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27. November 2010, 21:36 Uhr

Haiti

Schießerei bei Wahlkampfauftritt

In Haiti ist bei der Abschlusskundgebung von Präsidentschaftskandidat Martelly - nach Angaben aus seinem Lager - ein Mensch getötet worden, mehrere sollen verletzt worden sein. Die Polizei dementiert. Anhänger des Politikers beschuldigen die Regierungspartei eines Anschlagsversuchs.

Port-au-Prince - Es ist bereits der zweite schwere Zwischenfall in dieser Woche während des Wahlkampfes in Haiti. Präsidentschaftskandidat Michel Martelly ist am Freitagabend mit seinen Anhängern in einen Hinterhalt geraten. Dabei kam nach Angaben von Karine Beauvoir, einer Sprecherin des Politikers, ein Mensch ums Leben. Mehrere weitere seien verletzt worden, Beauvoir sprach von "einem Attentat auf den Kandidaten".

Offizielle Stellen widersprechen den Angaben: Polizeichef Rony Cineac zufolge gab es weder Tote noch Verletzte. Auch der Sprecher der Uno in Haiti, Jean-Francois Bezina, machte am Samstag zunächst keine Aussage über angebliche Opfer. Er bestätigte jedoch, dass Martellys Team in der Stadt Cayes im Süden des Landes Opfer "eines Zwischenfalls" wurde.

Die Veranstalter sprechen von 50.000 Besuchern der Abschlusskundgebung, unter denen laut Augenzeugen Panik ausbrach, als bewaffnete Männer die Veranstaltung stürmten. Nach Beauvoirs Angaben wurde mit automatischen Waffen in die Menge gefeuert.

Martellys Lager macht die Regierungspartei Inite, der der Präsidentschaftskandidat Jude Célestin angehört, für den Überfall verantwortlich. "Wir haben einige der bewaffneten Männer erkannt, sie gehören zur Inite", sagte Beauvoir der Nachrichtenagentur AFP. Diese Behauptung konnte aus anderen Quellen nicht bestätigt werden.

Zehn Monate nach dem schweren Erdbeben sind am Sonntag 4,7 Millionen Haitianer aufgerufen, über einen Nachfolger für Staatschef René Préval abzustimmen, der nach zwei Amtszeiten nicht nochmals antreten darf. Zudem werden alle 99 Mandate im Abgeordnetenhauses und elf der 30 Senatorensitze neu besetzt.

Überschattet wird die Wahl von der schweren Cholera-Epidemie, durch die seit Oktober über 1600 Menschen gestorben sind. Zudem war der Wahlkampf durch Gewalt zwischen Anhängern verschiedener Parteien geprägt. Am Montag erst wurden bei Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Célestins und des Kandidaten Charles-Henri Baker im Südwesten des Landes zwei Menschen erschossen und mehrere weitere verletzt. Um einen friedlichen Verlauf der Wahl zu gewährleisten, wurden mehrere tausend UN-Soldaten und haitianische Polizisten abgestellt.

Michel "Sweet Micky" Martelly, einer der beliebtesten Musiker des Karibikstaates, liegt nach den letzten Umfragen auf Platz drei hinter Inite-Kandidat Célestin. Die besten Chancen am Sonntag werden der ehemaligen Präsidentengattin Mirlande Manigat eingeräumt. Haitis Bevölkerung verspricht sich von der Wahl einen dringend notwendigen Neuanfang.

can/dpa/AFP/Reuters

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