Bewerbung für US-Präsidentschaft Clintons zweites Mal

Sie will es noch einmal versuchen: Hillary Clinton bewirbt sich von diesem Sonntag an erneut um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Ihre Chancen aufs Weiße Haus? Besser denn je.

REUTERS

Von , Washington


Kaum jemals zuvor in der US-Geschichte ist eine Bewerbung derart erwartet worden wie die von Hillary Clinton auf die Präsidentschaftskandidatur ihrer Partei fürs Jahr 2016 - sowohl von Anhängern als auch von Gegnern. Über viele Monate wurde spekuliert, über Monate schon hat sich Clinton ein Team zusammengestellt, die Fundamente für den kommenden Wahlkampf gelegt.

Clintons zweiter Versuch nach der gescheiterten Bewerbung 2008: Er beginnt an diesem Sonntag. Per Video, verbreitet über die sozialen Netzwerke, wird sich die 67-Jährige erklären. Gleich im Anschluss startet sie eine Tour durch frühe Vorwahl-Staaten, zuerst geht es nach Iowa in den Mittleren Westen. Hier will Clinton in kleinerem Rahmen mit potenziellen Wählern zusammenkommen. Die Bewerberin, so haben es ihre Leute geplant, soll vor allem zuhören.

Das ist auch als Kontrapunkt gedacht zum gescheiterten Wahlkampf von 2008. Damals inszenierte sie sich von Beginn an als quasi gesetzte Kandidatin, wirkte auf größeren Kundgebungen oft kühl, von oben herab. Beim zweiten Mal soll alles anders werden.

Aber geht das überhaupt? Inwiefern kann sich eine Politikerin wie Hillary Clinton neu präsentieren? Schließlich fühlt es sich doch so an, als wäre sie schon immer da gewesen. Seit einem Vierteljahrhundert steht sie im politischen Rampenlicht, eine ganze Generation hat schlichtweg keine Vorstellung von Washington ohne Bill, Hillary und Tochter Chelsea Clinton.

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Präsidentschaftsbewerbung: Hillarys Aufstieg
Als sie im Sommer 2008 ihr Scheitern gegen Barack Obama in den Demokraten-Vorwahlen eingestehen musste, da sprach sie mit Blick auf die Zahl all jener, die für sie gestimmt hatten, von "18 Millionen Rissen in der Glasdecke" - dieser unsichtbaren Grenze für Frauen auf dem Weg nach oben.

Weißes Haus stets im Blick

Damit hatte sie erst im Moment des Scheiterns zu jenem Motiv gefunden, das sie in den Monaten zuvor stets auszublenden suchte: dass sie die erste Frau im Weißen Haus hätte sein können. Das nächste Mal, sagte Clinton damals, werde der Weg ein bisschen einfacher sein.

Seitdem wartete Amerika auf Versuch Nummer zwei. Und Clinton blieb dem Frauen-Motiv treu. Sie verfolgte es insbesondere während ihrer Amtszeit als Obamas Außenministerin von 2009 bis 2013, setzte sich weltweit für Frauenrechte ein. Man kann das auch so sagen: Clinton arbeitete an ihrem Marken-Image. Die Beliebtheitswerte dieser einst so polarisierenden Frau stiegen in ungekannte Höhen.

Es war unübersehbar, dass Clinton das Weiße Haus stets im Blick behielt: Als Außenministerin reiste sie zwar mehr als jeder ihrer Vorgänger (956.733 Flugmeilen), aber sie wagte nie mehr als unbedingt nötig. So versuchte sie sich erst gar nicht daran, den Nahostkonflikt aufzudröseln. Clinton hielt all die Jahre alles im Vagen, sie inszenierte einen Spannungsbogen.

Die Ex-Ministerin, Ex-First-Lady (1993 bis 2001) und Ex-Senatorin (2001 bis 2009) legt nun einen fliegenden Start hin. Längst schon lief ein Schattenwahlkampf mit entsprechender Infrastruktur: Die Spendenplattform (SuperPAC) "Ready for Hillary" hat in den letzten beiden Jahren mehrere Millionen Dollar von Kleinspendern eingesammelt, lokale Gruppen bildeten sich. Die Organisation wird rund 3,6 Millionen Adressen von Unterstützern an Clinton weiterreichen. Und vor einem Jahr bereits erklärte der größte SuperPAC der Demokraten - "Priorities USA Action" - seine Unterstützung für Clinton. Mit "Correct the Record 2016" hat sie längst eine Website, die Attacken politischer Gegner entkräften soll.

Gegenkandidaten? Bis jetzt nur B-Prominenz

Möglichen Gegenkandidaten in den im Januar startenden Vorwahlen ist sie damit weit voraus. Hochkarätige Herausforderer wie Vizepräsident Joe Biden oder Elizabeth Warren, linksgerichtete Senatorin aus Massachusetts, haben bisher ihre Bewerbung von Clinton abhängig gemacht: Tritt sie an, treten wir nicht an. Bleibt es nun auch dabei? Man wird sehen. Es gibt B-Kandidaten wie Martin O'Malley, den früheren Gouverneur von Maryland und Jim Webb, Ex-Senator aus Virginia. Oder den Exoten Bernie Sanders, einziger Sozialist im US-Parlament.

Aber klar ist: Einen überraschenden Messiaskandidaten wie Barack Obama haben die Demokraten diesmal nicht zu bieten. Galt Clinton schon 2008 als vermeintlich zwangsläufige Präsidentschaftskandidatin, so wird sie es 2016 wohl mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich. Neun von zehn Demokraten-Wählern können sich einer NBC-Umfrage zufolge vorstellen, in den Primaries für sie zu stimmen. Obama selbst gab schon am Samstag eine indirekte Wahlempfehlung ab:

"Sie wäre eine exzellente Präsidentin."

Einen gefährlichen Gegner jedoch hat sie sicher: sich selbst. Ihre Jahre als First Lady im Weißen Haus mit all den angeblichen und echten Skandalen (Lewinsky-Affäre) haben sie das Freund-Feind-Denken gelehrt. Wer Clinton erlebt, spürt ein unsichtbares Schutzschild um sie herum: Was ist echt? Was ist inszeniert an dieser Politikerin? Sie wittert Verschwörungen der Rechten, der Medien, sie neigt zu Geheimniskrämerei. Clinton ist eine Defensiv-Kämpferin.

Jüngstes Beispiel: Sie hatte sich für ihre Zeit als Außenministerin einen privaten E-Mail-Account eingerichtet, der zudem auch noch über ihren privaten Server daheim lief. So konnte letztlich sie entscheiden, was archiviert und was gelöscht wird. Die Kritik daran tat sie ab, agierte gewohnt defensiv und von oben herab.

Da blitzte sie wieder hervor, die alte Anfälligkeit der Clintons für Skandale und Skandälchen aller Art. Will Hillary Clinton nicht nur die Vorwahlen ihrer Partei, sondern auch die Präsidentschaftswahl im November 2016 gewinnen, dann wird sie sich also tatsächlich ein Stück weit neu erfinden müssen. Die Zeit läuft.

Zum Autor
Sebastian Fischer ist Stellvertretender Ressortleiter im Politik-Ressort mit Sitz im Hauptstadt-Büro.

E-Mail: Sebastian.Fischer@spiegel.de

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ralf wagner 12.04.2015
1. Mit 70?
Na und! Wie alt war noch mal der Adenauer? Genau!
tadano 12.04.2015
2. Meine besten Wünsche für die USA
Der Himmel schicke den Amerikanern einen zweiten Obama!
tommit 12.04.2015
3. Hillary hat zwar
gute Chancen innerhalb der Demokraten... aber gegen die Bush Dynastie wird es ihr gehen wie dem Kandidaten Steinmeier in D.. Nach verbrannter Erde Lame Duck Obama - keine Chance im 2. Durchgang Und danach ... Ende Gelände... Ist schon abzusehen ohne die Augen aufzumachen
Sabbelbacke 12.04.2015
4. Kann mir mal jemand sagen...
...warum es immer die gleichen Leute aus den gleichen "Clans" sind die um die hohen Ämter buhlen? Erst Bush Sen...dann sein Sohn. Erst Clinton-Mann.....jetzt seine Frau. Ach ja...in Amerika brauchts ja Geld...viiieeel Geld um überhaupt kandidieren zu können. Eigendlich ein ganz schön feudalistisches Elitensystem. Erinnert mich irgendwie an Nordkorea...erst der Vater, dann der Sohn...
erasmus89 12.04.2015
5. Dieses Land wird mir mehr
als fremd bleiben, 2,5 Mrd. US-Dollar nur für den Wahlkampf -wohlgemerkt nur für Clinton, daran sieht man, wie die dortige Demokratie zur Aristokratie und Oligarchie verkommt.
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