Haiti US-Regierung schreibt Aristide ab

Präsident Jean-Bertrand Aristide gerät im Kampf um die Macht in Haiti immer stärker in die Defensive. Stunden für Stunde ziehen die Rebellen den Ring um die Hauptstadt Port-au-Prince enger. Immer deutlicher setzt sich inzwischen auch das Weiße Haus von ihm ab. Er sei nicht tauglich, das Land zu führen.


Anhänger von Aristide vor der US-Botschaft in Port-au-Prince: Proteste gegen die Supermacht
AP

Anhänger von Aristide vor der US-Botschaft in Port-au-Prince: Proteste gegen die Supermacht

Washington/Port-au-Prince - Gegenüber der Presse machte ein US-Regierungssprecher Aristide in weiten Teilen für die Krise in dem Staat verantwortlich. "Seine eigenen Handlungen haben seine Tauglichkeit in Frage gestellt, Haiti weiter zu regieren", erklärte Bushs Sprecher. "Wir drängen ihn dazu, seine Position sorgfältig zu prüfen, die Verantwortung zu übernehmen und im besten Interesse des haitianischen Volkes zu handeln."

"Diese lang anhaltende Krise geht weitgehend auf Herrn Aristide zurück", erklärte das Präsidialamt in Washington weiter. Die Erklärung war der bislang deutlichste Hinweis darauf, dass die USA in einem Rücktritt Aristides eine Möglichkeit zur Beilegung des Konfliktes sehen. Zuvor hatte bereits Frankreich Aristide zum Rücktritt gedrängt.

Aristide sieht sich einem Vorstoß von Rebellen ausgesetzt, die inzwischen weite Landesteile unter ihrer Kontrolle haben. Entgegen früheren Ankündigungen wollen diese die Hauptstadt allerdings frühestens in ein bis zwei Tagen angreifen. Bis dahin würden sich die aufständischen Kämpfer weiter in der Umgebung der Stadt sammeln, sagte Rebellenführer Guy Philippe am Samstag in der im Norden gelegenen Hafenstadt Cap-Haitien.

Indem er vorerst auf einen Angriff verzichte, folge er auch einem Appell der US-Regierung, sagte Philippe.

Die Rebellen haben sich Port-au-Prince bis auf etwa 40 Kilometer genähert. Nach blutigen Übergriffen auf Oppositionelle zogen sich die militanten Anhänger von Jean-Bertrand Aristide am Samstag von der Straße zurück und folgten damit einem Aufruf des bedrängten Präsidenten. Bei der Verfolgung politischer Gegner kamen seit Freitag nach Angaben aus Krankenhäusern 25 bis 30 Menschen ums Leben. Seit Beginn des Aufstands vor rund vier Wochen wurden mehr als 100 Menschen getötet.

Die US-Regierung legte Aristide am Samstag den Rücktritt nahe. Die Handlungen des Präsidenten verstärkten die Zweifel an seiner Befähigung für das Amt, erklärte der Pressesprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan. Aristide trage eine Mitverantwortung für die Krise und die Polarisierung der Gesellschaft, da er sich nicht an demokratische Prinzipien gehalten habe.

Die meisten Einwohner Haitis kämpfen unterdessen immer verzweifelter ums nackte Überleben. Denn der am 6. Februar begonnene Aufstand gegen Aristide hat die Hungersnot in Haiti verschärft.

Seit Beginn des Aufstands sind die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis um die Hälfte gestiegen. Noch schwerer wiegt, dass keine Hilfslieferungen mehr im Hafen von Cap-Haitien eintreffen. Im Chaos nach dem Eintreffen der Rebellen plünderten Einwohner ein Lager des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen mit 800 Tonnen Nahrungsmitteln. "Gegenwärtig ist es unmöglich, neue Lieferungen von Nahrungsmitteln nach Nordhaiti in Betracht zu ziehen", sagt Rick Perera von der Hilfsorganisation Care. Ehe nicht ein Minimum an Sicherheit wiederhergestellt sei, könne nichts getan werden.

Die US-Hilfsorganisation Food For The Poor hat nach eigenen Angaben 15 Container mit Lebensmitteln für Cap-Haitien zusammengestellt. Aber keine Transportgesellschaft ist bereit, das Risiko einer Fahrt in die Hafenstadt auf sich zu nehmen. Auch Port-au-Prince ist unsicher. Im Hafen der Hauptstadt wurden am Samstag 500 Container mit US-Hilfe geplündert.

Angesichts der bewaffneten Auseinandersetzungen befürchten die Experten der Hilfsorganisationen, dass auch die Ernte für das nächste Jahr gefährdet sein könnte. Denn die Bauern im Artibonite-Tal, das als Brotkorb des karibischen Inselstaates gilt, können wegen Straßenblockaden nicht in die Stadt fahren, um Saatgut für die im März beginnende Pflanzsaison zu kaufen.



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