Hamas Extremisten zwischen den Fronten

Der syrische Bürgerkrieg bringt die Hamas in Bedrängnis. Einerseits muss die palästinensische Organisation dem Kurs ihrer neuen Schutzmacht Katar folgen. Damit setzt sie jedoch die Beziehungen mit der verbündeten Hisbollah aufs Spiel. Die Kritik an Parteichef Maschaal nimmt zu.

Hamas-Chef Maschaal: Rückzug aus Damaskus
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Hamas-Chef Maschaal: Rückzug aus Damaskus

Von "zenith"-Autor Maximilian Felsch


Beirut - Die Umwälzungen des Arabischen Frühlings bringen die palästinensische Hamas in einen Zwiespalt. Einerseits ist die Bewegung seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der antiisraelischen und antiamerikanischen Achse, zu der auch Iran, Syrien und die Hisbollah gehören. Zugleich gehört sie der transnationalen Muslimbruderschaft an, die den langjährigen Hamas-Verbündeten feindlich gegenübersteht.

Noch bevor die Hamas zwischen die Fronten der rivalisierenden Regionalmächte geriet und interne Grabenkämpfe zwischen den Anhängern der jeweiligen Seiten ausbrechen konnten, schuf Hamas-Generalsekretär Chalid Maschaal Fakten. Er verweigerte der syrischen Führung angesichts des andauernden Kriegszustandes die Loyalität und verlegte im Februar 2012 das Hauptquartier seiner Organisation von Damaskus in die katarische Hauptstadt Doha.

Die Hamas bewies damit - wie schon oft in ihrer 26-jährigen Geschichte - beeindruckenden Pragmatismus. Offiziell bekundet die Hamas in der Syrien-Krise Neutralität - wohl um sich ein Hintertürchen offenzuhalten für den Fall, dass das Regime in Damaskus den Krieg übersteht.

Ägypten hat die Ächtung der Hamas zur Staatsraison erhoben

Für das Assad-Regime kam dieser Strategiewechsel hingegen unerwartet und bedeutete einen schmerzlichen Verlust. Jahrzehntelang hatte sich die autoritäre Führung durch die Unterstützung des "islamischen Widerstands" gegen Israel legitimiert. Nun, als Assad selbst in existentielle Probleme geriet, kündigte die Hamas Syrien die Freundschaft auf und wandte sich dem feindlichen Lager zu: den Muslimbrüdern, der Türkei und den Golfmonarchien.

Katar bot sich als idealer Nachfolger für die syrische Schutzmacht an: Der Golfstaat ist wie die Hamas sunnitisch, im Gegensatz zu Syrien finanzstark und politisch stabil. Als neue Schutzmacht der Hamas hat Katar auch mehr Einfluss auf den Nahost-Konflikt. Das hat unter anderem zur Folge, dass die Hamas ohne Absprache mit Doha kaum noch militärische Offensiven gegen Israel starten kann.

Innerhalb der Hamas war der von Maschaal initiierte Kurswechsel umstritten. Doch mit den Wahlerfolgen der Muslimbrüder in Ägypten 2012 schien sein Kalkül aufgegangen zu sein: Die Aussicht auf ein Ende der Gaza-Blockade, auf wirtschaftlichen Aufschwung, auf Investitionen und Beschäftigungschancen für die Bevölkerung beflügelte die Hamas.

Auch wenn Präsident Mohammed Mursi die hohen Erwartungen der Hamas nicht erfüllte, war es doch von großer Bedeutung, eine Hamas-freundliche Regierung im größten arabischen Land zu wissen. Das Mubarak-Regime hatte den Islamisten feindlich gegenübergestanden und war unter den Palästinensern wegen seines Friedensvertrags mit Israel verhasst.

Mursis Regierung öffnete zwar nicht die Grenzen zum Gaza-Streifen, erleichterte aber den Transitverkehr und erlaubte der Hamas, in Ägypten Büros zu eröffnen. Hamas-Vize Musa Abu Marzouk zog 2012 sogar nach Kairo.

Mursis Absetzung Anfang Juli setzte alldem ein jähes Ende. Nun haben in Kairo wieder die Generäle das Sagen, die von den USA finanziell unterstützt werden und zugleich für die Blockade des Gaza-Streifens stehen. Fassungslos reagierte die Hamas, als das Militär den Putsch unter anderem damit begründete, dass die Muslimbrüder Kontakte zu der radikalen Bewegung unterhalten hätten. Im Klartext hieß das: Die Ächtung der Hamas wurde zur ägyptischen Staatsraison erhoben.

Nun ist sie noch viel stärker als zuvor von den Geldgebern vom Golf abhängig. Und die von Katar in Aussicht gestellte Finanzierung großer Infrastrukturprojekte ist wertlos, solange kein Baumaterial den abgeschotteten Gaza-Streifen erreicht. Risiken birgt auch der Machtwechsel in Katar vom Juni 2013, da der außenpolitische Kurs des neuen Emirs Tamim Bin Hamad noch unklar ist. Schon einmal hat die Hamas im Exil schlechte Erfahrungen mit einem Thronwechsel gemacht: Als in Jordanien 1999 Abdullah II. auf seinen Vater Hussein folgte, verbot er die Hamas, schloss ihre Büros und verwies ihre Führer des Landes.

Im Gaza-Streifen wird die Kritik an Maschaal daher immer lauter. Insbesondere die Kassam-Brigaden, der militärische Arm der Hamas, fordern eine erneute Hinwendung zu Iran, der die Hamas nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch Waffen geliefert hatte.

Noch reden Hamas und Hisbollah miteinander

Vor Problemen steht die Hamas nach ihrem Kurswechsel aber auch im Libanon. Seit ihrem Triumph bei den palästinensischen Wahlen von 2006 hat sie dort nicht nur ihr sozial-karitatives Engagement in den Flüchtlingslagern ausgebaut, sondern ist auch in die politischen Komitees der Lagerverwaltung eingetreten. Zudem verlangt sie von der libanesischen Regierung, als offizielle Vertretung der Palästinenser im Land anerkannt zu werden.

Rückendeckung hatte die Hamas dabei bislang von der Hisbollah erhalten, über die meist auch iranische Waffenlieferungen abgewickelt wurden. Nun hat sich das Verhältnis der beiden "Widerstandsbewegungen" merklich abgekühlt, denn die schiitische Hisbollah steht eng an der Seite des syrischen Regimes und beteiligt sich an den Kämpfen im Nachbarland. Im Libanon hält sich zudem das Gerücht, dass die Hamas auf Seiten der Opposition in Syrien militärisch aktiv ist beziehungsweise an der militärischen Ausbildung sunnitischer Dschihadisten mitwirkt.

Noch hat die Hamas ihr Quartier im Libanon in der Hisbollah-Hochburg Dahija im Beiruter Süden aufgeschlagen. Die Schiiten-Miliz hält die Kontakte weiterhin aufrecht, weil die Hamas mäßigend auf palästinensische Hisbollah-Gegner einwirken kann. Tausende palästinensische Flüchtlinge aus Syrien sind in die ohnehin überfüllten Lager im Libanon geflohen. Von der Hisbollah gespendete Hilfsgüter wiesen viele von ihnen wütend zurück - und verbrannten sie teilweise öffentlich.

Die Hamas steht vor einer Zerreißprobe. Im Gaza-Streifen fällt es ihr schwer, die gegenwärtige Waffenstillstandsvereinbarung mit Israel durchzusetzen: Der Islamische Dschihad, der im Gegensatz zur Hamas unbeirrt an seiner proiranischen Linie festhält, fühlt sich nicht mehr an Weisungen gebunden. Und Iran kämen Gewaltaktionen in der gegenwärtigen Situation nicht ungelegen - denn sie würden dem verfeindeten Golfstaat Katar schaden.



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Seite 1
micro miller 20.10.2013
1. Allesamt menschenverachtende Blindgaenger
Zitat von sysopREUTERSDer syrische Bürgerkrieg bringt die Hamas in Bedrängnis. Einerseits muss die palästinensische Organisation dem Kurs ihrer neuen Schutzmacht Katar folgen. Damit setzt sie jedoch die Beziehungen mit der verbündeten Hisbollah aufs Spiel. Die Kritik an Parteichef Maschaal nimmt zu. Hamas gerät im Bürgerkrieg in Syrien zwischen die Fronten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/hamas-geraet-im-buergerkrieg-in-syrien-zwischen-die-fronten-a-925267.html)
die die Angst und Not der Menschen fuer ihren persönlichen Vorteil ausbeuten. Die wirtschaftliche und geistige Elite der Völker Arabiens müssen die Führung übernehmen.
steevieb 20.10.2013
2. hmmmm
erinnert alles an Europa vor 500 Jahren irgendwann ist man dort unten leider falsch abgebogen...
richardheinen 20.10.2013
3. optional
Dieser Bericht zeigt wieder exemplarisch, wie zerrissen und diffizil die gesamte, muslimisch geprägte Region ist. Gleichgültig, wen der Westen irgendwie unterstützt, er wird immer die Falschen unterstützen.
Jan68 20.10.2013
4. Israel
Der gesamte Nahe Osten ist mit radikalen Ländern, die Gewalt und Terrorismus unterstützen übersäht! Der gesamte Nahe Osten?? Nein, ein kleines demokratisches Israel hört nicht auf, ein uns angenehmer Partner mit friedlichen Absichten zu sein...
frenjes 20.10.2013
5. Katze aus dem Sack
Zitat von sysopREUTERSDer syrische Bürgerkrieg bringt die Hamas in Bedrängnis. Einerseits muss die palästinensische Organisation dem Kurs ihrer neuen Schutzmacht Katar folgen. Damit setzt sie jedoch die Beziehungen mit der verbündeten Hisbollah aufs Spiel. Die Kritik an Parteichef Maschaal nimmt zu. Hamas gerät im Bürgerkrieg in Syrien zwischen die Fronten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/hamas-geraet-im-buergerkrieg-in-syrien-zwischen-die-fronten-a-925267.html)
Na dann ist ja mal so langsam die Katze aus dem Sack! Katar neue Schutzmacht der Hamas, eine Organisation die eigentlich als Feind Israels gilt gleichzusetzen mit der Hisbolah. Interessant finde ich dann folgendes: Katar will 200 Leopard 2-Panzer von Deutschland kaufen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/katar-will-200-leopard-2-panzer-von-deutschland-kaufen-a-846966.html) " Das Kanzleramt kann sich ein Geschäft mit Doha aber ebenso vorstellen wie das Bundeswirtschaftsministerium." Merkwürdig für ein Land was ständig von seiner besonderen Verantwortung gegenüber Israel faselt, da hätte man ja um ein Haar einen riesen Bock geschossen, oder lief der Deal mittlerweile heimlich über die Bühne, wäre interessant zu wissen. Scheint so das es Berlin und die Mutti wenig belastet wenn man anderen Quellen glauben schenkt. Katar welches schon als williger Geldgeber der Al Qaida Terroristen in Syrien agiert und sehr wahrscheinlich zusammen mit Saudi Arabien den Konflikt in Syrien erst hat so richtig eskalieren lassen. Deutschland verdoppelt Waffenlieferungen an Golfstaaten - Politik - Deutschland - Hamburger Abendblatt (http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article113848864/Deutschland-verdoppelt-Waffenlieferungen-an-Golfstaaten.html) Milliardenschwere Waffen-Exporte an Golf-Staaten: Neuer Rekord in Sichtweite? « ZUERST! (http://www.zuerst.de/2013/08/12/milliardenschwere-waffen-exporte-an-golf-staaten-neuer-rekord-in-sichtweite/) Deutschland rüstet direkt die Geldgeber und Unterstützer des internationalen Terrorismus und nun auch die Unterstützer der Feinde Israels auf. Heuchlerische Politik vom Feinsten!
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