Hatice Kamer Türkische Polizei verhaftet WDR-Journalistin

Rigoros geht die Türkei gegen unliebsame Journalisten vor. Nun wurde Hatice Kamer verhaftet, Reporterin für WDR und BBC. Nach einer Nacht im Gefängnis ist sie wieder frei. Die Anklage, sie habe Terroristen unterstützt, bleibt bestehen.

Hatice Kamer
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Im kurdisch geprägten Südosten der Türkei ist eine Journalistin festgenommen worden, die für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) und das türkischsprachige Programm der öffentlich-rechtlichen britischen Sendergruppe BBC arbeitet. Hatice Kamer sei am Sonntag nach einer Nacht in Haft wieder freigelassen worden, teilten die beiden Sender mit.

Laut WDR sagte Kamer in einem Telefonat, dass sie wegen "Terror-Unterstützung" angeklagt werden solle. Die türkische Journalistin war während Recherchen über ein Unglück in einer Kupfermine in der Kurdenregion Siirt festgenommen worden. Kamer habe die ganze Nacht im Hauptquartier der Polizei in Siirt zugebracht, heißt es von der BBC.

Die türkischen Behörden gaben auch nach Kamers Freilassung keine Erklärung zu dem Fall ab. Kamers Familie und ihr Anwalt bestätigten dem WDR die Freilassung. Sie sei zuvor in das Dezernat für Terrorbekämpfung gebracht worden. Ihr Anwalt hätte mitgeteilt, Kamer werde im Rahmen der Ausnahmeregelungen, die die türkische Regierung ausgerufen hat, fünf Tage keinen rechtlichen Beistand bekommen.

In einem Telefongespräch nach ihrer Freilassung sagte Kamer, es gehe ihr den Umständen entsprechend gut. Ihr sei mitgeteilt worden, dass sie sich einem Prozess stellen müsse. Die Anklage werfe ihr vor, durch ihre Berichterstattung die als Terrororganisation verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unterstützt zu haben. Dafür gebe es keinerlei Belege, sagte Kamer laut WDR.

Mehr als 150 Zeitungen, Radio- und Fernsehsender geschlossen

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) hat die Festnahme der Reporterin verurteilt. Kamer habe bis zu ihrer Festnahme zu den ganz wenigen Kollegen gezählt, "von denen wir noch unabhängige Nachrichten aus dem Land bekommen haben", erklärte der DJV-Vorsitzende Frank Überall am Sonntag. Kamer berichtet auch für "Voice of America". Der erneute Fall zeige, wie die türkische Regierung derzeit unliebsame Journalisten drangsaliere.

Seit dem versuchten Militärputsch im Juli gehen die türkischen Behörden mit aller Härte gegen ihre mutmaßlichen Gegner vor. Das betrifft nicht nur mutmaßliche Anhänger des im Exil lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen, den die Regierung in Ankara für den Putschversuch verantwortlich macht, sondern auch mutmaßliche Anhänger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Zehntausende Menschen insbesondere aus dem Bildungswesen, den Medien, den Streitkräften und der Justiz wurden festgenommen, Zehntausende weitere aus dem Staatsdienst entlassen oder suspendiert. Nach Angaben von Journalistenvereinigungen schloss die türkische Regierung in den vergangenen Monaten bereits mehr als 150 Zeitungen, Radio- und Fernsehsender.

boj/dpa/AFP

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