und genügend zu Essen", sagt Pascale Solages. In der schlimmsten Phase der Proteste wurden täglich Barrikaden auf den Straßen der Hauptstadt errichtet. Kriminelle Banden nutzten das Chaos und forderten Wegzoll, entführten oder erschossen Passanten. Es drohte völlige Gesetzlosigkeit. Bis heute traut sich Moïse nicht in die Öffentlichkeit: Wenn sich der Präsident im Land bewegt, muss er um sein Leben fürchten.

Port-au-Prince, in dessen Großraum knapp fünf der elf Millionen Einwohner Haitis leben, war monatelang faktisch von der Außenwelt abgeschnitten. "Pays Lock" nannten die Haitianer diesen erzwungenen Blockadezustand, "abgeriegeltes Land". Die wirtschaftlichen Aktivitäten kamen zum Erliegen. Schulen und Universitäten schlossen. Der Nahverkehr brach zusammen, Geschäfte, Restaurants und Banken machten dicht.

Erst allmählich schließt sich Haiti jetzt wieder auf. Nicht, weil die Wut nachgelassen hätte. "Aber die Menschen müssen ja irgendwann wieder Geld verdienen und die Kinder zur Schule", sagt Solages. Mit ihren Mitstreitern entwirft die junge Aktivistin bereits Konzepte für die Zukunft ihrer Heimat und erstellt Anforderungsprofile für künftige Politiker. Unbestechlich sollen sie sein und die soziale Ungleichheit bekämpfen wollen: "Und sie müssen wirklich dem ganzen Volk dienen, nicht nur einigen wenigen".

Mehr lesen über Verwandte Artikel