Ukraine-Konflikt Kissinger warnt vor "Neuauflage des Kalten Krieges"

Im Gespräch mit dem SPIEGEL warnt der frühere US-Außenminister Henry Kissinger vor einer Verschärfung der Ukraine-Krise. Von Deutschland fordert er eine aktivere Rolle in dem Konflikt.
Henry Kissinger: "Deutschland sollte sich aktiver einbringen"

Henry Kissinger: "Deutschland sollte sich aktiver einbringen"

Foto: Tobias Hase/ dpa

Der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger, 91, sieht in der Belastung der Beziehungen zu Russland wegen des Ukraine-Konflikts die Gefahr einer "Neuauflage des Kalten Krieges". Ignoriere man diese Gefahr, "wäre das eine Tragödie", sagte Kissinger dem SPIEGEL.

Der russische Präsident Wladimir Putin handelt seiner Meinung nach aus "strategischer Schwäche, die er als taktische Stärke tarnt". Fortgesetzte Sanktionen gegen Moskau hält die Politlegende für kontraproduktiv. Von Berlin erwartet Kissinger mehr Initiative in der Außenpolitik: "Deutschland ist heute das wichtigste Land in Europa - und es sollte sich aktiver einbringen." (Lesen Sie hier das ganze Interview im neuen SPIEGEL.)

Der immer noch einflussreiche Politikberater sieht Präsident Obamas  Niederlage bei den Wahlen am Dienstag nur als formale Schwächung: "Zugleich ist der Präsident nun frei, zu dem Programm zu stehen, das er für richtig hält." Als Nachfolgerin für Obama "würde Hillary Clinton eine starke Präsidentin abgeben", sagte der Ex-Außenminister dem SPIEGEL. "Generell aber meine ich, es wäre besser für das Land, wenn es einen Regierungswechsel gäbe."

Auch Gorbatschow warnt vor neuem Kalten Krieg

Neben Kissinger hat auch der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow auf die neue Ost-West-Krise hingewiesen und den Westen wegen seiner Russland-Politik scharf kritisiert. Gorbatschow warnte ebenfalls vor einem neuen Kalten Krieg: Nach der deutschen Wiedervereinigung habe es so ausgesehen, als könnte Europa durch die Schaffung gegenseitigen Vertrauens ein Beispiel für Konfliktlösungen weltweit werden, sagte Gorbatschow am Samstag bei einer Veranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin.

Die Geschichte habe sich aber anders entwickelt. Europa und die internationale Politik hätten den Test der Erneuerung nicht bestanden. "Die Welt steht am Rande eines neuen Kalten Krieges. Einige sagen, er hat bereits begonnen", sagte Gorbatschow.

Der Westen und insbesondere die USA hätten ihre Versprechen nach der Wende von 1989 nicht eingehalten. Stattdessen habe man sich zum Sieger erklärt. Den Politikern im Westen seien Euphorie und Triumphalismus zu Kopfe gestiegen. Sie hätten, so Friedensnobelpreisträger Gorbatschow, Russlands Schwäche ausgenutzt und das Monopol auf Führung in der Welt erhoben.