Hearing im Unterhaus Murdochs Frau wehrt Attacke auf Ehemann ab

Plötzlich war Tumult im Saal: Rupert Murdoch ist mitten in der Anhörung zur britischen Zeitungsaffäre attackiert worden. Ein Brite beschmierte den 80-Jährigen mit Schaum - dessen Frau Wendi drängte den Störer zurück. Murdochs Vertraute Rebekah Brooks sieht sich im Spitzelskandal zu Unrecht beschuldigt.  

REUTERS

London - Was wusste Rupert Murdoch von den Geschehnissen bei seiner inzwischen eingestellten Skandalzeitung "News of the World"? Zu der Frage, die ganz Großbritannien bewegt, hat der 80-Jährige am Nachmittag vor dem Medienausschuss des britischen Parlaments Stellung genommen. Auch sein Sohn James sagte vor dem Gremium aus. Murdochs langjährige Vertraute Rebekah Brooks trat am frühen Abend gegen 18.45 Uhr MESZ vor die Mitglieder des Ausschusses.

Zuvor war es während der öffentlichen und von mehreren Fernsehsendern übertragenen Anhörung zu einem Zwischenfall gekommen: Gegen 17.50 MESZ wurde Rupert Murdoch von einem Mann in einem karierten Hemd angegriffen - die Zuschauer hörten erschrockene Rufe der Anwesenden. Fernsehbilder zeigten, wie der Medienunternehmer von dem Mann mit einer zähen, weißen Flüssigkeit - möglicherweise Rasierschaum, Pudding oder Farbe - attackiert wurde.

Brite kündigt Schaum-Attacke über Twitter an

Der Mann warf einen Teller mit dem weißem Schaum auf Murdoch, der dabei an der Schulter getroffen wurde. Fernsehbilder zeigten, wie Murdochs Frau Wendi Deng aufsprang, mit der Hand ausholte und den Angreifer wütend zurückdrängte. Auch sein Sohn James eilte seinem Vater zu Hilfe. Verletzt wurde anscheinend niemand.

Der Angreifer wurde von Polizisten in Handschellen abgeführt. Publikum und Presse mussten den Saal verlassen. Die Sitzung wurde nach etwa 15 Minuten fortgesetzt - mit einem unverletzten Murdoch, der ohne Jackett wieder Platz nahm.

Fotostrecke

5  Bilder
Spitzelskandal: Attacke auf Murdoch
Den Sendern Sky und CNN zufolge handelte es sich bei dem Angreifer um einen britischen "Comedian und Aktivisten" namens Jonnie Marbles.

Zumindest dessen Twitter-Profil würde einen Hinweis darauf geben: "Das wird mit Abstand das Beste, was ich jemals gemacht habe #Platsch!" wurde wenige Minuten vor dem Zwischenfall auf Marbles mutmaßlichem Twitter-Account gepostet. Zuvor hieß es in Anspielung auf einen fiesen "Simpsons"-Charakter: "Ich bin im Saal und kann bestätigen: Mr. Murdoch ist Mr. Burns." Bislang wurde die Identität des Angreifers nicht offiziell bestätigt.

Auto von Fotografen umzingelt

Der Zwischenfall unterbrach die spektakuläre Anhörung im Zuge der größten Spitzelaffäre in der britischen Medienwelt. In einer schriftlichen Stellungnahme, die Murdoch dem Ausschuss übergab, bezeichnete er das Abhören des Handys eines jungen Mordopfers durch seine Zeitung als schlimmste Erfahrung seiner Karriere. "Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so schlecht gefühlt zu haben", erklärte er.

Um Punkt 15.37 Uhr MESZ waren die Murdochs vor dem Gremium der Abgeordneten erschienen. Das Auto des Medienmoguls war bei dessen Ankunft von Fotografen umzingelt. Stundenlang saß Murdoch mit versteinertem Gesicht vor den Parlamentariern, schräg hinter ihm verfolgte seine Ehefrau Wendi das Geschehen. "Das ist der demütigendste Tag meines Lebens", sagte Murdoch senior zu Beginn der Anhörung.

Der mächtigste Medienunternehmer der Welt zeigte weder vor noch nach der Attacke persönliche Reue. Murdoch bestritt auf Nachfrage der Abgeordneten jede Kenntnis eines Fehlverhaltens seiner Mitarbeiter. Er sei in die Irre geführt worden. Die Schuld liege bei den Menschen, denen er vertraut habe "und vielleicht denen, denen sie vertraut haben".

"Schockiert, entsetzt und beschämt"

Er sei über die Vorwürfe gegen seinen Konzern absolut "schockiert, entsetzt und beschämt", sagte Murdoch weiter. Aus diesem Grund habe er auch die "News of the World" eingestellt.

Allerdings sei es nicht sein persönlicher Job, die juristische Aufarbeitung des Falls zu übernehmen, betonte Murdoch. Ohnehin habe er im Tagesgeschäft die "News of the World" aus den Augen verloren, weil die Zeitung nur ein kleiner Teil seines Medienimperiums gewesen sei.

Mit dem Chefredakteur des Boulevardblattes habe er nur etwa einmal pro Monat gesprochen, sagte Murdoch. Häufiger habe es Gespräche mit den Verantwortlichen der "Sunday Times" in Großbritannien und des "Wall Street Journals" gegeben.

Fotostrecke

8  Bilder
Murdoch, Coulson, Brooks und Co.: Die Gesichter hinter dem Skandal
Der greise Medienmogul verwahrte sich gegen den Vorwurf, dass sein Unternehmen untätig gewesen sei. Schmiergeldzahlungen seien ihm nicht bekannt gewesen. Auch die inzwischen als Chefin der britischen Zeitungsgruppe des Murdoch-Konzerns News Corp. zurückgetretene Brooks habe nichts davon gewusst. Das Unternehmen werde die Schuldigen des Skandals ausfindig machen und zur Rechenschaft ziehen.

Brooks: Privatdetektive sind Standard

Brooks selbst war am Wochenende vorübergehend festgenommen worden. Sie wurde nach Vater und Sohn Murdoch vernommen. Die 43-Jährige mit den roten Locken bat ebenfalls um Entschuldigung für den Skandal und bestritt eine persönliche Verwicklung in den Skandal.

Die ehemalige Chefin der britischen Zeitungssparte des Murdoch-Imperiums wollte vor dem Parlamentsausschuss nicht auf die Frage antworten, ob sie von ranghohen Mitarbeitern der "News of the World" angelogen worden sei. Sie selbst habe aber niemals wissentlich eine Zahlungsanweisung an Polizisten unterzeichnet.

Sie habe gewusst, dass die "News of the World" Privatermittler beschäftige, so wie "jede andere Zeitung" auch, sagte Brooks weiter. Allerdings sei in ihrer Zeit als Chefredakteurin ihres Wissens alles mit rechten Dingen zugegangen. Außerdem seien die Ermittler im Zusammenhang mit einer Kampagne der Zeitung gegen Pädophile und damit für einen legitimen Grund im Einsatz gewesen.

Brooks war nach ihrer Zeit als Chefredakteurin bei "News of the World" zur Top-Managerin in Murdochs britischem Konzernarm "News International" aufgestiegen. "Natürlich bereue ich einiges", sagte sie mit Blick auf die Tatsache, dass das Handy eines jungen Mordopfers angezapft worden war. Sie habe davon aber nichts gewusst und sei genauso schockiert darüber wie jeder andere.

Sekundenlanges Schweigen, Kopfschütteln

Ohnehin war der Erkenntnisgewinn der stundenlangen Anhörung von Murdoch senior, Murdoch junior und Brooks recht dürftig. Rupert Murdoch reagierte auf die meisten Fragen mit einem sekundenlangen Schweigen, manchmal mit einem Kopfschütteln. Er beteuerte immer wieder, er habe den Abhörskandal nicht wissentlich unterstützt.

Mit gesenktem Blick gab er nur knappe Antworten, oft sagte er nur "Ja" oder "Nein". Manchmal musste er nachfragen, wenn die Ausschussmitglieder Fragen stellten: "Das habe ich nicht verstanden."

Als es um Murdochs Verbindung in die Downing Street ging, horchten viele Anwesenden auf. "Nach der Wahl war ich auf eine Tasse Tee eingeladen. Herr Cameron wollte sich für unsere Unterstützung bedanken", sagte er. Auf die Frage, ob er schon öfter bei Cameron zu Gast war, gab es wieder die knappe Antwort: "Ja."

Auch sein Sohn James, der in randloser Brille und einer schlichten blaugestreiften Krawatte auftrat, reagierte auf die meisten Fragen abwehrend. Er entschuldigte sich für den Skandal. Das Unternehmen habe so schnell und transparent wie möglich reagiert.

Im Laufe der Anhörung räumte Murdoch junior ein, dass sich Medienunternehmen intensiver mit Fragen der journalistischen Ethik befassen müssen. In Großbritannien müsse darüber "eindringlicher und aufmerksamer" nachgedacht werden, sagte er.

Abhöraktion im großen Stil

Allein das Erscheinen von Medienzar Murdoch vor dem Ausschuss gilt als Sensation - denn der Australier mit US-Pass galt in Großbritannien bisher als nahezu unantastbar. Es ist das erste Mal in rund 40 Jahren - seit Murdoch Anteile an britischen Medien besitzt - dass er sich vor Parlamentariern verantworten muss.

Jetzt stolpert Murdoch aber über den wohl größten Skandal seiner Karriere: Journalisten seines Medienimperiums hatten nicht nur Prominente abgehört und Polizisten bestochen, sondern auch Handy-Mailboxen der Angehörigen von getöteten Soldaten sowie eines entführten Mädchens geknackt.

Insgesamt sind Telefone von 4000 Prominenten, Verbrechensopfern, Hinterbliebenen und Soldatenwitwen von der Abhöraktion im großen Stil betroffen.

Der Medienausschuss soll dabei helfen, den Skandal aufzuklären. Juristisch hat das Komitee allerdings wenig Bedeutung. So sagen die Befragten nicht unter Eid aus. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden veröffentlicht. Die Regierung muss innerhalb einer bestimmten Zeitspanne darauf antworten. Am Mittwoch will Großbritanniens Premierminister David Cameron vor dem Parlament Stellung zu dem Abhörskandal um nehmen.

insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
panzerknacker51, 19.07.2011
1. Ach nee
Juristisch haben die Kommitees also wenig Bedeutung? Na dann ist alles bestens, nicht wahr?
Jonny_C 19.07.2011
2. Wers glaubt...
....wird seelig ! :-( Mein Name ist Hase ich weiss von nix. Alles klar, und so wird man Medienmogul & Milliardär, in dem man nix weiss.....
kugelsicher99, 19.07.2011
3. .
---Zitat--- Auch die inzwischen als Chefin der britischen Zeitungsgruppe des Murdoch-Konzerns "News Corp." zurückgetretene Brooks habe nichts davon gewusst. ---Zitatende--- Also das dürfte aber eine Lüge sein. Das diese Frau, von den Praktiken nichts gewusst haben soll, ist doch wohl ein schlechter Scherz. Und wenn er an dieser Stelle lügt, kann man sich ausmalen was an dem Rest seiner Einlassungen dran ist. Logo, ohne Eid ist so eine Befragung eh nur Placebo fürs Volk. Purer Aktionismus der Politik, deren Spitze mit drin hängt.
Björn Borg 19.07.2011
4. Sommer, Loch!
"Murdoch weist alle Verantwortung von sich"? Heute ist aber echt der Tag der großen Nachrichten-Überraschungen...
eastbayray 19.07.2011
5. Was ist Wahrheit...
Das Problem mit Menschen wie Murdoch ist doch, das die gar nicht mehr wissen was Wahrheit eigentlich bedeutet...es geht doch nur noch darum die eigene Realitätswahrnemung möglichst erfolgreich zu kommunizieren...gelle Angela.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.