Hilfszahlungen Holocaust-Überlebende setzen Olmert unter Druck

Zehntausende verarmte Holocaust-Überlebende warten seit Jahren vergeblich auf finanzielle Hilfe von Israels Regierung. Mit einer Kampagne bedrängen sie Ministerpräsident Olmert – jetzt will er handeln.


Jerusalem - "Wir haben die Kriterien definiert, die die Zahlung von Hunderten Millionen Schekeln an die Überlebenden des Holocaust ermöglichen, damit jeder von ihnen würdig leben kann", sagte Israels Ministerpräsident Ehud Olmert auf der wöchentlichen Kabinettssitzung. Am Montag werde ein Abkommen mit den zuständigen Ministerien unterzeichnet. Angehörige hatten mit einer Internet- und Pressekampagne erneut auf die 60.000 Überlebenden der Nazi-Herrschaft hingewiesen, die unterhalb der Armutsgrenze ihr Dasein fristen.

Israels Ministerpräsident Olmert: "Wir haben die Kriterien definiert"
DPA

Israels Ministerpräsident Olmert: "Wir haben die Kriterien definiert"

Vertreter eines Fonds für die Überlebenden des Holocaust griffen Olmert am Sonntag persönlich an, da er eine Zusage vom 15. April für zügige Hilfe nicht eingehalten habe. "Wir ziehen gegen Olmert in den Krieg, da er sein feierliches Versprechen, den 60.000 Überlebenden der Todeslager zu helfen, nicht gehalten hat", sagte die Fonds-Mitarbeiterin Gal Rotem.

Die amtlich definierte Armutsgrenze liegt in Israel bei 40 Prozent des Durchschnittseinkommens von knapp 750 Euro. Von den 250.000 Holocaust-Überlebenden müssen demnach 60.000 von 300 Euro oder weniger im Monat leben.

"Israel hat deutsche Reparationen erhalten, um sich eine Handelsflotte zuzulegen, hat aber versäumt, den Genozid-Überlebenden die zwei bis fünf Milliarden Schekel (350 Millionen bis 875 Millionen Euro) zu überweisen, die ihnen zustehen", kritisierte Rotem. "Wir sind die Versprechungen leid", sagte die Fondsmitarbeiterin.

In einer E-Mail-Kampagne protestieren Angehörige und Unterstützer jetzt massiv gegen das Zögern der Regierung. Die Tageszeitung "Maariv" druckte am Sonntag auf ihrer Titelseite das Foto der 82 Jahre alten Zippora Luschowitz, der in Auschwitz eine Nummer auf den Unterarm tätowiert wurde. Krank und gebrechlich, habe sie nicht einmal Geld, um sich eine Brille zu kaufen. "Die Wahl zwischen Brot und Medikamenten", steht daneben.

Olmert hatte am 15. April einen Minister-Ausschuss eingesetzt, der einen Aktionsplan vorlegen sollte. Doch das einen Monat später vorgelegte Projekt wurde nie umgesetzt. Der Vorschlag sieht die Überweisung einer monatlichen Rente vor, die nach Alter und Gesundheitszustand der alten Menschen gestaffelt sein sollte. Doch Finanzminister Ronni Bar-On zögert mit seiner Zustimmung, da der Haushalt für 2008 noch nicht vom Parlament verabschiedet wurde. Und das ist bis Herbst in der Sommerpause. "Die Zeit drängt", sagt Rotem, "jeden Monat sterben tausend Menschen, die die Nazi-Hölle überlebt haben".

hen/AFP



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