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Kissinger: "Washington 007" wird 90

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Kissingers 90. Geburtstag Gefeierter Star, böser Amerikaner

Henry Kissinger, ein Meister der Realpolitik, feiert seinen 90. Geburtstag. Die Deutschen fanden den langjährigen US-Außenminister stets faszinierend, aber auch unheimlich - das beschäftigt ihn bis heute.

Wer erleben möchte, am selben Tag an der Seite eines angeblichen Popstars und eines vermeintlichen Schurken durch Berlin zu spazieren, dem ist ein Ausflug in die Hauptstadt mit Henry Kissinger zu empfehlen. Dem Autoren dieser Zeilen war dieses Erlebnis vor einigen Jahren beschieden, als Mitarbeiter einer Stiftung, die eine Konferenz mit Kissinger ausrichtete. Meine wesentliche, streng genommen meine einzige Aufgabe lautete, ihn bloß nicht zu verlieren. Kissinger, der an diesem Montag 90 Jahre wird, ist im Alter ein wenig kleiner geworden.

Die Aufgabe war aber einfach, weil die Deutschen ihn nicht aus den Augen ließen. Als wir das "Borchardt" zum Schnitzel-Essen betraten, klatschten Gäste, sie wollten für Fotos mit "Henry" posieren, sie baten um Autogramme. Sie fragten nach seinem Lieblingsfußballverein Fürth, dessen Ergebnisse sich Kissinger in den düsteren Jahrzehnten vor der Erfindung des Internets jedes Wochenende durchtelefonieren oder faxen ließ.

Kurzum: Sie feierten ihn wie den Politstar, der Kissinger als Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Richard Nixon in den siebziger Jahren war - als US-Reporter ihn "Washington 007" tauften, als er mit Schauspielerinnen ausging und raunte, Macht sei das beste Potenzmittel, als Klatschreporter sogar seinen Friseur befragten ("dichtes, lockiges Haar, schwer zu schneiden").

Einflüsterer der Mächtigen

Diese Deutschen schienen fasziniert vom einstigen Landsmann, der mit 15 Jahren aus Fürth in Franken vor den Nazis floh und es im fernen Amerika fast ganz an die Spitze schaffte, als Harvard-Star, als Außenminister, später als weltweit gefragter Einflüsterer der Mächtigen.

Das Gefühl, an der Seite eines Schurken zu schreiten, folgte meist auf den Fuß: Da war der kühle Fernsehmoderator, der im Interview vor allem über Kissingers angebliche Verachtung für Menschenrechte sprechen wollte. Da waren die Konferenz-Gegner, die ihn für ein Monster mit teutonischem Akzent hielten, schuldig für Kriegsverbrechen, für Amerikas Bomben auf Kambodscha, für unbeirrtes Durchhalten in Vietnam, natürlich für den Sturz Allendes in Chile.

Nur: Egal war Kissinger niemandem. Umgekehrt aber, und das war die interessantere Erkenntnis, war auch ihm die Reaktion der Deutschen keineswegs egal.

Ich hatte intelligent klingende Antworten vorbereitet, sollte Kissinger mir Fragen zum atomaren Gleichgewicht stellen oder zum von ihm bewunderten Habsburg-Fürsten Klemens von Metternich, der Demokratie gegen Stabilität eintauschte.

Doch auf eine Kissinger-Frage war ich nicht vorbereitet, sie lautete mehr oder weniger: Wie war ich?

Diese Frage aber schien ihn umzutreiben, nach dem Gespräch mit Passanten, nach seinem Konferenz-Vortrag, vor allem nach der Debatte mit dem TV-Moderator über Chile. Nickte man auf diese Frage nicht überzeugend genug, versank Kissinger in nachdenkliches Schweigen.

Popstar oder hässlicher Amerikaner

Ich begriff, dass Kissinger ein großer Realist mit einer großen Schwäche ist: Ihm war nie egal, was andere über ihn dachten. Er mag Metternich nachgeeifert haben, der Machtgleichgewicht über Menschenrechte stellte. Aber er konnte es sich nie leisten, die Öffentlichkeit zu ignorieren wie Autokraten - und dies gelingt ihm auch als Privatmann nicht. Das ist sein Schicksal, und es verfolgt ihn vor allem in Deutschland.

Denn er ist zwar auch in den USA ein Mann ohne Skrupel genannt worden, der "intelligenteste, aber auch der teuflischste Mann, den ich je getroffen habe" (Harvard-Professor Stanley Hoffmann). Auch die Amerikaner nahmen ihm übel, dass er so kühl und ungeniert über das nationale Interesse sprach.

Aber in seiner Wahlheimat hat er nie an Einfluss verloren. Im Weißen Haus des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama steht sein kühler Realismus, geschult am Studium des 19. Jahrhunderts, wieder hoch im Kurs. Kissingers größte Taten, etwa Amerikas Annäherung ans kommunistische China, gelten als Geniestreiche.

Als er kürzlich bei einer Gala in Washington scherzt, er habe nach allen möglichen Wegen gesucht, um trotz seiner deutschen Geburt US-Präsident werden zu können, lachen die Leute. Sie werten solche Worte als Witz eines harmlosen Großvaters, nicht mehr als kalten Machthunger. Und dann stimmt der Saal, angeführt von Ex-Außenministerin Hillary Clinton, ein Ständchen für "Henry" an.

Deutschland ist nicht so weit, und wird es wohl nicht werden. Dort ist Kissinger für viele Menschen zwar Henry, der Popstar. Aber für eine Menge wird er in seiner Heimat auch immer der hässliche Amerikaner bleiben, egal wie alt und zerbrechlich.

Das könnte Kissinger, Multimillionär, Bestseller-Autor, außenpolitischer Mentor, an seinem 90. Geburtstag gleichgültig sein. Ist es ihm aber wohl nicht. Denn seine Frage: "Wie war ich?" wird in Deutschland vermutlich nie eindeutig beantwortet werden.

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