Heiße Wahlkampfphase Royals Reifeprüfung

Wahlkampfauftakt für Ségolène Royal: Gefeiert von ihren Anhängern entwarf die Kandidatin der Sozialisten ihre Vision eines "präsidialen Paktes" - Konkurrent Nicolas Sarkozy organisierte gleichzeitig den Gegenauftritt.

Aus Villepinte berichtet


Villepinte - Lautsprecherbatterien, Lichtorgeln wie bei einem Pop-Konzert, hämmernde Rhythmen, ein Fahnenmeer und eine begeisterte Menge von 15.000 Fans: Der Auftritt von Ségolène Royal in der Ausstellungshalle von Villepinte hat nicht gerade den Charakter einer klassischen Parteiversammlung – es war die Feier der sozialistischen Präsidentschaftskandidatin.

Royal: "Heute schlage ich euch einen Pakt der Ehre und des Vertrauens vor"
AFP

Royal: "Heute schlage ich euch einen Pakt der Ehre und des Vertrauens vor"

Getragen von einer Jubel-Stimmung, die bisweilen an kollektive Ekstase grenzte, enthüllte die PS-Frau – Rock und Jacke in sozialistischem Rot -, ihren "Pakt für die Präsidentschaft" und gab damit das öffentlich lange überfällige Signal für den Start in den Präsidentschaftswahlkampf. "Ich bin glücklich, die ganze Familie der Sozialisten versammelt zu sehen", so die Verbeugung Royals vor den Parteihierarchen und wandte sich dann "an alle Franzosen".

"Nie wieder wird die Politik ohne Euch gemacht werden", unterstrich die Kandidatin, "heute schlage ich euch einen Pakt der Ehre und des Vertrauens vor: Damit Frankreich aufsteht brauche ich jeden von Euch, auch jenseits dieses Saales. "Die Kandidatin, deren volksnahe Meetings in der Provinz, ihre "Methode des Zuhörens" als Gimmick gerügt worden war, unterstrich ihre Vorstellungen durch Beispiele ihrer monatelangen Reisen: Da erinnerte sie an die Schülerin, die nicht zum Kindergeburtstag einladen kann, vom Arbeitslosen, der sein Los als "unerträgliche Krankheit" empfindet.

Mit wenig verhüllten Attacken gegen den rechten Konkurrenten Nicolas Sarkozy ("Händler der Illusionen") und inhaltlichen Verbeugungen an den linken Flügel ihrer Organisation gab sich die PS-Frau als Kandidatin der Partei am Stadtrand von Paris - ganz in der Tradition ihres Vorbildes François Mitterrand. Ganz nach dem Muster des früheren sozialistischen Präsidenten, der 1981 mit 110 Vorschlägen in den Wahlkampf gegangen war, stellte Madame Royal ihre Vision eines "gerechteren und stärkeren Frankreichs" als lange Liste von konkreten Empfehlungen vor. "Ich habe eure Hoffungen und Wünsche angehört, heute bringe ich Euch die Antworten."

Erhöhung des Mindestlohns

Royal versprach für die Kleinunternehmer und Mittelständler steuerliche Hilfen und staatliche Mittel für Investitionen, Innovation und Forschung. Angesichts der "Wut der Ausgegrenzten" ohne ausreichend Brot und Lohn verhieß sie eine Erhöhung des Mindestlohnes um etwa ein Drittel auf 1500 Euro; Jugendlichen sicherte sie ein Recht auf einen ersten Arbeitsplatz zu, Lehrlingen und Studenten stellte sie preiswerte Wohnungen in Aussicht - wenn nötig sogar mit der Beschlagnahmung leerstehender Immobilien. Das Frankreich der Not und Bedrängnis nannte sie einen Skandal, "eine Narbe auf dem Gesicht einer Nation, die die schönsten Worte geprägt hat: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit."

Die Reform der Institutionen blieb ebensowenig ausgespart wie die Themen Erziehung, Kultur oder Gewalt gegen Frauen; Royal betonte ihren Einsatz für Umwelt, Landwirtschaft für Europa und den Weltfrieden. Die PS-Frau blieb sogar bei Vorschlägen, die in der Partei eher für Befremdlichkeit gesorgt hatten: So plädiert sie für die militärische Betreuung straffälliger Jugendlicher, will einen einjährigen Zivildienst. Und einmal mehr formulierte sie ihre Vorstellungen zu einer Überwachung gewählter Parlamentarier durch Kontrollgremien einfacher Bürger. "Wir wollen einen Staat ohne Bürokratie."

Den größten Beifall erhielt sie jedoch, als sie die vernachlässigten Gruppen der Gesellschaft ansprach, die Gewalt, soziale Unsicherheit, die Diskriminierung und die Missachtung von Minderheiten und Randgruppen in den sensiblen Randzonen von Frankreichs Metropolen. "Ich verstehe das, denn ich bin selbst Mutter von Kindern."

Nervosität bei den Sozialisten

Und nach einem geografischen Rundumschlag durch alle Kontinente nahm sich die Sozialistin die Vereinigten Staaten vor, sie seien ein "solider Partner", aber nicht ohne Fehl: "Die Größe eines Staates hat nichts mit seinen Prinzipien zu tun. Das Ungleichgewicht der Mächte ist nie ein Grund zu schweigen – und das haben wir doch gerade im Fall des Irak gesehen." Mehr Engagement in der Außenpolitik klang bei Royal so: "Frankreichs Stimme wird in Zukunft gerecht klingen, lauter, damit sie weiter trägt."

In diesen Momenten fand Royal den Ton und die politische Fallhöhe eines Präsidentschaftskandidaten. Keine leichte Übung, denn die Medien hatten die Erwartungen der Reifeprüfung hochgeschraubt: Es ging um den "große Tag", schrieb der "Figaro", der "Parisien" sprach vom "Moment der Entscheidung" und der "Journal de Dimanche" titelte bündig: "Ségolène setzt alles auf keine Karte".

Tatsächlich war die Kampagne der PS-Frau, die wegen ihrer Spitzenwerte lange als "Madonna der Umfragen" apostrophiert wurde, nach dem ersten großen Wahlkampfauftritt ihres Konkurrenten Nicolas Sarkozy eingebrochen. Seit Januar lag Royal in allen Erhebungen hinter dem Innenminister, befördert durch inhaltliche Schwächen und eigene Fehltritte – unter den Spitzenfunktionären der Partei machten sich Nervosität und kritische Stimmen breit.

Vorkämpferin einer Volksbewegung

Die sind jetzt vorerst verstummt: In Villepinte hatte die Kandidatin die ganze PS-Elite hinter sich, auch die Riege der "Elefanten" – darunter mit Dominique Strauss-Kahn oder Laurent Fabius auch die Gegenkandidaten gegen die sich Ségolène im November bei parteiinternen Vorwahlen durchgesetzt hatte. Nur Lionel Jospin, der ehemalige Parteichef und 2002 im ersten Wahlgang blamabel abgeschlagene PS-Kandidat, glänzte durch Abwesenheit.

Am Morgen vorangegangen war die "12. Versammlung der Abteilungssekretäre, Eingabe der Mitglieder-Debatten". Mit dem umständlichen Motto wollte die PS-Frau signalisieren, dass mit ihr eine Bewerberin für den Einzug in den Élysée-Palast die Visitenkarte abgibt, die sich als Vorkämpferin einer breiten Volksbewegung versteht.

Die Rede in Villepinte sollte eben mehr sein, als der Maßnahmenkatalog der Spitzenkandidatin; hier wurde die monatelange inhaltliche Arbeit der Basis zur programmatischen "Synthese" verknüpft: Dazu hatten die Fanclubs von Ségolène Royal wie die PS-Gruppen bei 6000 Treffen Vorschläge gesammelt, Eingaben formuliert und Forderungen zu Papier gebracht; zudem gingen 135.000 Beiträge auf den Internet-Seiten von "Desirs d’avenir" (Wünsche für die Zukunft) ein.

Sarkozy organisiert Gegenveranstaltung

Doch während die Sozialisten an diesem Sonntagnachmittag ihre Kandidatin feierten, blieb Gegenkandidat Nicolas Sarkozy von der Regierungspartei UMP nicht untätig: Schon um der PS-Frau nicht allein den Platz in den TV-Abendnachrichten zu überlassen, organisierte er beinahe zeitgleich das Treffen seiner Anhänger in der Pariser "Mutualité" – einem traditionellen Versammlungsort der Linken. Dort rügte er die "Meinungsdemokratie" der Gegnerin und verteidigte seinen eigenen Wahlkampf als "Politik der Werte und der Moral" und unterstrich zugleich seine Bereitschaft "zu einer Öffnung" für ein "geeintes Frankreich, jenseits aller Gräben."

Einen ähnlichen Appell für Harmonie und eine bessere Zukunft formulierte freilich auch Ségolène Royal, die sich als "Präsidentin einer neuen Republik" vorstellte. Bei ihrem Publikum in Villepinte fand sie damit ein enthusiastisches Echo. "Alle zusammen Sozialisten" donnerten die Sprechchöre und riefen, etwas voreilig wohl: "Wir haben gewonnen."

Das wird sich erst beim Wahlgang am 22. April herausstellen. Denn auch wenn Royal nach diesem Wochenende ihre Partei hinter sich weiß, muss sie nun noch die Mehrheit ihrer Landsleute von ihrer Vision überzeugen, "einem Frankreich der gerechten Ordnung".



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.