Hariri-Mord Gipfel der Unversöhnlichen

Ein spektakulärer Gipfel soll die Feinde versöhnen. Der saudische König Abdullah hat in Beirut zwischen den Regierungen von Syrien und Libanon vermittelt. Seit dem Mord an Libanons Premier Hariri stehen die Nachbarn auf Kriegsfuß. Die Einigung soll gelingen, bevor die Mordermittler ihren Report vorstellen.

Saudischer König Abdullah und Syriens Präsident Assad in Beirut: Versöhnung angebahnt
AP

Saudischer König Abdullah und Syriens Präsident Assad in Beirut: Versöhnung angebahnt

Von , Beirut


"Historisch. Schicksalhaft. Von nicht zu überschätzender Tragweite": Die libanesischen Tageszeitungen überboten sich schon im Vorfeld, dem am Freitag anstehenden Kurzbesuch des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in Beirut das richtige Gewicht beizumessen.

Tatsächlich ist die Teilnahme des Syrers an einem hastig einberufenen Mini-Gipfel der libanesischen Regierung mit dem saudischen König eine kleine Sensation. Zuletzt war Assad vor acht Jahren im Libanon gewesen, der damals noch von Syrien besetzt war. Dann wurde im Februar 2005 Libanons ehemaliger Ministerpräsident Rafik Hariri mittels einer Autobombe ermordet: ein Ereignis, dass Schockwellen durch den Nahen Osten schickte und nach wie vor solche Sprengkraft birgt, dass der heutige Gipfel in Beirut notwendig geworden ist.

Doch der Reihe nach: Nach dem gewaltsamen Tod Hariris erhob sich der Libanon in der sogenannten "Zedernrevolution" gegen seine Besatzer, die von breiten Teilen der Bevölkerung als Drahtzieher des Politmordes angesehen wurden. Hariri sei den Syrern zu mächtig geworden, hatte zu gute Kontakte mit dem Westen, deshalb habe er sterben müssen, lautet die gängige Lesart der Ereignisse.

Nach Monaten der Proteste musste Assad seine Truppen Ende 2005 schließlich abziehen, Syrien verlor seine beste Einkommensquelle. Die Hegemonialmacht hatte sich jahrzehntelang fürstlich für seinen - dem Libanon aufgezwungenen - "Schutz" bezahlen lassen. Trotzdem behielt Syrien einen Fuß im Libanon. Die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah wird von Damaskus und Teheran protegiert und bewaffnet. Als Gegenleistung vertritt sie Syriens und Irans Interessen an der Levante-Küste.

Im März 2006 dann nahm ein Sondertribunal für den Libanon, ein Ad-hoc-Strafgerichtshof der Vereinten Nationen seine Arbeit auf: Die Ermittler sollen klären, wer hinter dem Mord an dem Politiker und 22 Leibwächtern und Passanten steckt. Im Sommer vergangenen Jahres berichtete der SPIEGEL unter Berufung auf dem Tribunal nahe stehenden Quellen, es gebe Hinweise, dass die Hisbollah in den Mord verstrickt gewesen sei.

Die Enthüllung barg gewaltigen politischen Sprengstoff: Die Hisbollah und die von Hariris Sohn Saad geführte prowestliche "14. März"-Koalition stehen sich im Kampf um die Macht im Libanon ohnehin feindlich gegenüber. Eine Verstrickung der Schiiten in den Mord an dem Sunniten Hariri könnte zum Bruderkampf, ja zu einem neuen Bürgerkrieg führen, so die Befürchtungen.

"Israelische Verschwörung" gegen die Hisbollah

In den vergangenen Monaten gab es wiederholt Hinweise, dass das vom SPIEGEL beschriebene Szenario tatsächlich den Ermittlungsergebnissen entsprechen könnte. Die Hisbollah hatte die Anschuldigungen lange weit von sich gewiesen - in der vergangenen Woche räumte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah aber ein, dass Mitglieder seiner Miliz vom Strafgerichtshof angeklagt werden könnten.

Parallel zu diesen Zugeständnissen versucht die Schiiten-Organisation, die Glaubwürdigkeit des Tribunals zu untergraben und Ermittlungsergebnisse zu entkräften. Dabei kommen ihr jüngste Enthüllungen zu Gute, dass der libanesische Handy-Anbieter Alfa von israelischen Spionen unterwandert sein soll. Diese könnten die Gesprächsdaten manipuliert haben, um ihr den Mord in die Schuhe zu schieben, so die Hisbollah. Nasrallah behauptet gar, der geplante Prozess gegen Hariris Mörder sei eine "israelische Verschwörung" mit dem Ziel, die Hisbollah zu zerstören. Nach Informationen des SPIEGEL führen die Gesprächsdaten mehrerer im Zusammenhang mit dem Hariri-Mord benutzter Handys zu Mitgliedern der Schiiten-Miliz.

Das Tribunal will im Herbst dieses Jahres erste Ermittlungsergebnisse veröffentlichen. Sollte sich darin bestätigen, dass die Hisbollah - vielleicht als Handlanger Syriens - an der Planung des Attentats beteiligt war, stehen die Zeichen auf Sturm, könnte es zum Showdown zwischen rachedurstigen Hariri-Anhängern und der Hisbollah kommen. Die Hisbollah hatte in den vergangenen Jahren mehrfach ihre gutbewaffnete Miliz in den Kampf geschickt: im Sommer 2006 gegen Israel, im Mai 2008 gegen Anhänger von Hariri. Ein bewaffneter Konflikt beider Lager könnte den ganzen Nahen Osten in Brand setzen.

Washington hat sich zu laut und zu früh gefreut

Der nun anberaumte Gipfel soll das verhindern. Dazu ist neben Assad auch erstmals seit 1957 ein saudischer König in den Libanon gereist. Der 85-jährige Abdullah von Saudi-Arabien will eine Aussöhnung zwischen Assad und dem libanesischen Regierungschef Hariri Junior anbahnen, bevor das Tribunal seine aller Wahrscheinlichkeit nach brisanten Ergebnisse veröffentlicht. Der saudische Monarch hatte seinen Plan für eine Beruhigung der Lage im Libanon zuvor in Scharm el Scheich mit dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak abgestimmt.

Abdullah versucht seit einigen Monaten intensiv, dem Konflikt zwischen dem Libanon und Syrien die Spitze zu nehmen. So hat er in diesem Jahr drei Besuche von Saad Hariri in Damaskus angestoßen, beim letzten Besuch am vorletzten Wochenende hatten Syrien und der Libanon mehrere Kooperationsabkommen unterzeichnet.

Beinahe wäre das nun von König Abdullah eingefädelte Treffen, das langfristig auch positive Auswirkungen auf den eingefrorenen Nahost-Friedensprozess haben könnte, am Donnerstag noch geplatzt: In Washington hatte man sich zu laut und zu früh darüber gefreut.

"Wir denken, dass Präsident Assad und andere syrische Führer sehr genau auf die Worte von König Abdullah hören sollten", hatte der Sprecher des US-Außenministeriums, Philip Crowley, am Mittwoch in Washington erklärt. Das syrische Außenministerium giftete am Donnerstag zurück: "Es ist weder die Aufgabe noch das Recht der Vereinigten Staaten, unsere Beziehungen zu den Ländern dieser Region festzulegen oder sich in den Inhalt der erwarteten Gespräche während des Besuchs des saudischen Königs in Damaskus einzumischen."

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MoonofA 30.07.2010
1. Wer immer
Wer immer auch Hariri ermordet haben mag, Hizbullah war es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Tatsächlich hatte Hariri viele Feinde. Er hat als Regierungschef das alte Zentrum von Beirut den Grundbesitzern dort abgeluchst und dann von seiner Baufirma mit Steuerngeldern als modernes Stattzentrum wiederaufgebaut. Dabei sind einige Milliarden in seine privaten Taschen geflossen. Das Kängeruhgericht der UN hat schon mal für mehrere Jahre vier libanesische Generäle festgehalten weil sie angeblich Syrien bei dem Attentat geholfen hatten. Dabei ging es nur darum Syrein anzuschwärzen. Vor einem Jahr verbesserte sich das Verhältnis zu Syrien und die Generäle wurden ohne Anklagen freilassen. Das gleiche Gericht wird nun wieder für politische Zwecke missbraucht. Jetzt soll nicht mehr Syrien sondern Hizbullah Hariri getötet haben. Tatsächlich hat man schlicht keine Ahnung wer den Anschlag begangen hat. Merkwürdig ist allerdings das das Gericht sich geweigert hat eine mögliche Täterschaft Israels in seine Erwägungen einzubeziehen ...
Intelligenz_93 31.07.2010
2. Friede
Zitat von MoonofAWer immer auch Hariri ermordet haben mag, Hizbullah war es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Tatsächlich hatte Hariri viele Feinde. Er hat als Regierungschef das alte Zentrum von Beirut den Grundbesitzern dort abgeluchst und dann von seiner Baufirma mit Steuerngeldern als modernes Stattzentrum wiederaufgebaut. Dabei sind einige Milliarden in seine privaten Taschen geflossen. Das Kängeruhgericht der UN hat schon mal für mehrere Jahre vier libanesische Generäle festgehalten weil sie angeblich Syrien bei dem Attentat geholfen hatten. Dabei ging es nur darum Syrein anzuschwärzen. Vor einem Jahr verbesserte sich das Verhältnis zu Syrien und die Generäle wurden ohne Anklagen freilassen. Das gleiche Gericht wird nun wieder für politische Zwecke missbraucht. Jetzt soll nicht mehr Syrien sondern Hizbullah Hariri getötet haben. Tatsächlich hat man schlicht keine Ahnung wer den Anschlag begangen hat. Merkwürdig ist allerdings das das Gericht sich geweigert hat eine mögliche Täterschaft Israels in seine Erwägungen einzubeziehen ...
Da ist nichts merkwürdig dran - Israel kommt doch immer ungeschoren davon, egal wie falsch das Verhalten war, egal wie dreckig die Weste. Generell: Eine Annäherung, Aussöhnung, ein Friede zwischen Libanon und Syrien wäre ein Gewinn für beide Länder, aber auch für den Nahen Osten.
CAJ, 31.07.2010
3. ???
Zitat von sysopEin spektakulärer Gipfel soll die Feinde versöhnen. Der saudische König Abdullah hat in Beirut zwischen den Regierungen von Syrien und Libanon vermittelt. Seit dem Mord an Libanons Premier Hariri stehen die Nachbarn auf Kriegsfuß.*Die Einigung soll gelingen, bevor die Mordermittler ihren Report vorstellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709343,00.html
Aus und über Syrien werden die Waffen an der UN vorbei für die Hisbolah in den Libanon geschmuggelt. Die Hisbolah hat unter den Augen der UN und der Regierung des Libanons unter Mißachtung der Resolutionen nunmehr Waffen als zuvor. Deren Führer prahlen ja schon damit. Auf welchem Kriegsfuß da die beiden Nachbarn/Regierungen stehen sollen und welche Feinde da der saudische König versöhnen will ist mir schleierhaft. Ein Showgipfel mehr halt und unsere Medien fallen dankbar darauf herein ....
GeorgeF 31.07.2010
4. natürlich Israel
Zitat von Intelligenz_93Da ist nichts merkwürdig dran - Israel kommt doch immer ungeschoren davon, egal wie falsch das Verhalten war, egal wie dreckig die Weste. Generell: Eine Annäherung, Aussöhnung, ein Friede zwischen Libanon und Syrien wäre ein Gewinn für beide Länder, aber auch für den Nahen Osten.
Ihr 2. Satz ist natürlich richtig, der 1. jedoch voll daneben. Haben Sie irgendwelche Fakten zur Hand, dass Israel in den Hariri-Mord verwickelt ist? Wie lange haben Sie vor Ort ermittelt? Welche Zeugen können Sie benennen? Wäre es nicht sinnvoller, wenigstens den Bericht des UN-Gerichtes abzuwarten, anstatt vorab Pauschalbehauptungen vom Stapel zu lassen?
JDR 31.07.2010
5. ...
Zitat von CAJAus und über Syrien werden die Waffen an der UN vorbei für die Hisbolah in den Libanon geschmuggelt. Die Hisbolah hat unter den Augen der UN und der Regierung des Libanons unter Mißachtung der Resolutionen nunmehr Waffen als zuvor. Deren Führer prahlen ja schon damit. Auf welchem Kriegsfuß da die beiden Nachbarn/Regierungen stehen sollen und welche Feinde da der saudische König versöhnen will ist mir schleierhaft. Ein Showgipfel mehr halt und unsere Medien fallen dankbar darauf herein ....
Von einem Showgipfel kann wohl kaum die Rede sein. Assad hat mittlerweile mit einem neuen Bürgerkrieg gedroht, falls die, zum Zeitpunkt des Mordes noch syrisch kontrollierte Hezballah, deren bewaffneter Arm mittlerweile von einem iranischen Revolutionsgardisten befehligt wird, der Täterschaft beschuldigt werden sollte. Herausragend ist daran nur, dass es ihn überhaupt nicht interessiert, ob Beweise dafür gefunden wurden. Richtig ist, dass ein offener Bürgerkrieg niemandem wirklich nutzt. Richtig ist auch, dass die Politik der Achse Teheran-Damaskus-Beirut sich nicht geändert hat: Tut, was wir wollen und wir tun was wir wollen und alles ist gut. Kommt uns in die Quere und wir bringen euch um.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.