Hilferuf aus Bagdad Der Irak fühlt sich im Stich gelassen

Den drohenden Krieg vor Augen, beklagt sich die irakische Regierung über mangelnde Hilfe aus der arabischen Welt. Die Führer der arabischen Staaten seien nicht solidarisch mit dem Irak, kritisierte jetzt Saddams Stellvertreter Taha Jassin Ramadan.

Bagdad/Kairo/London - Ramadan warf den arabischen Führern mangelnde Geschlossenheit vor. Sie seien angesichts des drohenden Krieges gegen den Irak "gelähmt", sagte Ramadan in Bagdad. Gleichzeitig forderte er die internationale Gemeinschaft auf, die US-Regierung daran zu erinnern, dass sie die Waffeninspektionen als Alternative zum Krieg dargestellt habe, sich nun aber trotz der Anwesenheit der Uno-Inspekteure im Irak auf einen Krieg vorbereite.

Washington habe die Inspekteure nur in den Irak geschickt, um eine Krise zu provozieren. Das sei aber bislang nicht gelungen, da Bagdad gut mit den Vereinten Nationen zusammenarbeite. Er erwarte jedoch, dass es trotz der Inspektionen zum Krieg kommen werde.

Diese Annahme scheint nach den jüngsten Äußerungen aus den USA und Großbritannien berechtigt: Trotz der Anti-Kriegsstimmung im eigenen Lande verschärfte jetzt Tony Blair erneut den Ton gegen den Irak. Er wisse genau, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, behauptete Großbritanniens Premier. Der Irak wolle in den Besitz von Atomwaffen gelangen. Darüber hinaus wies Blair irakische Darstellungen zurück, das Land verfüge über keine bedeutenden Massenvernichtungswaffen.

"Wir sind sicher, was chemische und biologische Waffen angeht", sagte Blair vor Abgeordneten in London. "Wir glauben, dass die Iraker versuchen, ihr Atomprogramm wieder einzurichten." Wie weit der Irak bereits sei, könne er nicht sicher sagen. Irak habe ein groß angelegtes Atomprogramm betrieben, das aber jahrelang geleugnet, bis das Land gezwungen gewesen sei, es zuzugeben.

Blair geht außerdem davon aus, dass terroristische Gruppen versuchen werden, Anschläge in Großbritannien zu verüben. "Ich glaube, es ist unvermeidlich, dass sie es in der einen oder anderen Form versuchen", sagte Blair. Aus den jüngsten Festnahmen könne man erkennen, dass das terroistische Netz Ausläufer in Großbritannien wie im übrigen Europa habe.

Auch Donald Rumsfeld hatte seine ohnehin schon deutlichen Attacken gegen den Irak gestern noch einmal verschärft. Anders als im Falle von Nordkorea, gebe es beim Irak die Möglichkeit einer diplomatischen Beilegung der Krise eigentlich nicht mehr, sagte der US-Verteidigungsminister. Diese Option sei "fast erschöpft". Der Irak müsse beweisen, dass er keine Massenvernichtungswaffen herstelle. Bis jetzt sei er nicht willens gewesen, das zu tun. Das vorgelegte Waffendossier habe nicht der Wahrheit entsprochen. Es werde keine Monate dauern, um festzustellen, ob der Irak kooperiere oder nicht.

Hans Blix will jedoch noch kein abschließendes Urteil fällen. Der Chef der Uno-Waffeninspektoren sieht eine "große Anzahl von Fragen" zu Waffen vom Irak immer noch unbeantwortet. Die Erklärung des Iraks an den Uno-Sicherheitsrat in der Vergangenheit lasse eine große Anzahl von Fragen offen, sagte Blix Reuters TV kurz vor seinem Abflug von Athen nach New York. "Unsere Meinung hat sich nicht geändert." Er hatte zuvor gesagt, die Iraker müssten die Welt überzeugen, dass sie keine Massenvernichtungswaffen haben.

Blix hatte zusammen mit dem Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Mohamed al-Baradei, am Montag zweitägige Beratungen mit irakischen Vertretern beendet. Dabei hatte Irak eine bessere Zusammenarbeit mit den Uno-Waffeninspektoren angekündigt, die überprüfen sollen, ob das Land über Massenvernichtungswaffen verfügt.

Die Inspektoren setzten ihre Arbeit heute in neun Anlagen fort. Unter anderem durchsuchten sie die landwirtschaftliche Fakultät der Universität Bagdad. Eine Funktionärin der regierenden Baath-Partei erklärte nach der Kontrolle in der Universität, die Inspekteure hätten die Studenten bei ihren Prüfungen gestört.

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