"Hau ab, du Idiot" Sarkozys Ausraster liefert Gegnern neue Munition

Peinlicher Auftritt auf der Landwirtschaftsschau: Ein 40 Sekunden kurzer Video-Clip hat genügt, um Nicolas Sarkozy als unbeherrscht und vulgär bloßzustellen. Öffentlichkeit und Opposition sind empört. Hat der französische Präsident das Amt beschädigt?

Von , Paris


Paris - Die Landwirtschaftsschau an den Pariser Ausstellungshallen unweit der Porte de Versailles gehört zu den alljährlichen Pflichtterminen der nationalen Politik: Wenn auf 140.000 Quadratmetern die "Vielfältigkeit und Authentizität" von Frankreichs Regionen vorgeführt wird, strömen alljährlich nicht nur mehr als 700.000 Besucher durch die Hallen, auch Regierungspolitiker und Oppositionspromis nutzen die Gegenwart von 1000 Ausstellern und 450 Bauern, um auf Tuchfühlung zum ländlichen Wähler zu gehen.

Ex-Präsident Jacques Chirac zumal, beheimatet in der landwirtschaftlichen Region Corrèze, ging in die Geschichte der Leistungsschau als passionierter Kenner ein: Er tätschelte Rinderhintern, Pferdeflanken und Borstenvieh, gab Küsschen und schüttelte Hände. Er biss in Pasteten, Trockenwurst und Schmalzbrote, nippte an Weißen und Roten aus allen Regionen – bis zu sechs Stunden lang. Die Bauern liebten ihn.

"Speedy Sarko", der daueraktive Präsident, hat für derart erdschwere Traditionen wenig übrig. Der amtierende Staatschef Nicolas Sarkozy, stets auf den "Bruch" mit den Gepflogenheiten seines Vorgängers bedacht, versammelte die Bauern zur Eröffnung am Samstag hingegen in einer Arena des Ausstellungsgeländes und bedachte sie mit einer kernigen Ansprache zu den überfälligen Reformen der Europäischen Landwirtschaftsordnung. Motto: Wenn Frankreich im Juli die Präsidentschaft übernimmt, wird ordentlich aufgeräumt.

Doch nicht die programmatischen Versprechungen blieben als Eindruck zurück, sondern der peinliche Ausrutscher, den sich der Präsident zuvor beim hastigen Bad in der Menge geleistet hatte: Eingeklemmt zwischen Sicherheitsbeamten, seinem Landwirtschaftsminister und der Prominenz der Bauernschaft, kämpft sich Sarkozy, lächelnd aber sichtlich nervös, an ausgestreckten Händen vorbei. Bis sich ein älterer Herr dem präsidialen Händedruck verweigert. "Fass mich nicht an", grummelt der ältere Herr mit Brille. "Hau ab", raunzt Sarkozy zurück. "Du machst mich schmutzig", entgegnet der Gaffer provozierend. Und Sarkozy reagiert mit einem pampigen "Casse-toi, pauv'con!" - Hau ab, du Idiot.

Der fetzige Schlagabtausch, festgehalten auf einem Video und von der Zeitung "Le Parisien" auf seiner Web-Seite verbreitet, bestimmt seither die Debatte über die fehlende Contenance des Staatschefs. "Unerträglich", rügte etwa der Chef der Sozialisten Francois Hollande den Video-Clip, der bis Sonntagabend fast eine Million Mal aufgerufen wurde, "der Präsident darf sich nicht wie ein gewöhnlicher Bürger aufführen".

"Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Nicolas Sarkozy weder sich noch die Situation in der Hand hat", kommentierte auch PS-Promi Jean-Christop Cambadélis den präsidialen Ausrutscher. Es nutzte wenig, dass das gesamte Regierungslager dem entlarvten Präsidenten beisprang: "Politiker dürfen nicht zu Türvorlegern werden, auf denen man sich systematisch die Füße abstreift", verteidigte etwa Birce Hortefeux, langjähriger Freund und Minister für Zuwanderung, die Reaktion des Staatschefs. Erziehungsministerin Valérie Pécresse mahnte zur Ruhe: "Eine sekundenlange Geste des Ärgers darf nicht das Urteil über Persönlichkeit und Haltung des Staatschefs nach sich ziehen."

Tut sie aber doch. Denn den Franzosen ist bestens in Erinnerung, dass Sarkozy bei einer Visite im bretonischen Fischerhafen Guivilnec auf den vulgären Ausfall eines streikenden Fischers mit ebenso vulgärem Ton geantwortete hatte. Sicher ist: Der Präsident, zwei Wochen vor den Kommunalwahlen unter Druck durch ein Dauertief in den Meinungsumfragen, hat sich mit seiner Entgleisung einen Tort angetan. Einmal mehr fragen sich auch seine Parteigänger, ob der Staatschef mit diesem Verhalten nicht die Würde der obersten Institution der Fünften Republik ramponiert.

Dominique de Villepin, Ex-Premier unter Chirac und Intimfeind des Staatschefs grübelte, im Privatsender Canal+ über der Qualifikation seines Parteigenossen. "Nicolas Sarkozy könnte ein guter Präsident sein, aber es gibt heute unglücklicherweise das Gefühl eines gewissen Schlamassels." Jean-Marie Le Pen vom rechtsextremen Front National unterstrich, dass Sarkozy einen "schweren Fehler" begangen habe, weil er versucht sei, "sich wie ein Kumpel darzustellen".

"Es ist nicht das erste Mal, dass Herr Sarkozy Probleme mit seinem Betragen hat", legte Le Pens jüngste Tochter Marine noch eins drauf und nutzte den Zwischenfall für eine ironische Frage nach der Amtstauglichkeit des Präsidenten: "Seine Impulsivität wird langsam beunruhigend: Vielleicht sollte man ihm den Auslöser für die Nuklearwaffe wegnehmen?"

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