SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. Dezember 2007, 16:31 Uhr

Hashim Thaci in Kosovo

Die Häutung der Schlange

Aus Sarajevo berichtet Erich Rathfelder

Vom Guerilla-Krieger zum Ministerpräsidenten - Hashim Thaci hat es immer verstanden, sich wie ein Reptil den Umständen anzupassen. Nach dem Wahlsieg will er nun seinen Traum verwirklichen und bald die Unabhängigkeit des Kosovo verkünden. Die Verhandlungen darüber sollen noch heute beginnen.

Nichts erinnerte an diesem Abend an die bewegte Geschichte von Hashim Thaci. Am 17. November trat der Wahlsieger vor seine Parteifreunde. Er trug einen hellgrauen Anzug mit Schlips und Kragen, sorgfältig für den Fernsehauftritt gestylt. Ruhig verlas er die von seinen Beratern ausgearbeitete Rede vor vornehmlich jungen Leuten, die ebenfalls gut gekleidet waren und wohl aus der schmalen Mittelschicht Pristinas stammten. Nur einige wenige wettergegerbte Gesichter waren zu sehen.

Imagewandel: Der feine Zwirn soll die UCK-Vergangenheit vergessen machen
Getty Images

Imagewandel: Der feine Zwirn soll die UCK-Vergangenheit vergessen machen

Hashim Thaci ist es gelungen, seine Partei, die Demokratische Partei Kosova von dem Stallgeruch der alten Kämpfer der Kosova Befreiungsorganisation (UCK) zu befreien. Zum neuen Image passen die jungen, an ausländischen Universitäten ausgebildeten Berater und der stellvertretende Vorsitzende Enver Hoxhaj, Professor für politische Wissenschaften, promoviert und habilitiert in Wien.

Weit weg schien an diesem Abend Thacis ärmliche Kindheit in der besonders gebeutelten und aufmüpfigen Region Drenica. Am 24. April 1968 kam Thaci dort in dem Dorf Buroje (Brocna) bei Skenderaj (Srbica) zur Welt. Eine krisengeprägte Region: Als sich Anfang 1945 die deutsche Wehrmacht aus dem Kosovo zurückziehen musste, rückten serbische Truppen in die Region ein und richteten ein Massaker an. Noch heute zeugen die Gräber in den Dörfern von den Geschehnissen, die sich tief ins Bewusstsein der Bevölkerung eingegraben haben. Der Widerstand gegen Serbien ist in diesem Landstrich nie erloschen.

Der Dorfjunge Hashim Thaci geriet schon früh ins Blickfeld der serbischen Polizei. Als Jugendlicher soll er nach serbischen Darstellungen auf den Märkten als Dieb aufgefallen sein. Doch bestraft wurde er nie. Auch später nicht, als er Ende der achtziger Jahre Philosophie und Geschichte an der Universität Pristina zu studieren begann und wie die meisten Albaner von der Universität verwiesen wurde, nachdem der Autonomiestatus des Kosovo durch den damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic aufgehoben worden war. Thaci engagierte sich an der neu gegründeten albanischen Untergrund-Universität und wurde Sprecher der Studenten.

Als 1991 der Krieg in Kroatien und dann 1992 der Krieg in Bosnien begann, drohte auch den Albanern als serbische Staatsbürger der Einzug in die serbische Armee. Viele flohen nach Deutschland und Österreich, Thaci ging in die Schweiz. In Zürich setzte er sein Studium der Südosteuropäischen Geschichte und der Internationalen Beziehungen fort. Seine Professoren beurteilten ihn als "durchschnittlichen Studenten" - sie wussten wohl nicht, dass Thaci neben dem Studium politisch sehr aktiv war.

Beginn des bewaffneten Kampfes

1993 tauchte er im Rahmen der marxistisch-leninistischen Gruppe "Volksbewegung für Kosovo" auf. Deren Ziel: die Vereinigung aller albanischen Gebiete in Serbien und Mazedonien mit Albanien in einem sozialistischen Großalbanien. Zudem kehrte er von 1993 an mehrmals in das Kosovo zurück und begann den bewaffneten Kampf.

Am 25. Mai überfiel er mit einigen Genossen die Eisenbahnlinie bei Glogovac, vier serbische Polizisten wurden dabei getötet. 1996 soll Thaci nach serbischen Angaben bei Peje (Pec) einen serbischen Polizeiwagen beschossen und Handgranaten in den serbischen Armeestützpunkt in Vucitrn geworfen haben. Wegen dieser Anschläge wurde er im Juli 1997 in Abwesenheit zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Die "Drenica Gruppe", die spätere UCK, versuchte, Waffen ins Land zu schmuggeln, beschaffte Geld mit Autodiebstählen und anderen kriminellen Aktivitäten. Nicht gerade zimperlich ging sie mit "Verrätern" in den eigenen Reihen um. Die UCK ermordete in der Folgezeit mehrere "Kollaborateure".

Die albanische Bevölkerung lehnte den Terrorismus ab und verfolgte die Strategie des passiven Widerstandes, die vom Präsidenten des damaligen kosovo-albanischen Parallelstaates, Ibrahim Rugova, vorgegeben wurde. Als aber im November 1995 die internationale Gemeinschaft in Dayton nur über den Frieden in Bosnien verhandelte und Kosovo nicht berücksichtigte, kippte die Stimmung um. Rugovas Strategie war gescheitert. Thaci und seine Mitstreiter nutzten die Gelegenheit und verankerten die UCK in ganz Kosovo.

Aufstieg zum weltpolitischen Spieler

Der UCK, die noch zu Beginn des Jahres 1998 von der CIA als terroristische Organisation eingestuft wurde, gelang es schnell, in westlichen Augen zur Widerstandsorganisation aufzusteigen. Thaci, der Junge aus der Provinz mit dem Kriegsnamen "Gjarpni", die Schlange, wurde ein weltpolitischer Spieler.

Dazu beigetragen hat die Militärstrategie der Serben. Vom Frühjahr 1998 an zerstörten die serbischen Militärs mit schweren Waffen viele Dörfer und ganze Städte. Zehntausende flohen nach Montenegro und Albanien, Hunderttausende in die Wälder, etwa 2000 Menschen starben. Es entstand ein Szenario wie in Bosnien, im Westen wurden Erinnerungen an das schreckliche Massaker im bosnischen Srebrenica 1995 geweckt.

Thaci zwang mit seiner Strategie die internationale Gemeinschaft zum Handeln. Im Winter 1998/99 flammten die Kämpfe erneut auf. Die Nato bereitete einen Militärschlag gegen Serbien vor und zwang beide Seiten zu Verhandlungen. Thaci wurde Leiter der kosovo-albanischen Delegation in Rambouillet bei Paris und saß mit der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright und anderen Großen dieser Welt am Verhandlungstisch. Er zeigte sich kompromissbereit und unterschrieb gegen den Widerstand vieler seiner Mitstreiter ein Dokument, das Kosovo lediglich eine erweiterte Autonomie von Serbien zugestand.

Weil Milosevic dies ablehnte, machte die Nato ihre Drohung wahr und bombardierte 78 Tage lang Serbien. Das Kosovo wurde Protektorat der Uno, Nato-Truppen rückten ein - mit ihnen auch die UCK. Unter den Augen der Nato-Truppen vertrieben albanische Radikale Serben und Roma aus ihren Dörfern und übten Terror auch gegenüber Albanern aus. Thaci wurde Regierungschef, er soll sich damals selbst bereichert haben.

Thaci stimmte angesichts des Chaos der Auflösung der UCK zu. Bei den Wahlen 2000 bekam die Demokratische Partei Kosova des Hashim Thaci nur 25 Prozent der Stimmen, es siegte die Rugova-Partei LDK. Die Mehrheit der Albaner wollte den Terror der UCK nicht hinnehmen.

2003 ging Thaci schließlich in die Opposition. Er reformierte seine Partei und zeigte sich weiter anpassungsfähig und kompromissbereit. Er stimmte dem Ahtisaari-Plan einer von der EU überwachten Unabhängigkeit des Kosovo zu, Belgrad lehnte - wie Milosevic damals in Rambouillet - ab.

Thaci ist nun sicher, dass die internationale Gemeinschaft ein unabhängiges Kosovo akzeptieren wird. Ab heute will die Führung der Kosovo-Albaner mit ihren "internationalen Partnern" über die Unabhängigkeit beraten. Das kündigte der Sprecher der Verhandlungsgruppe, Skender Hyseni, in Pristina an. Das Ziel sei, Schritte für eine Unabhängigkeitserklärung zu koordinieren. Experten rechnen jedoch nicht mit einer baldigen Unabhängigkeitserklärung. Sie fürchten zudem Risiken für die gesamte Region. Der 39-jährige Thaci rief dagegen am Wahlabend seinen Anhängern zu: "Unser Traum geht in Erfüllung."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung