Hamas-Triumph Endlich Klarheit

Der Wahlsieg der Hamas führt zu einem Desaster, heißt es überall. Es kann aber auch ganz anders kommen: Aus den Islamisten könnten Realpolitiker werden. Doch dieser Prozess würde Jahre dauern – und die Zeit spielt gegen die Palästinenser.

Von Henryk M. Broder


"Et kütt, wie et kütt", sagen die Kölner, die als die Philosophen unter den Deutschen gelten. Es kommt, wie es kommt. Und nun ist es passiert, die Hamas hat die Wahlen zum palästinensischen Parlament gewonnen; die Frage ist nur, ob mit relativer oder mit absoluter Mehrheit. In jedem Fall wird sie entweder die Regierung stellen oder an der Regierung maßgeblich beteiligt sein.

Hamas-Triumph: "Es kütt wie es kütt"
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Hamas-Triumph: "Es kütt wie es kütt"

Und nun sind die Exegeten dran. Die einen haben es so kommen sehen, die anderen tun überrascht, aber alle sind sich einig: jetzt werden die Karten neu gemischt, der Friedensprozess wird auf Eis gelegt, nun müssen die Palästinenser entscheiden, was sie wollen: Eine politische Lösung des Konflikts, wie sie Präsident Abbas anstrebt, den bewaffneten Kampf, wie ihn die militanten Gruppen von den Fatah-eigenen Al-Aksa-Brigaden bis zum Dschihad ungeachtet aller politischen Bemühungen führen, oder ein bisschen von dem und ein wenig von dem, wie es grad passt.

Halten wir uns also an die Fakten: Freie Wahlen sind immer ein Risiko, sie haben es an sich, dass eine Partei gewinnen kann, die man weder an der Macht oder in der Opposition sehen möchte, weil ihr Programm in jedem Fall Unheil bedeutet. Die Israelis haben solche Erfahrungen schon hinter sich, jetzt sind die Palästinenser an der Reihe. Was die Situation grundlegend unterscheidet ist dies: Die Israelis haben lange gebraucht, um sich mit der Wirklichkeit abzufinden: dass es ein palästinensisches Volk gibt, dass es keine "gute Besatzung" geben kann, mit der sich die Besetzten eines Tages abfinden würden, dass sie nicht allein auf der Welt sind, und dass man eines Tages auch mit seinen Feinden reden und verhandeln muss, wenn man nicht von der Geschichte überrollt werden will.

So kam es - vor über zwölf Jahren! - zum Abkommen von Oslo. Wobei man rückblickend den Israelis den Vorwurf machen kann, dass sie Arafat nicht nur aus dem Exil sondern auch aus der politischen Versenkung geholt haben, in der naiven Annahme, er sei nicht nur in der Lage, für Ruhe und Ordnung in seinem Machtbereich zu sorgen, sondern auch willens, mit den Israelis zu kooperieren. Dass Arafat korrupt war, war bekannt, nur wie korrupt er war, wurde erst im Nachhinein klar.

Das Letzte, was Arafat wollte, war ein freier, unabhängiger, souveräner palästinensischer Staat neben Israel. Warum sollte ein Mann, der 900 Millionen Dollar auf seinen Konten angehäuft hatte und es sich leisten konnte, jeden Monat seiner Frau 100.000 - Dollar nach Paris zu schicken, darauf verzichten, Revolution zu spielen und sich stattdessen um die Müllabfuhr in Ramallah, die Kanalisation in Gaza und die Schulspeisung in Nablus kümmern? Das war ihm alles zu profan, seine Spezialität war der Kampf bis zum Sieg.

Und die Israelis waren dumm genug, ihm die Gelegenheit zu geben, sich als rastloser Kämpfer zu präsentieren, in der belagerten Mukata, im Schein von Kerzen, umgeben von Gästen und Gefährten, die bereit waren, mit ihm zu leiden und wenn nötig zu sterben. Billiger war Heldentum nie zu haben.

Arafats größtes Verbrechen war, dass er seinem Volk nie die Wahrheit gesagt hat. Vielleicht hat er sogar wirklich daran geglaubt, dass die Zeit für die Palästinenser arbeitet, dass sie zwei oder drei Generationen opfern müssten, um die Besatzung auszusitzen. Wenn es so war, dann hat er sich verschätzt. Die Zeit arbeitet nicht für, sondern gegen die Palästinenser.

Hätten sie die Autonomie-Regelung angenommen, die im ersten Camp-David-Abkommen zwischen Begin und Sadat ausgehandelt worden, hätten sie heute höchstwahrscheinlich einen eigenen Staat. Begrenzt souverän, demilitarisiert und mit Jordanien verbunden, aber sie wären die Besatzung los. Sie fanden es aber besser, Freudentänze zu veranstalten, als "der Verräter Sadat" ermordet wurde.

Heute gibt es kein einziges arabisches Land, nicht einmal Libyen, das Israel vernichten möchte, um den Palästinensern zu ihrem Recht zu verhelfen. Der fast tägliche Terror und die Selbstmordattentate haben Israel entgegen allen Erwartungen nicht demoralisiert, sondern nur die Entschlossenheit befördert, den Konflikt durch einseitige Maßnahmen zu beenden: Aufgabe von Gaza, Bau der Mauer, schrittweiser Rückzug aus dem Westjordanland, wofür Gaza nur die Generalprobe war.

All das müssen die Palästinenser entweder nicht bemerkt oder missverstanden haben. Statt sich auf die Realität einzustellen, blieben sie in ihrer virtuellen Welt, in der weiter vom "Recht auf Rückkehr" die Rede und der Wunsch der Vater aller Gedanken war. Daran konnte auch Mahmud Abbas, als er das Erbe Arafats antrat, allen guten Absichten zum Trotz, nichts ändern.

Dass die Hamas, die weder den Terror aufgeben noch von ihrem Ziel, Israel auszulöschen, abrücken will, die Wahlen gewonnen hat, ist kein Desaster, es stellt nur die notwendige Klarheit her. Israel wird den Prozess der einseitigen Schritte vorantreiben und die Palästinenser sich selbst überlassen. Der Wahlausgang hat sicher auch etwas mit den pyromanischen Phantasien des iranischen Staatspräsidenten zu tun. Er hat absurde Hoffnungen beflügelt, Israel könnte dazu gebracht werden, sich selbst zu liquidieren, nach Europa zurück zu gehen, um einer militärischen Niederlage, die das Ende des Judenstaates bedeuten würde, zuvorzukommen.

Aber Ahmadinedschad hat sich verrechnet. Er hat den Israelis nur mit aller Brutalität klar gemacht, wo die wirkliche Gefahr lauert. Nicht in Hebron, Nablus oder Bethlehem, sondern in Teheran. Und dass sie die Besatzung auch deswegen beenden müssen, weil sie alle politischen Kräfte und militärischen Ressourcen gegen diese Bedrohung mobilisieren müssen.

Andererseits kann man im Nahen Osten keine Vorhersagen wagen, die eine Woche überdauern. Es könnte sein, dass die Hamas-Führer, sobald sie an der Macht sind, eine ähnliche Wandlung durchmachen wie Ariel Scharon. Es spricht nicht vieles dafür, aber ausgeschlossen ist es nicht. Im günstigsten Fall dürfte so ein Prozess zehn bis zwanzig Jahre dauern. In dieser Zeit wird Israel weiter einseitig vollendete Tatsachen schaffen und die Palästinenser werden am Ende weniger bekommen, als sie noch 1980, 1990 oder 2000 bekommen hätten.

Das ist bitter, aber es ist die Wirklichkeit. Et kütt, wie et kütt.





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