Clinton bei der ersten TV-Debatte Neustart in Vegas

Die Republikaner am Boden, Joe Biden ziert sich: Nach harten Wochen scheint Hillary Clintons Lage etwas aussichtsreicher. Die erste TV-Debatte der Demokraten ist jetzt Clintons Chance, ihre Kampagne wiederzubeleben.

Demokratin Clinton: Schönster Platz, in der Mitte
REUTERS

Demokratin Clinton: Schönster Platz, in der Mitte

Aus Las Vegas berichtet


Links Rivalen, rechts Rivalen und vorne die Moderatoren. Hillary Clinton kennt das Setting, sie hat TV-Debatten dieser Art dutzendfach hinter sich. Aber was hilft's. Wenn sie am Dienstagabend die Bühne des exklusiven Wynn-Hotels in Las Vegas betritt, ist gewissermaßen alles wie beim ersten Mal. Hillary Clinton wird sich den Amerikanern neu vorstellen müssen.

Wer hätte das gedacht. Clinton, das war vor ein paar Monaten die logische Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. Erfahren, vernetzt, entschlossen. Doch ihr verdruckster Umgang mit ihrem privaten E-Mail-Server als Außenministerin hat ihrem Image geschadet. Viele Amerikaner fragen sich, ob man ihr wirklich das Land anvertrauen kann, wenn sie nicht einmal simple IT-Regeln einhalten kann.

Es ist auch eine Art Neustart, den Clinton in der Stadt der Spieler versuchen wird. Der Rahmen ist passend: Millionen werden vor den Bildschirmen sitzen. Die fünf aussichtsreichsten Demokraten stehen auf der Bühne, Clinton selbst hat den schönsten Platz in der Mitte zugesprochen bekommen, ihre vier Gegner sind an den Seiten platziert: Martin O'Malley aus Maryland, Jim Webb aus Virginia, Lincoln Chafee aus Rhode Island. Namen, die selbst viele Amerikaner nicht kennen. Fürchten muss Clinton allenfalls Bernie Sanders, den Senator aus Vermont, der seit Monaten die linke Basis der Partei bezirzt.

Es sieht wieder ein bisschen besser aus für Clinton

Es dürfte weniger spektakulär zugehen als bei den jüngsten Debatten der Republikaner, was allein schon dadurch garantiert ist, dass Donald Trump fehlt. Trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deshalb, hat sich die Ex-Außenministerin auf die TV-Debatte intensiv vorbereitet. Ihr Team stellte die Bühne nach, zwei Vertraute spielten Sanders und O'Malley. Zusammen haben sie einen Plan erarbeitet, mit welchen Inhalten Clinton punkten kann, wo die Schwächen ihrer Gegner liegen und wo die Stärken. "Vegas kann kommen", sagt einer ihrer Leute. Aber reicht das Training, um ihre Kampagne wiederzubeleben?

Dass ihr Umfeld optimistisch in die erste TV-Debatte auf Seiten der Demokraten geht, hat auch damit zu tun, dass es politisch dieser Tage wieder ein klein bisschen besser aussieht für Clinton, auch wenn sie selbst dafür am wenigsten kann.

Da sind zum einen die Republikaner, die sich in einer bemitleidenswerten Verfassung befinden. Der radikale Flügel der Partei hat mit John Boehner und Kevin McCarthy gleich zwei Führungsfiguren demontiert. Wie es weitergeht, ist völlig offen, die Fraktion im Repräsentantenhaus scheint unregierbar. Das Theater, das die Konservativen im Kongress aufführen, ist ein wunderbares Geschenk für die Demokratin. Jedenfalls scheinen sich derzeit deutlich weniger Menschen für ihre Mail-Affäre zu interessieren als für die Intrigen in den Reihen ihrer Gegner.

Macht sie der jüngste Linksschwenk angreifbar?

Schön für Clinton ist zudem, dass sich die Aufregung um Donald Trump ein wenig gelegt zu haben scheint. Die großen Fernsehsender heben gelegentlich auch mal wieder andere Kandidaten in ihre Sendungen, zum Beispiel Clinton selbst. Natürlich ließ es sich Trump nicht nehmen, einen kleinen Gruß nach Las Vegas zu schicken ("Ich denke, die Zuschauer werden einschlafen"), aber inzwischen werden solche Sätze zumindest nicht mehr zu Aufmachern in den Abendnachrichten.

Mehr Aufregung als um Trump gibt es dieser Tage um Joe Biden, aber auch das ist aus Sicht Clintons verkraftbar. Der Vizepräsident ist immer noch unentschlossen, ob er in den Wahlkampf einsteigen will oder nicht. Das ist angesichts des schweren Schicksalsschlags, den er mit dem Tod seines Sohnes zu verkraften hat, auch zu verstehen; aber seine Liebäugelei mit der Kandidatur geht jetzt schon so lange und wird medial so kleinteilig begleitet, dass das Ganze inzwischen leicht entwürdigend wirkt.

Das heißt nicht, dass Clinton unangreifbar wäre in Las Vegas. Wohl auch, um dem populären Bernie Sanders nicht allein das linke Feld zu überlassen, hat sich Clinton zuletzt politisch erstaunlich flexibel gegeben. Sie hat ein Programm vorgelegt, mit dem sie die großen Banken der Wall Street zähmen will. Sie hat ihren Widerstand gegen ein großes Pipeline-Projekt angekündigt und Zweifel am Pazifik-Freihandelsabkommen geäußert. Ihre Positionen liegen plötzlich nicht nur weit links von Präsident Barack Obama, sondern auch von ihren eigenen früheren Standpunkten. Als Außenministerin war sie zum Beispiel noch eine große Anhängerin des Freihandelsabkommens.

Will sie also nur den Gewerkschaften gefallen, die um arbeitsrechtliche Standards fürchten? Oder hat sie echte Zweifel am Abkommen? Es ist nur einer der Schwenks, den sie bei der TV-Debatte wird erklären müssen.

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Veit Medick ist seit Februar 2009 Politikredakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE und seit August 2015 Korrespondent in Washington.

E-Mail: Veit_Medick@spiegel.de

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
jakam 13.10.2015
1. Hillary who?
#feelthebern
dolemite 13.10.2015
2.
Seit Wochen werden jetzt auf Spiegel, zur Verteidigung jedoch auch auf anderen Seiten, Berichte über den US Wahlkampf geschrieben bei denen sich mir die Haare sträuben, angefangen mit dem Hype über Trump bei dem JEDER weiss dass er es nicht weit schaffen wird der sich auch nur halbwegs Ernsthaft mit dem US Wahlkampf und seiner Geschichte beschäftigt hat, aber ist halt sexier darüber zu schreiben hm? Und wer sind "viele Amerikaner" die Clinton nach der medial komplett aufgeblasenen E-Mail "Affäre" nicht zutrauen aufgrund dessen das Land zu führen? Wofür gibt es hier representative Zahlen? Anrufer bei Fox? Oder NBC? Oder CNN?. Es ist doch bizarr auf diesen Zug aufzuspringen, dient er zumal nur dem einfach gestraktem Wähler der reaktionär seine Stimme abgeben wird ein Bild zu liefern das an Klischees und narratives nicht zu übertreffen ist.
spon-facebook-10000523851 13.10.2015
3. Hillary
wird es nicht schaffen. Gott sei Dank. Man kann ihr weder Glauben schenken, noch erwarten, dass sie fuer die USA nach langer Zeit wieder waehlbares Praesidentenmaterial waere. Ihre gekuenstelten Auftritte und krampfhaften Versuche dem "Volk" zu gefallen sind nahezu Uebelkeit erregend.
asdf01 13.10.2015
4.
Sie hätten mal lieber Lawrence Lessig einladen sollen, der ist noch der interessanteste Kandidat der Demokraten.
hamlet 13.10.2015
5. 2 Merkels?
Ich hoffe ja immer noch auf Bernie Sanders, aber vermutlich wird es die Merkel in amerikanischer Bauweise reißen. Aber wollen wir das?
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