Heftige Angriffe auf Misurata Gaddafi-Truppen brechen Flugverbot

Die von Rebellen besetzte Stadt Misurata ist am Freitag heftig von den Truppen Gaddafis beschossen worden - acht Menschen sollen getötet worden sein. Trotz des Flugverbots kreiste ein Helikopter der Regierungssoldaten über der Stadt. Aufständische berichten von Angriffen mit Streubomben.


Tripolis - Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi haben am Freitag den bislang heftigsten Angriff zur Eroberung der seit 50 Tagen belagerten Hafenstadt Misurata durchgeführt. Ein Hubschrauber kreiste trotz des Uno-Flugverbots mehrere Stunden lang über der Stadt - offenbar, um Ziele für die Artillerie auszukundschaften. Gaddafis Einheiten rückten zu Fuß und mit Panzern auf die noch von Rebellen gehaltenen Stadtteile vor. Mit Artillerie, Panzern und Raketen beschossen sie die Stadt.

Acht Leichen seien in ein Krankenhaus eingeliefert worden, sagte Abdel Salam, ein Einwohner von Misurata, der aus Angst vor Vergeltung nur seinen Vornamen nennen wollte. Unter den Verteidigern gebe es allerdings noch mehr Verluste, teilte er mit. Misurata ist die letzte noch von Regierungsgegnern gehaltene Stadt in der westlichen Hälfte Libyens.

Libysche Rebellen warfen den Regierungstruppen den Einsatz international geächteter Streubomben vor. "In der vergangenen Nacht war das wie Regen", beschrieb ein Aufständischer die Folgen von Explosionen über der Stadt. Auch ein Reporterteam der US-Tageszeitung "New York Times" berichtete über Bomben, die am Himmel explodierten und weitere kleine Sprengsätze über der Stadt verteilten. Die Bomben sollen demnach im Jahr 2007 in Spanien produziert worden sein, ein Jahr bevor Madrid die Streubomben-Konvention unterzeichnete. Die Konvention trat 2010 in Kraft.

Gaddafis Tochter Aischa rief in der Hauptstadt Tripolis zu einem Ende der Nato-Luftangriffe auf. "Lasst unseren Himmel mit euren Bomben in Ruhe", rief sie mit hoch gestreckter Faust vor Hunderten jubelnden Gaddafi-Anhängern. "Wir sind ein Volk, das nicht besiegt werden kann." Sie winkte der Menge vom Balkon des Bab al-Asisija zu, einem militärischen Komplex, der bei Angriffen des US-Militärs vor 25 Jahren stark beschädigt wurde.

Gaddafi gibt sich selbstsicher

Das libysche Staatsfernsehen hatte am Donnerstag neue Aufnahmen von Machthaber Gaddafi gezeigt. Bekleidet mit einem westlichen Blazer, schwarzem T-Shirt, Sonnenbrille und Hut fuhr er in einem offenen Geländewagen stehend durch die Straßen der Hauptstadt Tripolis, gefolgt von Dutzenden Anhängern. Dabei reckte er die Faust in die Höhe. Nach Angaben des Senders stammten die Aufnahmen vom Donnerstag.

Das libysche Staatsfernsehen berichtete weiter von Nato-Luftangriffen auf Gaddafis Heimatstadt Sirte, allerdings ohne nähere Angaben darüber zu machen. Außerdem waren in der Nähe der Stadt Brega Detonationen zu hören, die auf weitere Nato-Angriffe gegen Regierungstruppen schließen ließen.

Verstärkte Sicherheitsvorkehrungen in Tripolis

In der Hauptstadt Tripolis habe das Regime Scharfschützen auf Häuserdächern Stellung beziehen lassen, berichteten Internetnutzer auf einer Facebook-Seite. Außerdem seien die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Moscheen verstärkt worden. Am Donnerstag hatte Al Sadek al-Ghariani, einer der höchsten Geistlichen des Landes, in einem auf Facebook veröffentlichtem Video verkündet, es sei eine religiöse Pflicht, sich den Protesten am Freitag anzuschließen. Im Februar erließ al Ghariani zwei Fatwas, in denen er zu Protesten gegen Gaddafi aufrief. Danach tauchte er unter.

Ebenfalls am Donnerstag waren laut des libyschen Staatsfernsehens militärische und zivile Gebiete in der Hauptstadt von Nato-Luftangriffen getroffen worden. Dabei habe es auch unter der Zivilbevölkerung Opfer gegeben, hieß es.

Uno gehen finanzielle Mittel für Libyen aus

Die Uno-Flüchtlingskommission machte am Freitag auf einen bevorstehenden akuten Mangel an Geldern für ihre Einsätze in Libyen und dessen Nachbarländern aufmerksam. Ein Sprecher teilte mit, 40 Millionen US-Dollar an Spenden seien bereits ausgegeben worden. Ohne weitere finanzielle Unterstützung wäre die humanitäre Hilfe für Zehntausende Libyer in Gefahr.

Auch der Internationalen Organisation für Migration fehlen nach eigenen Angaben die Mittel, um rund 8000 Ausländer aus der Hafenstadt Misurata in Sicherheit zu bringen.

amz/dapd



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