Jan Fleischhauer

Hate Speech Die Doppelstandards der "New York Times"

Amerikas Anti-Trump-Blatt Nummer eins hat eine Kolumnistin verpflichtet, die unter #CancelWhitePeople ausführte, warum sie Weiße für überflüssig halte. Von der Moral zur Doppelmoral ist es nur ein kleiner Schritt.
"New York Times"-Redaktion

"New York Times"-Redaktion

Foto: Brendan McDermid/ REUTERS

Für alle, die an Donald Trump verzweifeln, ist die "New York Times" Stimme des Trosts und der Hoffnung. Wenn es eine Zeitung gibt, die als Bollwerk des guten Amerika gilt, dann das Blatt aus der Heimatstadt des Präsidenten. "Ein Mann stellt sich gegen Donald Trump", so war nach dem Besuch des "Times"-Herausgebers A. G. Sulzberger im Weißen Haus ein Aufmacher bei SPIEGEL ONLINE überschrieben.

Im Kosmos der "New York Times" nimmt die sogenannte Op-Ed-Seite eine besondere Stellung ein. Wer hier schreibt, darf all das sein, was die Zeitung sich nach außen versagt: gnadenlos voreingenommen, nur sich und der eigenen Weltsicht verpflichtet. Schon in der Vor-Trump-Zeit war die Auswahl der Kolumnisten ein Hoheitsakt, der von der Öffentlichkeit so genau beobachtet wurde wie die Berufung ins Politbüro.

Da ist der weitreisende Thomas Friedman, bei dem man sich immer fragt, wie er seine Schreibtätigkeit mit seinen unzähligen Podienauftritten in Einklang bringt; der Linksexzentriker Paul Krugman, der jeden Republikaner für einen Bösewicht oder einen Trottel hält; die scharfzüngige Maureen Dowd, deren Schlangenbiss die Betroffenen noch nach Wochen schmerzt; der sanfte Konservative David Brooks mit seinem rührenden Einsatz für "Anstand" und "Charakter".

Dieser Tage gab es wieder einen Zuwachs. Sarah Jeong soll ab sofort über alles schreiben, was mit dem Internet zusammenhängt. Die Frau ist aus Sicht einer Zeitung wie der "New York Times" eine Idealbesetzung: jung, weiblich, mit Migrationshintergrund (sie ist in Südkorea geboren). Dazu schon ausweislich ihrer Haarfarbe (lachsfarben) und ihrer Sprache Vertreterin einer Generation, die man gerne als Abonnenten gewinnen würde.

Unangenehmes Déjà-vu

Sarah Jeong

Sarah Jeong

Foto: James Bareham / The Verge

Leider ist die Freude über die Verpflichtung nicht ungetrübt: Kaum war die Personalie verkündet, tauchten Einträge auf, die Jeong auf Twitter hinterlassen hatte, und die, sagen wir, nicht ganz zum Ton der "grey old Lady" passen.

Jeongs Twitter-Ich hatte unter dem Hashtag #CancelWhitePeople freimütig bekannt, für wie überflüssig sie Weiße halte. Sie hatte darüber sinniert, welch irre Freude sie empfinde, "grausam zu alten weißen Männern zu sein", oder sich gefragt, ob Weiße "genetisch dazu neigen, schneller in der Sonne zu verbrennen".

"Junge Migrantin räumt auf", ist ein Genre, das sich auch in Deutschland einer gewissen Beliebtheit erfreut. Die Berliner "tageszeitung" beschäftigt mit Hengameh Yaghoobifarah eine Kolumnistin, die im Wochenrhythmus gegen die "Kartoffeln" zu Felde zieht, womit nicht die Knolle, sondern der Durchschnittsdeutsche gemeint ist. Auch meine Kollegin Margarete Stokowski ist nicht dafür bekannt, Gefangene zu machen.

Aber gegen Jeong sind die beiden Nonnen. Entsprechend groß ist die Empörung über das Engagement der amerikanischen Amazone. Die Chefredaktion der "Times" stellte sich in einer Erklärung vor die Kolumnistin. Man habe mit "Sarah" offen gesprochen, sie sehe ein, dass diese Form der Rhetorik bei der "New York Times" nicht akzeptabel sei.

Ich persönlich finde es respektabel, wenn eine Zeitung sich nicht gleich beim ersten Entrüstungssturm wegduckt, sondern Rückgrat zeigt. Aufmerksame Leser müssen an dieser Stelle allerdings ein unangenehmes Déjà-vu gehabt haben.

Die Biegsamkeit moralischer Ansprüche

Es ist noch nicht einmal sechs Monate her, dass ihnen für die Stelle der Tech-Kolumnistin eine Journalistin präsentiert wurde, die über mindestens so viel Erfahrung verfügt wie Jeong. Quinn Norton, so ihr Name, hatte vorher für "Wired" geschrieben. Sie ist bestens mit der amerikanischen Hackerszene vertraut und war, bis zu dessen Tod, mit einem der bekanntesten amerikanischen Netzaktivisten liiert. Auch in ihrem Fall tauchten nach der Berufung zur Op-Ed-Autorin Tweets auf, die einen Teil der empörungsbereiten Öffentlichkeit nach der sofortigen Beendigung des Vertragsverhältnisses rufen ließ.

Wie sich herausstellte, hatte Norton, die sich seit Langem für die Sache der Schwulen und Lesben einsetzt, ein paarmal das Wort "Fag", also "Schwuchtel" benutzt. Sie hatte einen Tweet retweetet, in dem einer ihrer Bekannten in Verteidigung von Barack Obama das N-Wort benutzt hatte. Außerdem hatte sie sich geweigert, ihre Freundschaft zu einem Mann zu beenden, der es als Neonazi zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat. Norton wies darauf hin, dass sie über einen sehr heterogenen Freundeskreis verfüge, darunter befänden sich auch Leute, deren Meinung sie schrecklich finde. Es half nichts. Nur sechs Stunden nach Bekanntgabe der Verpflichtung löste die Chefredaktion der "New York Times" den Vertrag wieder auf.

Es lohnt, die beiden Fälle nebeneinander zu legen, weil sie etwas über die Biegsamkeit moralischer Ansprüche sagen. Es ist in diesen Tagen viel über den Verlust moralischer Autorität die Rede und darüber, wie wichtig Haltung sei. "Die Wahrheit verlangt unsere Aufmerksamkeit", lautet der neue Werbespruch der "Times". Wer als moralische Instanz ernst genommen werden will, tut allerdings gut daran, seine Maßstäbe nicht den Gegebenheiten anzupassen, würde ich sagen. Die meisten Menschen haben ein feines Gespür, wo Moral endet und Doppelmoral beginnt. Heuchelei ist eine Eigenschaft, auf die viele aus gutem Grund allergisch reagieren.

Jeong hat erklärt, ihre Tweets hätten dem "Countertrolling" gedient, also dem Versuch, dem Hass im Netz durch ironische Steigerung zu begegnen. "Das war als Satire gemeint - aber ich bedaure zutiefst, dass ich die Sprache meiner Angreifer übernommen habe", heißt es in einer Stellungnahme. Wie man auf die Idee kommen kann, den Hass einzudämmen, in dem man ihn verdoppelt, war mir schon immer ein Rätsel.

Ich traue mir zu, Ironie und Satire von Ernstgemeintem unterscheiden zu können. Wenn ein Journalist ein "Pro und Kontra" in der "Zeit" zur Seenotrettung im Mittelmeer zum Anlass nimmt, eine Umfrage zu präsentieren, in der gefragt wird, ob man auf "Zeit"-Redakteure schießen solle, kann ich den satirischen Ansatz erkennen. Wenn der Journalist dazu aufruft, der Redakteurin, deren Meinung er nicht teilt, brühenden Kaffee ins Gesicht zu schütten, halte ich das für die Gewaltfantasie eines Mannes, die unter anderen politischen Vorzeichen nicht betretenes Schweigen, sondern eine Kündigung zur Folge hätte.

Es gibt viele Wege, Vertrauen zu ruinieren. Ein Weg ist, bei sich oder politisch Nahestehenden zu entschuldigen, was man bei anderen als verwerflich geißelt.