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05. Juni 2008, 12:21 Uhr

Havarie in Krsko

AKW-Panne beunruhigt Sloweniens Nachbarn und Umweltschützer

Die slowenischen Behörden, die EU und auch Bundesminister Gabriel halten den Zwischenfall im AKW Krsko für ungefährlich. Doch Umweltschützer warnen vor einer frühzeitigen Entwarnung. Auch Behördenvertreter im Nachbarland Kroatien sind besorgt.

Zagreb/Krsko - In Zagreb haben die Meldungen über den Zwischenfall im slowenischen AKW Krsko große Besorgnis ausgelöst. "Der Atommeiler in Krsko ist eine ständige Bedrohung und Gefahr für die Einwohner unserer Hauptstadt", sagte Pavle Kalinic, der Chef des Krisenstabs in Zagreb. Er habe vom Zwischenfall erst von "Freunden aus Österreich" erfahren, zitierte ihn die Tageszeitung "Vecernji list" unter der Überschrift: "Kroaten haben als letzte vom Zwischenfall gehört". Das Kernkraftwerk liegt nur 50 Kilometer von Zagreb entfernt.

Nach Angaben der EU-Kommission wurde am Mittwoch das Notfallsystem zum Informationsaustausch bei radioaktiven Vorfällen (Ecurie) zur Information aller 27 Mitgliedstaaten eingeschaltet, nachdem im Hauptkühlsystem des Kraftwerks Krsko Kühlflüssigkeit ausgetreten war. Der Betreiber des Atomkraftwerks fuhr das Kraftwerk am Abend herunter. Ein Entweichen von Radioaktivität in die Umwelt wurde laut EU-Kommission nicht festgestellt.

Die Leitung des Atomkraftwerks bekräftigt, das Leck in dem Atommeiler habe keine Auswirkung auf Menschen und Umwelt gehabt. "Das Problem ist nichts Außergewöhnliches", sagte AKW-Direktor Stane Rozman dem Rundfunksender Radio Slovenija. Der Fehler sei geortet worden und solle in "wenigen Tagen" behoben werden.

Er bezeichnete die Abschaltung der Anlage als angemessen. "Wir haben richtig gehandelt. Es war die vorgesehene Sicherheitsvorkehrung für solche Fälle", sagte der AKW-Chef. Das Krisenmanagement der slowenischen Atomschutzbehörde wollte er nicht kommentieren. Die slowenische Regierung hatte Fehler bei der Benachrichtigung der EU über den Vorfall eingeräumt, bei dem Kühlwasser aus dem Kühlkreislauf des Atomreaktors ausgetreten sein soll: Der Zwischenfall sei zunächst als Übung der Strahlenschutzbehörde im benachbarten Österreich gemeldet worden, hieß es nach slowenischen Medienberichten. Es sei aus Versehen zunächst ein falsches Formular benutzt worden, sagte der Leiter der slowenischen Atomschutzbehörde, Andrej Stritar, dem slowenischen Fernsehsender TVS am Mittwochabend. Später sei der Fehler korrigiert worden.

Sloweniens Umweltminister Janez Pubodnik vermutet, dass das Atomkraftwerk schon in Kürze wieder funktionieren kann. "Es ist in den kommenden Tagen nur eine sehr kleine Reparatur nötig", sagte er am Rande eines EU-Umweltministertreffens in Luxemburg. "Es gab keinen Unfall, sondern nur einen geringfügigen Austritt von Wasser. Die Lage ist völlig unter Kontrolle und es gibt keine Auswirkungen auf die Umwelt."

Google Earth / TerraMetrics
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel vertraut den Angaben der Behörden in Slowenien. "Wir haben eine Meldung, bei der davon auszugehen ist, dass es keinen Austritt von Radioaktivität gegeben hat", sagte der SPD-Politiker in den ARD-"Tagesthemen". "Es gibt keine Gefahr für die deutsche Bevölkerung." Nun gehe es darum, das Problem in dem Reaktor in Slowenien zu beheben.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hält eine Entwarnung nach dem Zwischenfall für verfrüht. Vor allem die Entwarnung deutscher Behörden sei erstaunlich, "weil erst eine sehr kurze Zeit seit dem Störfall vergangen ist", sagte Atomexperte Thomas Breuer im Nachrichtensender N24. Man dürfe nicht vergessen, "dass immerhin ein Alarm ausgelöst wurde, den es so in Europa noch nie gegeben hat".

Breuer hob hervor, dass es in Krsko zu einem Kühlmittelverlust gekommen sei. "Und das ist prinzipiell das Schlimmste, was in einem Atomkraftwerk passieren kann." In diesem Fall bestehe die Gefahr einer Kernschmelze. Auch wenn die Behörden Entwarnung gegeben hätten, sei man "noch nicht auf der sicheren Seite", sagte sein Kollege Heinz Smital dem Audiodienst der dpa. "Ein Leck im Primär-Kühlkreislauf ist sehr kritisch." Dabei gehe es weniger darum, ob radioaktives Wasser austritt, sondern ob man den Reaktorkern weiter kühlen kann. Unmittelbar nach dem Abschalten sei "die Hitze so hoch, dass es zur Kernschmelze kommen kann". In Krsko würden offenbar jetzt "Abwehrmaßnahmen und Notfallhandlungen" durchgeführt. Smital betonte, nach seinem derzeitigen Kenntnisstand bestehe für Deutschland "keinerlei Gefahr".

Slowenien hat die Internationale Atomenergiebehörde IAEA bereits am frühen Mittwochabend über den Zwischenfall in seinem Atomkraftwerk Krsko informiert. Dabei stellten die Verantwortlichen klar, dass es sich um ein "ungewöhnliches Ereignis" in dem Kernkraftwerk Krsko gehandelt habe. Dies ist die niedrigste von vier Alarmstufen der slowenischen Atomsicherheitsbehörde SNSA. Radioaktivität sei dabei nicht frei geworden, teilte Ljubljana der Wiener Atombehörde mit.

Nach Angaben der SNSA hatten Techniker das Leck im Kühlsystem des Reaktors bereits gegen 15 Uhr Ortszeit entdeckt. Daraufhin sei der Reaktor manuell heruntergefahren worden. Dieser Vorgang sei um 21.30 Uhr abgeschlossen worden. Auf Bitten der Sicherheitsbehörde habe das Interventionszentrum der IAEA anschließend die Nachbarländer Österreich, Kroatien, Ungarn und Italien informiert.

Das Atomkraftwerk im Südosten Sloweniens ist bereits vor knapp fünf Jahren wegen einer Störung vorübergehend abgeschaltet worden. Damals war ein Schaden an einem Ventil der Hauptdampfleitung entdeckt worden, berichtete die slowenische Nachrichtenagentur STA im August 2003. Das Land sei wegen des technischen Problems einem weitgehenden Zusammenbruch der Energieversorgung nahe gewesen, hieß es.

Der Meiler ist vor 31 Jahren vom US-Konzern Westinghouse gebaut worden und ist das einzige Atomkraftwerk auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Das Kraftwerk befindet sich auf slowenischem Territorium, gehört aber zur Hälfte Slowenien und Kroatien. Es produziert etwa 20 Prozent des slowenischen und 15 Prozent des kroatischen Strombedarfs. Wegen angeblicher Sicherheitsmängel protestieren vor allem österreichische Umweltschützer schon seit Jahren gegen den Betrieb des Atommeilers.

als/dpa/ddp/AFP/AP

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