Offensive der Islamisten Taliban überrennen afghanische Provinz Helmand

Die Taliban stehen kurz vor der Einnahme der südafghanischen Stadt Sangin - einem strategisch wichtigen Ort und Zentrum der Opiumproduktion. Nun sollen britische und amerikanische Spezialkräfte die islamistischen Kämpfer zurückdrängen.
Afghanische Soldaten in Helmand: Sicherheitskräfte ziehen sich zurück

Afghanische Soldaten in Helmand: Sicherheitskräfte ziehen sich zurück

Foto: NOOR MOHAMMAD/ AFP

Die afghanische Regierung verliert die Kontrolle über die südafghanische Provinz Helmand. Nach Angaben der lokalen Verwaltung kontrollieren die Taliban inzwischen mehr als zwei Drittel der Provinz.

Seit dem Wochenende rücken die islamistischen Milizionäre in Sangin ein, der zweitgrößten Stadt Helmands. Die afghanische Armee ist außer Stande, die Angreifer zurückzudrängen. Die Taliban haben Regierungsgebäude und den Basar gestürmt. Die Sicherheitskräfte haben sich nach schweren Verlusten in ihre Stützpunkte zurückgezogen. Provinzbeamte melden mindestens 90 Tote in der 15.000-Einwohner-Stadt.

Nach Informationen von "Times" und "Wall Street Journal" haben US-Armee und britisches Militär inzwischen Spezialkräfte nach Sangin verlegt, die den Ort vor dem Fall bewahren sollen. Die Rede ist von 60 amerikanischen Soldaten und einer britischen SAS-Einheit mit etwa 30 Kräften. Rund 300 weitere Truppen sollen in eine zweite Militärbasis in Helmand verlegt werden.

Die afghanische Armee warf am Dienstag Munition, Waffen und Lebensmittel über der Provinz ab, um den bedrängten Soldaten zu helfen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Kabul wies Berichte zurück, wonach die Armee hohe Verluste erlitten habe und die Bezirkshauptstadt an die Taliban-Rebellen gefallen sei. Es gebe nur "sporadische Kämpfe".

Besonders für die Briten hat Sangin hohe symbolische Bedeutung. Im Laufe des Afghanistankriegs wurden in der Stadt und ihrer Umgebung mehr als hundert britische Soldaten getötet - das ist fast ein Drittel aller in Afghanistan gefallenen Briten.

"Wir überlassen das Gebiet den Taliban"

Doch auch strategisch ist Sangin wichtig: Durch den Ort verläuft die wichtigste Straße, die Kabul mit Helmands Provinzhauptstadt Lashkar Gah verbindet. Zudem ist Sangin ein Zentrum der Opiumproduktion. Sollten die Taliban den Ort dauerhaft erobern, könnten sie sich damit wieder eine wichtige Einnahmequelle sichern.

Seit Jahresanfang sind nach offiziellen Angaben mehr als 2000 afghanische Sicherheitskräfte bei Kämpfen in Helmand getötet worden. Viele Soldaten und Polizisten seien inzwischen desertiert. "In jedem Distrikt sind wir auf dem Rückzug und überlassen das Gebiet den Taliban", sagte Muhammad Kareem Atal, Chef des Provinzrats von Helmand.

Laut Augenzeugen sollen viele Bewohner von Sangin den Vormarsch der Taliban mit Wohlwollen aufnehmen. Die Menschen seien zermürbt von den jahrelangen Kämpfen und verärgert über das Vorgehen der afghanischen Armee. Bei den Angriffen des Militärs seien seit Jahresanfang zahlreiche Wohnhäuser und Bauernhöfe zerstört worden.

syd/brk/AP