Hilfsorganisationen im Irak "Jede Nähe zu Amerikanern ist gefährlich"

Seit den jüngsten Anschlägen ziehen viele internationale Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter aus dem Irak ab. Ein Erfolg für die Terroristen, sagt US-Außenminister Powell. Die entmutigten Helfer dagegen werfen der Besatzungsmacht vor, von ihr zur Zielscheibe gemacht worden zu sein.
Von Dominik Baur

Berlin - Gleich nach dem Selbstmordattentat auf das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) in Bagdad versuchte es Colin Powell mit einem eindringlichen Appell. "Sie werden gebraucht", beschwor der US-Außenminister die Hilfsorganisationen im Irak. "Wenn sie vertrieben werden, gewinnen die Terroristen."

Der Appell verhallte ungehört. Viele internationale Helfer sind seither abgezogen, jetzt schloss auch das Rote Kreuz, das mit 30 bis 40 ausländischen und über 600 irakischen Mitarbeitern zu den großen Organisationen zählt, seine Büros in Bagdad und Basra. Vorläufig zwar, wie IKRK-Sprecher Florian Westphal beteuert, aber kaum jemand möchte derzeit auf eine baldige Besserung der Sicherheitslage im Irak wetten.

Das konservative "Wall Street Journal" diagnostiziert sogleich Feigheit vor dem Feind. Es sei "passive Sabotage des Wiederaufbaus", wenn sich Hilfsorganisationen aus dem Irak zurückziehen. Solche Vorwürfe wollen die Helfer nicht auf sich sitzen lassen. "Das ist natürlich der Oberschwachsinn. Humanitäre Hilfe hat nichts mit Terrorbekämpfung zu tun", schimpft Alexander Christof von der Organisation Architekten für Menschen in Not.

Schließlich seien die USA mitverantwortlich für die jetzige Situation: "Die haben nach dem Krieg die Sicherheitslage nicht ernst genommen." Deshalb bräuchten sie sich jetzt auch nicht über die täglichen Attentate und die Konsequenzen der Hilfsorganisationen zu wundern. Diese versuchten ja lediglich, ihre Mitarbeiter zu schützen.

Humanitäre Hilfe als politische Strategie

"Wir sind keine Akteure im Kampf gegen den Terrorismus", heißt es auch in einer empörten Mitteilung der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die ihr ausländisches Personal schon von 30 auf sieben Mitarbeiter reduziert hatte und diese nun in die jordanische Hauptstadt Amman verlegte. Nach dem Attentat auf das Rote Kreuz müssten alle Hilfsorganisationen damit rechnen, Zielscheibe von Angriffen werden zu können.

Mit Äußerungen wie der Powells verschärften westliche Politiker die ohnehin schwierige Situation für die Hilfsorganisationen nur noch, so die Organisation, die 1999 den Friedensnobelpreis bekam. Die Besatzer im Irak versuchten immer wieder, humanitäre Hilfe als Teil ihrer politischen Strategie zu vereinnahmen.

Das Problem der Helfer: Wenn Militäreinsätze unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe ausgeführt werden, wenn US-Soldaten ihre Fahrzeuge mit der Aufschrift "humanitäre Hilfe" versehen und damit durch den Irak fahren und wenn US-Bomber wie in Afghanistan Care-Pakete abwerfen, dann weiß die einheimische Bevölkerung bald nicht mehr zwischen Besatzern und neutralen Helfern zu unterscheiden. Die Folge: Die Hilfsorganisationen werden im Irak von vielen als Handlanger des Feindes betrachtet und geraten so in die Schusslinie. Und anders als das Militär sind sie ein "weiches Ziel".

"Wir sind alle keine Helden"

Alexander Christof fährt jede Woche mehrmals an dem zerstörten IKRK-Gebäude vorbei. "Das ist ein Wunder, dass da nicht mehr gestorben sind." Der Leiter von Architekten für Menschen in Not konnte die Explosion, bei der zwölf Menschen ums Leben kamen, auf dem Dach seiner Zentrale aus rund zwei Kilometern Entfernung sehen. "Dieser Schock sitzt uns tief in den Knochen - vor allem, weil uns der Anschlag zur Gänze unverständlich ist. Wir wissen, welche exzellente Arbeit das Rote Kreuz hier seit 20 Jahren gemacht haben."

Die kleine Münchner Organisation ist seit Ende 2001 im Irak und gehört auch jetzt zu denjenigen, die nicht hinschmeißen wollen. Mit seinen vier deutschen und siebzig irakischen Mitarbeitern macht Christof weiter. Sie kümmern sich um Wasserversorgungsprojekte, medizinische Versorgung und den Aufbau von Schulen für Straßenkinder. Aber seit dem Anschlag verschlingen Sicherheitsvorkehrungen einen Großteil der Zeit. "Wir sind schließlich alle keine Helden", sagt Christof. Erst einmal haben die Helfer ihr Gebäude granatensicher gemacht; dann wurden Funkgeräte angeschafft, damit jeder zu jeder Zeit erreichbar ist. Die Mitarbeiter dürfen nur noch mindestens zu zweit unterwegs sein und müssen jede halbe Stunde durchgeben, wo sie sich gerade befinden.

Christof hat volles Verständnis, dass große Organisationen wie das Rote Kreuz ihre Büros schließen, auch wenn seine eigene Gruppe noch ausharrt. "Wir bleiben so lange, wie wir glauben, dass wir vernünftig arbeiten können." Aber auch bei Architekten für Menschen in Not ist für den Notfall alles vorbereitet. Sobald es ihnen zu brenzlig wird, sind die ausländischen Helfer binnen einer Stunde aus Bagdad verschwunden und auf dem Weg nach Amman.

"Zur falschen Zeit am falschen Ort"

Noch haben Christof und seine Leute keine Lust, die Segel zu streichen. Sie sehen, dass ihre Hilfe ankommt, und das macht ihnen Mut. "Das ist natürlich ein Ansporn, das Land nicht zu verlassen, weil wir Verantwortung für 45.000 bis 50.000 Menschen tragen." Und die Menschen, denen ihre Projekte zugute kommen, kennen sehr wohl den Unterschied zwischen Helfern und Militärs, zwischen Deutschen und Amerikanern. "Bei unseren Projekten sind wir hochwillkommen. Wenn wir jetzt gingen, müssten die Kinder wieder das verseuchte Wasser aus dem Tigris trinken."

Deshalb vermeidet die Hilfsorganisation alles, was gefährlich werden könnte. Größte Vorsicht herrscht vor allem, wenn sich die Helfer in Bagdad fortbewegen. "Es ist die Gefahr, dass man zur falschen Zeit am falschen Ort ist", sagt Christof. Als Ausländer laufe man schließlich immer Gefahr, mit den Besatzern verwechselt zu werden. "Uns bringt alles in Gefahr, was uns in irgendeiner Weise in die Nähe der Amerikaner bringt."

Deshalb verhandelt Christof auch nie direkt mit der US-Zivilverwaltung, sondern stets mit den Irakern in den Ministerien. Schutz durch die US-Truppen lehnen sie wie alle anderen Organisationen kategorisch ab. "Und wenn wir einen amerikanischen Konvoi treffen, überholen wir entweder sehr schnell, oder wir bleiben stehen und warten, bis er weg ist."

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