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Abgang von Ex-FPÖ-Chef Strache Aufstieg und Fall eines Populisten

Heinz-Christian Strache hat die rechte FPÖ aus dem Nichts zur drittstärksten Partei Österreichs gemacht. Dann folgten Ibiza-Affäre, Veruntreuungsvorwürfe und eine deftige Wahlschlappe. Jetzt zieht er die Konsequenzen.

Für seinen letzten großen Auftritt hat sich Heinz-Christian Strache die passende Bühne ausgesucht. Das Lokal Vino Wien liegt nahe der Parteizentrale und ist bekannt als Bastion der von Strache angeführten Gegner eines Rauchverbots in der Gastronomie.

Eine halbe Stunde bevor das Restaurant offiziell öffnet, ist es drinnen bereits "bummvoll", wie die Wiener sagen - Kameraleute, Fotografen und Redakteure drängen sich um den Mann, der 14 Jahre lang Vorsitzender der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) war und 17 Monate lang Vizekanzler. Strache hat seine Partei nach der Spaltung und dem Abgang Jörg Haiders quasi aus dem Nichts wieder nach oben geführt und 2017 mit 26 Prozent der Stimmen zur drittstärksten Partei im Land gemacht.

Im Mai 2019 aber enthüllten SPIEGEL und "Süddeutsche Zeitung" das sogenannte Ibiza-Video. Wer die Bilder des kräftig rauchenden und trinkenden Strache in Freizeitkleidung sah, wer studieren konnte, wie Strache einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte Staatsaufträge in Aussicht stellt für den Fall, dass sie im Gegenzug der FPÖ publizistischen Rückenwind mithilfe der Kronen-Zeitung garantiert - der war wie vom Donner gerührt. Die Frau war in Wahrheit keine Oligarchennichte und die als Treffpunkt ausgesuchte Villa auf Ibiza war verwanzt. Strache und sein Fraktionschef, Johann Gudenus, hatten sich in eine Falle locken lassen - und um Kopf und Kragen geredet.

An diesem Dienstag nun, um kurz nach halb elf, zieht der ehemals mächtigste Mann der FPÖ die Konsequenzen und verkündet im Vino Wien sichtlich angegriffen, er lasse seine Parteimitgliedschaft ab sofort ruhen: Er wolle sich nun auf seine Familie konzentrieren. Strache kommt so einem Parteiausschluss zuvor, den die FPÖ-Gremien an diesem Dienstagnachmittag diskutieren wollten.

Hätte der frühere Parteiobmann seine Entscheidung Wochen früher getroffen, der FPÖ wäre möglicherweise eine derart deftige Wahlschlappe wie am Sonntag erspart geblieben: Ein Minus von fast zehn Prozent stand für die Freiheitlichen zu Buche. Eine Neuauflage der Koalition mit der ÖVP unter Sebastian Kurz gilt nach jetzigem Stand als unwahrscheinlich.

Es war nicht nur die "b'soffene G'schicht" auf Ibiza, wie Strache seinen peinlichen Auftritt in der Finca schönzureden versuchte. Es waren auch die immer neuen Vorwürfe gegen den langjährigen FPÖ-Spitzenmann, die in den vergangenen Monaten laut wurden und die inzwischen die Staatsanwaltschaft beschäftigen: der selbst ernannte Saubermann soll sich üppige Spesenkonten genehmigt haben, dazu eine von der Partei (und somit indirekt vom Wahlvolk) finanzierte Nobelwohnung und weitere Extras. Die offenkundig mit reichlich Belegen unterfütterten Anschuldigungen werden von Strache bestritten.

Schneidiger Auftritt, stahlblaue Augen, beißender Witz

Unstrittig hingegen ist: Der von seinen Anhängern nur "HC" gerufene Strache war bis zum Aufstieg von Sebastian Kurz der populärste Politiker Österreichs. Noch Ende 2016 lag seine Partei in allen Umfragen vorn. Mehr als 800.000 Menschen verfolgten auf Facebook, was der Social-Media-Profi Strache zu sagen hatte. Wer ihn traf, am Sitz der Partei hoch über den Dächern Wiens, der erlebte einen entschlossenen Macher: schneidiger Auftritt, stahlblaue Augen, bisweilen auch beißender Witz. Die ÖVP verspottete er als "schwarze Witwe", weil sie auf Dauer jeden Koalitionspartner umbringe; dem fülligen SPÖ-Kanzler und Weinliebhaber Alfred Gusenbauer widmete er zum Abschied das Prädikat "schwer im Abgang".

Dass Strache in jungen Jahren der Neonaziszene nahestand und an Wehrsportübungen teilnahm, wurde erst spät bekannt. Der gelernte Zahntechniker, zu diesem Zeitpunkt bereits aufgestiegen zum FPÖ-Parteichef, versicherte daraufhin, er habe sich geläutert. Als Männer fürs Grobe hielt er sich seinen Generalsekretär Herbert Kickl und seinen Adlatus Johann "Joschi" Gudenus. Strache selbst arbeitete zielstrebig daraufhin, sich einen seriöseren, staatsmännischeren Anstrich zu verleihen.

Die Krönung seiner Karriere erfolgte schließlich am 19. Dezember 2017, am Tag, an dem Strache, dunkler Anzug, dunkelblaue Krawatte, in der Wiener Hofburg als Vizekanzler vereidigt wurde vom Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen - einem ehemals erbitterten politischen Gegner. Strache glaubte sich am Ziel und ließ sich das in den folgenden Monaten auch anmerken - der giftige Oppositionsführer von einst hatte unverkennbar Geschmack an der Macht und ihren Insignien gefunden. Das Ibiza-Video zerstörte die Fassade des Staatsmanns mit einem Schlag.

Ob die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Freiheitlichen Heinz-Christian Strache mit dem Kapitel von diesem Dienstag wirklich endet, ist noch offen. Für seine Partei wird es darauf ankommen, ob der tief Gekränkte der Versuchung widersteht, seinen persönlichen Giftschrank zu öffnen: Geballtes Wissen aus jenen knapp drei Jahrzehnten, die Strache in der FPÖ war, darf dort vermutet werden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die FPÖ sei bei der Wahl 2017 zweitstärkste Kraft geworden. Tatsächlich lag sie auf dem dritten Platz. Wir haben die Passage korrigiert.

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