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01. August 2019, 13:50 Uhr

Sohn des Qaida-Gründers angeblich tot

Welche Rolle spielte Hamza Bin Laden?

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Osama Bin Ladens Sohn Hamza ist tot - behaupten US-Vertreter. Die Umstände seines Todes sind genauso mysteriös wie das Leben des Terroristen. Was macht al-Qaida ohne ihn?

Als die USA Ende Februar ein Kopfgeld von einer Million Dollar auf Hamza Bin Laden aussetzten, war er angeblich schon tot. Irgendwann in den ersten zwei Jahren der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump - also zwischen Januar 2017 und Januar 2019 - sei er getötet worden, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf zwei US-Regierungsbeamte. Das Blatt bestätigte damit eine Meldung des Fernsehsenders NBC.

Die USA hätten bei der Operation, die zu Bin Ladens Tod führte, "eine Rolle gespielt", heißt es vage. Wo und wann diese Aktion stattfand und wie die US-Rolle aussah, ist bislang nicht bekannt. Es soll sich um einen Luftschlag gehandelt haben. Als das US-Außenministerium am 28. Februar das Kopfgeld auf Bin Laden aussetzte, hätten das US-Militär und die Geheimdienste seinen Tod noch nicht bestätigen können, heißt es in dem Bericht. Der sonst so redselige Trump sagte am Mittwoch auf die Frage nach Hamzas Tod: "Ich möchte das nicht kommentieren."

Die Terrororganisation al-Qaida hat sich bislang noch nicht zu der Todesmeldung geäußert. Bin Laden junior war in den vergangenen Jahren neben Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri zum bekanntesten Gesicht der Terrororganisation aufgestiegen. Als Sohn des Qaida-Gründers Osama Bin Laden galt er als dessen legitimer Erbe.

Der etwa 30-Jährige sollte schaffen, was dem uncharismatischen Endsechziger Zawahiri seit Jahren nicht mehr gelingt: junge, militante Islamisten für al-Qaida zu rekrutieren. Anstatt zu al-Qaida ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet zu gehen, waren diese in den vergangenen Jahren zu Tausenden zur terroristischen Konkurrenz vom "Islamischen Staat" (IS) nach Syrien und in den Irak gezogen.

War Bin Laden mehr als ein Qaida-Propagandist?

Hamza Bin Laden hatte sich im August 2015 erstmals in einer Audiobotschaft an Qaida-Sympathisanten gewandt. Er sprach davon, das Versprechen seines Vaters zu erfüllen, die aus Sicht von al-Qaida ungläubigen Regime in der islamischen Welt zu stürzen.

Die Terrorgruppe präsentierte ihn als "einen jungen Löwen", der seinem 2011 getöteten Vater Osama folge. Bis Ende 2017 gab es weitere Ansprachen, in denen er unter anderem Anschläge in den USA, Europa und Israel androhte und für den Dschihad in Syrien warb.

Danach kamen nur noch schriftliche Erklärungen in Bin Ladens Namen. Unter anderem veröffentlichte al-Qaida im Dezember 2017 einen auf den Sommer desselben Jahres datierten Brief, in dem er mitteilte, dass sein zwölf Jahre alter Sohn zum Märtyrer geworden sei. Zuletzt hatte er 2018 zu einer Revolte in Saudi-Arabien aufgerufen. Für Aufsehen sorgte im vergangenen Jahr die Meldung, Bin Laden habe eine Tochter Mohammed Attas geheiratet. Der Ägypter gilt als Anführer des Qaida-Terrorkommandos, das die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington verübte.

Die letzten bekannten Videoaufnahmen Hamza Bin Ladens sind mehr als acht Jahre alt. Bei dem Sturm auf Osama Bin Ladens Unterschlupf im pakistanischen Abbottabad stellte die CIA mehrere Datenträger sicher - darunter ein Video, das Hamza Bin Laden als jungen Mann bei seiner Hochzeit zeigt.

Welche Rolle er innerhalb von al-Qaida tatsächlich ausübte - ob er neben Propagandaauftritten auch an Anschlagsplänen beteiligt war und die Gruppe operativ steuerte - ist bis zuletzt ein Rätsel geblieben. Auch wo er sich zuletzt aufhielt, ist unklar.

Sein Tod würde den Friedensgesprächen mit den Taliban nützen

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und der folgenden US-geführten Militäroperation in Afghanistan war er mit Familienangehören nach Iran geflüchtet. Dort wurde Hamza mehrere Jahre festgehalten - möglicherweise bis 2010. Nach seiner Freilassung zog er offenbar ins Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Laut US-Geheimdienstinformationen soll er in den vergangenen Jahren auch nach Syrien gereist sein.

Dass die Meldung von Bin Ladens Tod nun öffentlich wird, könnte mit den laufenden Friedensverhandlungen zwischen den USA und den Taliban zusammenhängen. Aus den Verhandlungskreisen heißt es, die Gespräche stünden kurz vor dem Abschluss. Wichtigste Forderung der US-Regierung ist es, dass die Taliban ausländischen Terrorgruppen wie al-Qaida in Afghanistan keinen Unterschlupf gewähren - anders als während der Taliban-Herrschaft in Kabul bis 2001.

Der Tod des Bin-Laden-Sohns würde es US-Präsident Donald Trump ein bisschen einfacher machen, den Friedensschluss als Erfolg zu verkaufen - weil er symbolhaft für die weitere Schwächung von al-Qaida am Hindukusch steht.

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