Harvard-Politologe Nye "Amerikas Soft Power ist wiederhergestellt"

Finanzkrise, Klimawandel, die Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan: Die Problemliste für den künftigen US-Präsidenten Barack Obama ist lang - dennoch glaubt der prominente US-Politologe Joseph Nye an Amerikas Stärken und setzt auf die "emotionale Intelligenz" von Obama.
Von Sebastian Borger

London - Joseph Nye wirkt wie einer, der sein Glück kaum fassen kann. In den 28 Jahren, seit der Demokrat im Januar 1981 mit dem abgewählten Präsidenten Jimmy Carter das Weiße Haus verließ, hat gerade mal ein Angehöriger seiner Partei acht Jahre lang Amerika regiert. Nun ist nicht nur ein Demokrat der gewählte nächste Chef des mächtigsten Landes der Welt. Barack Obamas Wahl hat auch allein durch seine Hautfarbe und seinen Werdegang mit einem Schlag das weltweite Ansehen der USA vollkommen verändert.

"Amerikas soft power ist wiederhergestellt", freut sich der Harvard-Politologe Nye, 71, und benutzt damit jenen Begriff, den er selbst vor 20 Jahren in die Analyse von Außenpolitik eingeführt hat: So wichtig wie die "harte Macht" durch Atomraketen und Panzer sei der 'weiche' Einfluss durch Hollywood-Filme, das Internet, Amerikanisch als lingua franca, die herausragende Qualität amerikanischer Hochschulen, schließlich die Werte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in einer multiethnischen Gesellschaft.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE analysiert der große alte Mann der amerikanischen Politikwissenschaft, der dieser Tage als Gast des Thinktanks Policy Network sowie der Alfred-Herrhausen-Stiftung (Deutsche Bank) London besuchte, die schwierigen Umstände, unter denen Obama und sein außenpolitisches Team agieren müssen. "Normalerweise gilt der Außenminister als wichtigstes Mitglied eines neuen Kabinetts", sagt Nye. "Jetzt aber fragt alle Welt: Wer wird Finanzminister?"

Finanzkrise, Klimawandel, die Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan, dazu die Herausforderung der Demokratien durch autokratische Regime in Russland und China - nicht umsonst sprechen Experten wie der frühere Vizeaußenminister Strobe Talbott von der "entmutigendsten Problemliste, die je einem neuen Präsidenten präsentiert wurde".

"Die Stärke der US-Wirtschaft bleibt eindrucksvoll"

Nye wäre nicht Nye, wenn ihm nicht auch Positives einfiele. Schließlich ist trotz des Zusammenbruchs führender Wallstreet-Banken der Kurs des Dollars in den vergangenen Wochen gestiegen. "Offenbar trauen uns viele Ausländer zu, dass wir unsere Probleme rasch lösen." Nye verweist auf die Wettbewerbsrangliste des World Economic Forums, bei dem Faktoren wie Arbeitsmarkt-Flexibilität, Hochschulen, Innovationsfähigkeit und moderne Infrastruktur gemessen werden. In der jüngsten Statistik belegt Amerika Platz eins. China liegt an 30. Stelle, Indien auf Platz 50, gefolgt von Russland. "Die grundsätzliche Stärke der amerikanischen Wirtschaft bleibt eindrucksvoll", glaubt Nye und argumentiert damit gegen den Trend, der die wirtschaftliche und politische Macht der USA verringert sieht.

Der Mode, Amerika herunterzureden, widersprach der herausragende Theoretiker transnationaler Beziehungen schon Ende der achtziger Jahre. Damals sah Nye sein Land "zur Führerschaft berufen" (bound to lead), so der Titel eines 1989 erschienenen Buches. Kurz darauf fiel die Berliner Mauer, endete der Kalte Krieg. In den Jahren darauf ging die USA daran, die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten - wohlgemerkt unter dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton. Einwände treuer Verbündeter, geschweige denn früherer Gegner, wurden auch unter dem Republikaner George Bush allenfalls angehört.

Rückkehr zu multilateralem Handeln?

Eindringlich mahnt Nye den neugewählten Präsidenten zur Abkehr von dieser Art, Außenpolitik zu machen. Auf dem "dreidimensionalen Schachbrett der transnationalen Politik" seien Macht und Einfluss selten eindeutig zuzuordnen: "Faktoren wie den globalen Kapitalmärkten, grenzüberschreitendem Terrorismus oder dem Klimawandel wird man nur durch Kooperation gerecht. Das Prinzip Befehl und Gehorsam funktioniert da nicht." Vieles spricht dafür, dass Barack Obamas Politikstil genau diesen Vorstellungen entspricht. Er besitze "emotionale Intelligenz, eine Vision und die Fähigkeit zur strategischen Kommunikation", hat Nye beobachtet.

Kehrt die USA unter ihrem neuen Präsidenten also zu multilateralem Handeln zurück? "Ja und Nein", antwortet Nye mit dem Anflug eines Lächelns. "Natürlich setzen Obama und sein Team auf internationale Zusammenarbeit. Gleichzeitig hat jede Nation ihre eigenen Interessen und verfolgt manche unilateralen Ziele." Ändern werde sich die Mischung, die sich unter Präsident Bush stark zu eigenständigem Handeln verschoben hatte.

Für Deutschland bedeutet dies: Amerika wird seine neugewonnene Glaubwürdigkeit dazu einsetzen, von den europäischen Verbündeten größere Anstrengungen zu fordern. Mehrfach hat Obama, der den Irak-Krieg ablehnte, die Vergrößerung der internationalen Truppenpräsenz in Afghanistan gefordert. Ob er auf deutsche Kampftruppen am Hindukusch drängen wird? Da wiegelt Nye ab: Die Probleme Afghanistans könnten ohnehin nicht ausschließlich mit militärischen Mitteln gelöst werden, eine gewisse Aufgabenteilung sei ganz normal. "Es hat wenig Sinn, politisches Kapital auf die Überwindung der deutschen Geschichte zu verwenden."

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