Hamas Terror und Suppenküchen

Die Siegerin der palästinensischen Wahlen hat zwei Gesichter: In Europa und den USA ist die radikal-islamische Hamas als Terrorgruppe geächtet – bei den Palästinensern wegen ihres sozialen Engagements beliebt.


Hamburg - Hamas ist eine Abkürzung für die arabische Bezeichnung "Harakat al-Mukawama al-Islamija", was übersetzt "Islamische Widerstandsbewegung" heißt. Das Wort selbst bedeutet Eifer und Begeisterung. Gegründet wurde die Hamas 1987, kurz nach Beginn des ersten Palästinenser-Aufstandes, von Scheich Ahmed Jassin - als militanter Ableger der fundamentalistischen ägyptischen Muslimbruderschaft. Sie besteht aus einem politischen und einem militärischen Arm.

Hamas-Gründer Jassin (Archivbild)
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Hamas-Gründer Jassin (Archivbild)

Erklärtes Ziel der Hamas ist die Vernichtung Israels und die Gründung eines islamischen Staates auf dem gesamten früheren britischen Mandatsgebiet Palästina. Die Organisation lehnt eine Zwei-Staaten-Lösung und jegliche Friedensverhandlungen ab. Finanziert wird die Hamas offenbar mit Geld aus Iran, Saudi-Arabien und mehreren Golf-Staaten.

In Europa und den USA geächtet ist die Hamas wegen zahlloser blutiger Terroranschläge gegen israelische Zivilisten und Militäreinheiten, bei denen in den vergangenen Jahren hunderte Menschen ums Leben kamen - bereits 1993 hatte die Hamas den ersten Selbstmordattentäter nach Israel entsandt. Im Gegenzug wurden viele prominente Hamas-Führungsmitglieder von der israelischen Armee gezielt getötet - darunter im März 2004 auch ihr Gründer Scheich Jassin. Die Hamas wurde dadurch allerdings nicht geschwächt.

Neben dem politischen und dem militärischen Flügel baute die Hamas seit ihrer Gründung auch ein weit verzweigtes soziales Netzwerk auf, von dem viele verarmte Familien profitieren: Die Organisation betreibt Kindergärten, Krankenhäuser, Jugendclubs, Schulen und Suppenküchen, sie kümmert sich um Ausbildung, Arbeitsbeschaffung und Gesundheitsfürsorge - und erfreut sich deshalb in den Palästinenser-Gebieten wachsender Beliebtheit. Besonders im Gaza-Streifen, vor allem in den Flüchtlingslagern, hat sie viele Anhänger. Sie ist aber auch im Westjordanland und in Israel selbst aktiv.

Unter den Palästinensern gilt die Hamas zudem, anders als die bislang regierende Fatah, als frei von Korruption. Die überwältigende Mehrheit der Wähler, die bei der Parlamentswahl nun für die Islamisten gestimmt haben, sieht in ihnen die Erlöser von der notorischen Korruption der Fatah-geführten Autonomiebehörde.

Christoph Trost



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