Helfer auf Zypern "Es bricht einem das Herz"

Sie flog nach Larnaka, um ihre beiden kleinen Brüder in Empfang zu nehmen. Doch dann sah Carissa Messner, dass ihre Hilfe auf der Mittelmeerinsel gebraucht wird. Jetzt arbeitet sie dort als Krankenschwester.

Von Moritz Küpper


Berlin/Larnaka - Die Klamotten sind durchgeschwitzt, das Gesicht müde, die Stimme ist schwer. Carissa Messner sitzt im Palm Beach Hotel. Der Kontrast könnte nicht schärfer sein: Während die Touristen sich in Badehosen auf dem Weg zum Strand machen, berichtet Messner von den Leiden der Flüchtlinge aus dem Libanon. Drei Tage hat sie Menschen im einem Flüchtlingslager geholfen, jetzt sitzt sie in einem Fünf-Sterne-Hotel. "Wenn man diese Menschen sieht, bricht es einem das Herz", sagt die 27-Jährige. Sie wechselt ständig zwischen Deutsch und Englisch hinterher, "ich bin ein wenig müde", entschuldigt sie sich.

Flüchtlingskind in einer Halle in Larnaka: "Das Land ist überfordert"
DPA

Flüchtlingskind in einer Halle in Larnaka: "Das Land ist überfordert"

Anfang letzter Woche kam die Amerikanern, die mit einem Deutschen verheiratet ist und in Düsseldorf lebt, nach Larnaka, um dort ihre beiden jüngeren Brüder und ihre Großmutter in Empfang zu nehmen. Razi, 8, und Thommy, 10, waren zu Besuch bei ihrer 80-jährigen Oma im Libanon. "Sie spricht kein Englisch", sagt Messner, "deswegen bin ich hierher geflogen, um ihnen zu helfen." Am Donnerstag waren die Flüchtlinge im Hafen von Larnaka angekommen, am Freitagabend flogen sie weiter nach Ohio in die USA.

"Das Land ist überfordert"

"Ich war so froh, dass meine Familie in Sicherheit war", erzählt Messner. Stundenlang hatte sie mit dem Handy am Hafen von Larnaka gesessen und gewartet. Zahlreiche Boote kamen an, Tausende Menschen passierten das Hafengebäude, ihre Brüder entdeckte sie nicht. Doch Messner wusste sicher, dass ihre Familie auf einem Schiff auf dem Weg nach Zypern war. Während sie wartete, sah sie das Chaos und die Machtlosigkeit der Behörden. "Die Zyprioten sind so großzügig", sagt sie, "sie versuchen alles - aber sie brauchen selber Hilfe. Das Land ist überfordert."

Zypern stellt für die Flüchtlinge das Messegelände der Hauptstadt Nikosia zur Verfügung, in rund 25 Schulen sind Menschen untergebracht und auch Sportanlagen werden zu Flüchtlingslagern. Inzwischen ist das Land durch Touristen und Flüchtlinge komplett überfüllt.

Die Halle "Zenon", rund 15 Autominuten von Larnaka entfernt, war der Einsatzort von Messner. Nachdem ihre Familie in die sichere Heimat abgeflogen war, wand sie sich an das christliche Hilfswerk "World Vision" und bot ihre Hilfe an. "Die brachten mich dann in diese Sporthalle", erzählt Messner. "Dort habe ich dann als Krankenschwester gearbeitet."

Sie beruhigte die Flüchtlinge, gab ihnen Wasser und zu Essen, wusch ihre Wunden und versuchte, die Kinder zum Schlafen zu bringen. 3000 Kanadier wohnten in der Halle für drei Tage auf engstem Raum. "Es war sehr heiß und stank", sagt sie. "Es gab keinen Arzt und viele Flüchtlinge waren krank." Ältere Menschen litten unter Bluthochdruck, viele Kinder übergaben sich.

Ein weiterer Schwung an Flüchtlingen

"Ich weiß nicht, warum die EU und USA nicht helfen", sagt sie. "Die Deutschen sind doch immer so großzügig." Zwar hatte der zypriotische Präsident Tasso Papadopoulus am Wochenende noch einmal aufgerufen, Hilfsgüter zu schicken, doch nach Messners Eindruck ist davon bislang nichts angekommen. "Die Menschen brauchen Hilfe", sagt sie. Und die Lage ist ernst: Bislang kamen rund 30.000 Menschen auf der Insel an, die zypriotischen Behörden rechnen mit weiteren 40.000 Flüchtlingen aus dem Libanon. "Heute Abend sollen noch einmal viele Schiffe ankommen", berichtet Messner.

Sie selbst wird in den nächsten Tagen zurück nach Düsseldorf fliegen: "Ich habe ihnen angeboten, noch eine Woche zu bleiben, um zu helfen", sagt sie. "Doch ich habe den Eindruck, dass ich aus Deutschland mehr machen kann." Messner hat früher selbst bei der Regierung in Ohio gearbeitet, bevor sie nach Europa kam, um in Brüssel ihren Master im Studiengang Internationale Beziehungen zu machen. "Ich habe viele Freunde in Deutschland, bei der EU und der US-Regierung", sagt sie. "Alle denen möchte ich jetzt meine Fotos und Videos zeigen, damit sie endlich helfen." Wenn sie in Deutschland landet, will sie kurz schlafen - dann geht die Hilfe weiter.



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