AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2019

Strache-Video Wer ist wer in der Ibiza-Affäre?

Österreichs Vize-Regierungschef Heinz-Christian Strache steht im Zentrum eines Skandals. In Nebenrollen: Sein FPÖ-Kollege Johann Gudenus und mehrere österreichische Unternehmer. Hier der Überblick.

Heinz-Christian Strache
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Heinz-Christian Strache

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Die Ibiza-Affäre bringt Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache in Bedrängnis. Beim Treffen mit einer vermeintlichen Oligarchennichte auf der Baleareninsel im Sommer 2017 stellte der FPÖ-Chef der Frau öffentliche Aufträge im Straßenbau in Aussicht, wenn sie der FPÖ zum Erfolg verhelfe. Der heutige FPÖ-Fraktionschef Johann Gudenus nahm ebenfalls an dem Treffen teil.

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Heft 21/2019
Angela Merkels apokalyptischer Blick auf die Lage der Welt

"Das Erste in einer Regierungsbeteiligung, was ich heute zusagen kann: Der Haselsteiner kriegt keine Aufträge mehr", sagte Strache bei dem Treffen, das heimlich gefilmt wurde. Gemeint ist Hans Peter Haselsteiner, der langjährige Chef und Miteigentümer des Baukonzerns Strabag.

Außerdem diskutierte die Runde eine mögliche Übernahme der "Kronen Zeitung" durch die Frau. Neben der "Krone" sei nur der öffentlich-rechtliche Sender ORF wirklich wichtig, sagt Strache. Der könne teilweise privatisiert und von Dietrich Mateschitz übernommen werden, dem Chef von Getränkehersteller Red Bull und dem zugehörigen Medienunternehmen.

Strache spricht zudem davon, dass es wohlhabende Unterstützer gebe, die an den heutigen Kanzler Sebastian Kurz "und uns" zahlten oder vielleicht zu zahlen beabsichtigten, wie angeblich der Milliardär und Immobilienunternehmer René Benko.

Die angeblichen Großspender dementierten auf Anfrage von "SZ" und "Spiegel", direkt oder indirekt an die FPÖ gespendet zu haben, René Benko teilt über einen Anwalt mit, er habe weder "direkt oder indirekt Spenden an die FPÖ oder ÖVP geleistet".

Strache und Gudenus räumten die Zusammenkunft in der Villa auf Ibiza auf Anfrage ein. Es sei "ein rein privates" Treffen in "lockerer, ungezwungener und feuchtfröhlicher Urlaubsatmosphäre" gewesen, teilte Strache schriftlich mit. "Auf die relevanten gesetzlichen Bestimmungen und die Notwendigkeit der Einhaltung der österreichischen Rechtsordnung wurde von mir in diesem Gespräch bei allen Themen mehrmals hingewiesen."

Das gelte auch für "allenfalls in Aussicht gestellte Parteispenden bzw. Spenden an gemeinnützige Vereine im Sinne der jeweiligen Vereinsstatuten". Strache ergänzt, er oder die FPÖ hätten "niemals irgendwelche Vorteile" von diesen Personen erhalten oder gewährt. "Im Übrigen", schrieb Strache, "gab es neben dem Umstand, dass viel Alkohol im Laufe des Abends gereicht wurde, auch eine hohe Sprachbarriere".

Sehen Sie hier die wichtigsten Figuren der Ibiza-Affäre im Überblick:

Florian Wieser/ REX/ EFE/ EPA

Der Wiener Sebastian Kurz, Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs, fasziniert und polarisiert die Menschen gleichermaßen. Mit 31 Jahren wurde er im Dezember 2017 Bundeskanzler von Österreich und ist damit der jüngste Regierungschef der Welt. Aber schon früher war er ein Mann der Superlative: Staatssekretär mit 24 Jahren, mit 27 Außenminister. Viel zu jung, befanden Kritiker. Doch Kurz stieg immer weiter auf. 2010 noch hatte er mit der Wahlkampagne "Schwarz macht geil" auf sich aufmerksam gemacht, als er sich auf einem "Geilomobil" räkelnd ablichten ließ und Kondome verteilte. Sein Rechtsstudium schloss er nicht ab, zeigte dafür immer wieder unbedingten Machtwillen.

Geschickt fädelte er das politische Ende von ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner ein, übernahm im Mai 2017 den Parteivorsitz und formte die ÖVP nach seinen Wünschen um. Für die vorgezogene Nationalratswahl 2017 benannte er sie in "Liste Sebastian Kurz - die neue Volkspartei" um und verdrängte in Umfragen die rechtspopulistische FPÖ von Platz eins. Kurz wird von Kritikern "Schweigekanzler" genannt, weil er zu rechten Eskapaden seines Koalitionspartners FPÖ oft kein Wort verliert.


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Heinz-Christian Strache, 1969 in Wien geboren, ist Chef der rechtspopulistischen Partei FPÖ und Vizekanzler von Österreich. Strache wuchs als Sohn einer alleinerziehenden Drogistin in Wien auf und absolvierte eine Ausbildung zum Zahntechniker. Schon als 15-Jähriger, als Mitglied einer schlagenden Schülerverbindung, kam er in Kontakt mit Rechtsextremen und nahm in Flecktarnuniform an mindestens einer Wehrsportübung teil - was ihm Jahre später, als Fotos davon auftauchen, vorgehalten wurde. Er behauptete, er habe die Teilnahme abgebrochen und sei "entsetzt nach Hause gefahren".

Strache machte politisch in der Wiener FPÖ Karriere, überwarf sich mit dem FPÖ-Granden Jörg Haider, der die Partei 2005 verließ und eine neue Partei gründete. Als neuem Parteichef gelang es Strache, mit der totgesagten FPÖ wieder erfolgreich zu werden. Über Österreich hinaus fiel er vor allem mit islam- und ausländerfeindlichen Sprüchen auf. Vor der Wahl 2017 stand die FPÖ unter Strache in Umfragen lange auf Platz eins - Strache hatte das Ziel vor Augen, Bundeskanzler zu werden. Doch dieser Hoffnung setzte Kurz ein Ende, gegen den Strache einen harten Wahlkampf geführt hatte.


Johann Gudenus
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Johann Gudenus

Johann Gudenus, 1976 in Wien geboren, ist Fraktionschef der FPÖ im österreichischen Parlament. Er gilt als politischer Ziehsohn von Heinz-Christian Strache, der in der deutschnationalen schlagenden Schülerverbindung Vandalia zu Wien sein "Leibvater" war. Gudenus entstammt einer ehemals adeligen Familie und ist Sohn des FPÖ-Politikers John Gudenus, einem verurteilten Holocaust-Leugner. Schon als Jugendlicher engagierte er sich für die FPÖ, war Abgeordneter im Wiener Landtag und Vizebürgermeister von Wien. Seit Ende 2017 ist der Abgeordneter im Nationalrat. Bereits im Jurastudium verbrachte Gudenus Zeit in Moskau, für die FPÖ pflegt er Kontakte nach Russland.

Gudenus provoziert gerne mit Begriffen wie "systematische Umvolkung" und "Gesinnungsterrorismus". In einem Interview sagte er, es gebe "stichhaltige Gerüchte" dafür, dass der US-Milliardär George Soros "gezielt Migrantenströme nach Europa" unterstütze. Nach einem Datenleak fiel auf, dass er in diversen Netzwerken das Passwort "heilheil" nutzte. Für Schlagzeilen sorgte er 2018 auch durch eine Anzeige gegen einen afghanischen Flüchtling, der angeblich eine Terrororganisation auf Facebook unterstützt hatte. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass seine Anschuldigungen falsch waren.


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Hans Peter Haselsteiner ist Bauunternehmer und war zeitweise auch Politiker. Er ist einer der reichsten Menschen Österreichs. Geboren wurde er 1944 in Wörgl, Tirol. In Wien studierte er Wirtschaftswissenschaften und arbeitete zunächst als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater. 1974 holte ihn sein Schwiegervater in sein Bauunternehmen. Zwei Jahre später starb der - und Haselsteiner wurde mit 33 Jahren Firmenchef. Durch Zukäufe von zum Teil insolventen Unternehmen und die Übernahme der deutschen Strabag baute er einen Weltkonzern auf. An der heutigen Strabag hält die Familie Haselsteiner ein Viertel der Aktien.

Haselsteiner ist bekannt dafür, dass er durchaus mit harten Bandagen kämpft und ein robuster Verhandler ist. Gleichzeitig gilt er als Schöngeist und Kunstmäzen. Politisch ist er liberal - vier Jahre lang war er Abgeordneter des Liberalen Forums, einer Abspaltung von Jörg Haiders FPÖ. Haselsteiner schwebte eine wirtschaftsliberale Partei ähnlich der FDP vor. Doch seine Partei setzte sich nicht durch. Haselsteiner kehrte der Politik den Rücken und widmete sich wieder dem Geschäft, von 2006 bis 2013 als Vorstandschef der Strabag. Kritiker werfen ihm vor, einerseits staatliche Zurückhaltung in der Wirtschaft zu predigen, andererseits von staatlichen Aufträgen zu profitieren. In der Vergangenheit wurden bereits Strabag-Manager wegen Korruption verurteilt. Bei der Bundespräsidentenwahl unterstützte er den grünen Kandidaten und heutigen Präsidenten Alexander Van der Bellen.


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René Benko, 1977 in Innsbruck, Tirol, geboren, ist ein Selfmademilliardär und einer der reichsten Österreicher. Sein Immobilienunternehmen Signa ist nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, Italien und in den USA aktiv. Unter anderem gehören Kaufhäuser wie Karstadt zum Konzern, neuerdings auch das berühmte Chrysler Building in New York. Benko ist Sohn eines Gemeindebediensteten und einer Erzieherin. In keinem Porträt fehlt der Hinweis, dass er während seiner Schulzeit einem Geschäftsmann half, Dachböden zu Luxuswohnungen umzubauen und so das Immobiliengeschäft kennenlernte. Und dass er über das Geschäftemachen nicht zur Matura, wie das Abitur in Österreich heißt, zugelassen wurde. Es ist jedenfalls die Geschichte, gegen die Benko nichts hat: die österreichische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Story.

Nicht so gerne liest er, wenn kritisch über ihn berichtet wird, etwa über eine frühere Bewährungsstrafe zum Beispiel. Dann lässt er dann Anwälte Briefe an Redaktionen verschicken. Im vergangenen Jahr kaufte er sich bei den österreichischen Zeitungen "Kurier" und "Krone" ein. Politisch gilt Benko als großer Netzwerker, er kann mit allen und ist gut mit Kanzler Sebastian Kurz befreundet. So sehr Benko den protzigen Auftritt liebt und seinen Hang zum Luxus zelebriert, so sehr vermeidet er Journalisten und schweigt über sein Privatleben.


Mark Thompson/ Getty Images

Dietrich Mateschitz, 1944 in der Steiermark geboren, genannt Didi, ist mit einem Vermögen von schätzungsweise 23 Milliarden Dollar laut "Forbes" der mit Abstand reichste Österreicher. Er ist, zusammen mit zwei thailändischen Partnern, Gründer der Marke Red Bull, Weltmarktführer bei Energydrinks und bekannteste österreichische Marke. Mateschitz investiert aber auch ins Sportgeschäft - unter anderem Formel 1 und Fußball - sowie ins Mediengeschäft.

Er behauptet von sich, keiner Partei besonders nahe zu stehen, gilt aber als Freund der rechtspopulistischen FPÖ, weil er sich in seltenen Interviews entsprechend geäußert hat. So sprach er einmal von einer angeblichen "Meinungsdiktatur", fand Donald Trump eigentlich nicht so schlimm, kritisierte "die Eliten", zu der er sich selbst offensichtlich nicht zählt, und erklärte, dass schon 2015 "für jedermann erkennbar" gewesen sei, dass die meisten Geflüchteten, die nach Österreich gekommen seien, gar keine Flüchtlinge nach der Genfer Konvention seien. Die "Identitären" und die FPÖ jubelten und teilten seine Aussagen in den sozialen Medien. Mateschitz sammelt Flugzeuge, fördert Sportler und engagiert sich mit einer Stiftung und millionenschweren Spenden in der medizinischen Forschung.

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Seite 1
fördeanwohner 18.05.2019
1. -
In einem anderen Thread zu diesem Thema liest man immer wieder, dass es ja fies wäre, ausgerecht jetzt dieses Material zu veröffentlichen. Also sind Süddeutsche, Spiegel und Falter die eigentlichen Schurken in dieser Affäre, oder wie? Ganz ehrlich, wenn man so denkt, dann ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass man solche merkwürdigen Leute wie Strache und Co wählt. Was ich mich auch frage: Ist es so, dass je südlicher, desto weniger zählen Integrität und Moral? Anders kann ich es mir langsam nicht mehr erklären, wie solche Leute an die Macht kommen.
gruebi01 18.05.2019
2. Liebe empörte Österreicher
Jan Böhmermann - über den ihr euch so erregt habt - hat Euch und eure Regierung nicht verunglimpft (das gelingt kaum) - er hat sie eher noch verharmlost.
jk1! 18.05.2019
3. Konsequenz?
Da wird der machtbewusste Kurz wieder das Wohl der Republik mit dem persönlichen gleichstellen können. Die viel größere Frage: treiben und denken nur die Parteien dieses Spektrums so?
Lampenluft 18.05.2019
4. Die Krone ist kein unabhängiges Medium und
wird regelmäßig durch finanzielle Kreise zur Interessenvertretung genutzt. Vieles was in der Realität anders geschieht, wird nach bestimmten, persönlichen Wünschen verdreht berichtet. Auffällig auch das Vorabschreiben von Artikeln bei Geschenissen, bei denen dann kein Journalist überhaupt anwesend ist. Nein, von einem "unabhängigen" Medium kann man nicht sprechen.
Europa-Realist 18.05.2019
5. Bei allen Parteien ganz normal
Selbstverständlich müssen Strache und der FPÖ-Fraktionsvorsitzende jetzt zurücktreten, nachdem deren Geschäftsgebaren bekannt geworden ist. Trotzdem ist diese Aufgeregtheit doch ziemlich gekünstelt. Wie jeder halbwegs Informierte weiß, arbeitet doch nahezu jede Partei auch in Deutschland auf diese Weise: Es gibt parteinahe Stiftungen und vor allem "Fördervereine", über die Geldmittel indirekt den Parteien für deren Zwecke zur Verfügung gestellt werden. In den führenden Kreisen der Parteien rund um die Schatzmeister und Parteivorsitzenden gibt es doch immer wieder Überlegungen, wie man Spendengelder beschaffen kann. Die für alle Parteien obligatorischen Prüfberichte nach dem Parteiengesetz werden (insbesondere von kleineren Parteien) vom Bundestagspräsidialamt auch nicht in letzter Konsequenz angefordert und schon gar nicht wirklich inhaltlich geprüft. Wenn solche "Fallen" anderen Parteien wie ÖVP, SPÖ, Grünen, FDP, CDU, CSU, SPD, AfD etc. auch gestellt werden würden, würde sehr wahrscheinlich ähnliches herauskommen! Übrigens: Finden Sie es gut, dass ein Spendensammler z. B. von Greenpeace 25% der gesammelten Spenden als Entlohnung erhält? Der Spender wird darüber sicherlich nicht aufgeklärt!
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