Hilfsorganisationen In Bagdad pro Tag hundert verletzte Zivilisten

Fast zwei Wochen nach Beginn der Kriegshandlungen im Irak sind die internationalen Hilfsorganisationen zunehmend über die Lage der Bevölkerung besorgt. Die Lage sei zum Teil sehr unübersichtlich, die Kommunikation erschwert und die Zahl ziviler Opfer steige täglich.


Verletzte Frau in Basra
AP

Verletzte Frau in Basra

Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) wurden seit Kriegsbeginn täglich rund hundert Zivilisten in der irakischen Hauptstadt verletzt. Ihnen zu helfen, falle zunehmend schwerer.

So sei in Bagdad durch die US-Luftangriffe das irakische Telekommunikationssystem weitgehend zerstört. Im Westen der irakischen Hauptstadt sei die Stromversorgung seit Donnerstagnacht unterbrochen. Ingenieure versuchten, mit Generatoren wenigsten sechs Stunden am Tag Wasseraufbereitungsanlagen in Betrieb zu halten.

In mehreren Städten sei es durch die Kriegsumstände mittlerweile schwierig, die Versorgung der Städte zu gewährleisten. Nicht nur in Basra im Südirak gebe es den Angaben der Hilfsorganisationen zufolge auch ernsthafte Strom- und Wasserprobleme.

Erstmals Rot-Kreuz-Delegation bei Kriegsgefangenen

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat am Montag erstmals seit Ausbruch des Krieges irakische Kriegsgefangene besucht und registriert. In einem Lager in der Nähe von Umm Kasr im Südirak gebe es etwa 3.000 Gefangene, sagte der dortige IKRK-Mitarbeiter Andreas Kunze am Abend im Schweizer Fernsehen. 100 von ihnen seien namentlich erfasst worden, ergänzte Balthasar Staehelin, IKRK-Generaldelegierter für den Mittleren Osten. Die Besuche sollen in den folgenden Tagen fortgesetzt werden.

Nach Angaben des britischen Verteidigungsministers Geoff Hoon befinden sich ungefähr 8000 irakische Kriegsgefangene in den Händen der amerikanischen und britischen Streitkräfte.

Das IKRK bemühe sich weiterhin darum, Zugang zu den von Irak gefangen genommenen alliierten Soldaten zu erhalten. Die Organisation habe von den irakischen Behörden Zusagen erhalten, dass sie diesen Zugang gewährten, sagte Staehelin in Genf. Ein Datum sei jedoch noch nicht festgelegt worden. Eine offizielle Zahl alliierter Kriegsgefangener gibt es bislang nicht.

Uno ruft um Hilfe

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat in einem Appell an die internationale Gemeinschaft um 1,3 Milliarden Dollar für die Not leidende Bevölkerung im Irak gebeten. Das auf eine Dauer von sechs Monaten angelegte Projekt sei die "größte Herausforderung in der Geschichte" der Hilfsorganisation, sagte WFP-Direktor James Morris am Montag in London.

Mit dem Geld will das WFP ein System zur Verteilung von Nahrungsmitteln für die gesamte irakische Bevölkerung aufbauen, mehr als 27 Millionen Menschen. "Wir haben bereits damit begonnen, eine Lebensader für das irakische Volk aufzubauen", sagte Morris. "Wir haben keine Zeit zu verlieren." Mehr als 22 Prozent der Kinder im Süden und Zentrum des Irak litten unter chronischer Fehlernährung, hieß es. Während der gesamten Operation sollen 1,6 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln geliefert werden.

Welthungerhilfe: Hilfe muss neutral bleiben

Die humanitäre Hilfe für den Irak sollte nach Ansicht der Deutschen Welthungerhilfe von den Vereinten Nationen koordiniert werden. Für seine Organisation sei es nicht akzeptabel, Hilfe nur mit einer von Militärbehörden erteilten Genehmigung zu leisten, sagte Hans-Joachim Preuß, Generalsekretär der Welthungerhilfe, am Montag in Bonn. Derzeit benötigten Hilfsorganisationen, die von Kuweit aus im Irak arbeiten möchten, eine Genehmigung und einen Ausweis. Beides werde von einer in Kuweit ansässigen gemeinsamen Einrichtung des Pentagon und der kuweitischen Regierung erteilt.

Humanitäre Hilfe müsse aber strikt neutral sein und auf zivilen Wegen koordiniert und geleistet werden, sagte Preuß. Die planlose Verteilung von Nahrungsmitteln durch Soldaten im Südirak habe deutlich gezeigt, dass die Standards von Hilfsorganisationen und Armeen sehr unterschiedlich seien.



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