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Wikipedia auf Kubanisch: Havannas Sicht auf die Welt

Havanna im Netz Kubanische Wikipedia erklärt die Welt neu

Kubas Regierung hat einen neuen Propaganda-Kanal entdeckt: ein eigenes Lexikon im Web. Fast 20.000 Einträge finden sich dort schon. Aufgeklärt wird über die "glorreiche Rückkehr" Fidel Castros und die "schmutzigen Geschäfte" der Familie Bush.

Fidel Castro

Havanna - Der Revolutionsführer im Ruhestand ist selbst gern im Internet aktiv. Regelmäßig veröffentlicht seine "Überlegungen von Kamerad Fidel". Gerne lässt er sich darin über das "Imperium" aus - gemeint sind die USA. Der Erzfeind darf nun natürlich auch nicht fehlen in der Internet-Enzyklopädie, welche die kubanische Führung soeben gegründet hat.

EcuRed heißt die Seite, die nach dem Vorbild von Wikipedia gestaltet ist. Am Dienstag ist sie offiziell gestartet. In den bislang etwa 20.000 Einträgen wird vor allem eines deutlich: Havannas Sicht auf die Welt.

Um Beiträge verfassen oder verändern zu können, müssen sich die Autoren von EcuRed registrieren lassen. Der Regierungsseite cubadebate.cu zufolge wird die virtuelle Bibliothek ohne kommerzielles Interesse betrieben.

In dem Web-Lexikon werden die Vereinigten Staaten als "Imperium unserer Epoche" beschrieben. Es lebe vom Glauben daran, eine "moralische Überlegenheit zu besitzen, weil sie sich für das auserwählte Volk halten". Amerikanische Regierungschefs hätten Kuba immer so betrachtet, "wie man eine schöne Frucht bewundert, die einem schließlich in die Hände fällt".

Noch detaillierter wird über den früheren US-Präsidenten George W. Bush informiert: Dieser stehe in einer "langen familiären Tradition von schmutzigen Geschäften, Mauscheleien und Regierungsintrigen". Zahlreiche Experten hätten ihn charakterisiert als "weißen Mann, der glaubt, er sei Gott".

Anders wird natürlich Fidel Castro beschrieben. In einem ausführlichen Eintrag wird das Leben des 84-Jährigen gewürdigt, der nach seiner Krankheit nun "glorreich zurückgekehrt" sei. "Heute schreibt er und beteiligt sich an dem weltweiten Kampf der Ideen", erklärt EcuRed. Wegen seiner "moralischen Autorität" beeinflusse er wichtige und strategische Entscheidungen der Revolution.

"Wissen für alle und mit allen"

Auch Bruder und Staatspräsident Raúl Castro, der offiziell 2008 ins Amt gewählt wurde, ist ein Artikel gewidmet. Darin wird er als "revolutionärer Kämpfer, politischer Führer, Staatsmann und Militärchef" beschrieben: Er habe die Kubaner in ihrem Streben immer unterstützt, die ihre Souveränität und Unabhängigkeit verteidigten.

Nicht erwähnt werden dagegen die wirtschaftlichen Umbrüche auf der Insel: Die Wirtschaft soll dezentralisiert, Privatunternehmen sollen gestärkt und Subventionen abgeschafft werden. Um den Staatshaushalt zu entlasten, wird die Regierung bis zum März 500.000 Staatsangestellte entlassen. Die nächste Verarmungswelle zeichnet sich bereits ab: Viele Kubaner sollen künftig auf eigene Rechnung wirtschaften - ohne Weiterbildung, Kredite und freien Zugang zu Waren.

Doch davon ist bei EcuRed bislang noch nichts zu lesen. Ziel der Seite ist es nach eigenen Angaben, "Wissen für alle und mit allen zu schaffen und zu verbreiten - aus Kuba und mit der Welt". Das wird auf der Homepage erklärt, darunter finden sich Tipps für die Nutzung von EcuRed, die "Nachricht des Tages" und "Kurioses" ("Auf Kuba gibt es mehr als 14.000 Tierarten").

EcuRed war am Dienstag allerdings wegen Überlastung nur schwer aufzurufen. Statt eines Zitats des kubanischen Nationalhelden José Martí ("Gebildet zu sein, ist die einzige Möglichkeit, frei zu sein") war dort oft nur eine Fehlermeldung zu lesen: "EcuRed hat ein Problem."

kgp/dpa/Reuters