US-Präsidentschaftskandidatin Mensch Hillary

Wie sie es macht, macht sie's verkehrt: Hillary Clinton soll im US-Wahlkampf Gefühle zeigen - aber bloß nicht zu viele. Sie soll perfekt sein, aber nicht zu glatt. Sie soll dem Motzer Trump die Stirn bieten - aber nicht zu laut werden. Wie unfair.

Hillary Clinton
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Hillary Clinton

Von , Washington


Selbst ein Hocker kann zur Falle werden, wenn man sich um das höchste Amt der USA bewirbt. Und so kämpfte Hillary Clinton neulich Abend auch gegen die Tücken eines Sitzmöbels.

Die Spitzenkandidatin der Demokraten sollte bei einem TV-Forum - im Publikum Soldaten und Generäle - ihre Tauglichkeit als mögliche Oberbefehlshaberin der US-Streitkräfte unter Beweis stellen. Auch Donald Trump trat an, war aber durch Losglück erst nach Clinton an der Reihe.

Hillary Clinton beim "Commander-in-Chief"-Forum in New York
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Hillary Clinton beim "Commander-in-Chief"-Forum in New York

Sitzgelegenheit für die Kandidaten in der Arena war ein Hochstuhl. Der reichte Clinton beinah bis zur Hüfte und hatte eine augenscheinlich spiegelglatte Oberfläche. Clinton musste also, wie bei allen öffentlichen Auftritten, nicht nur darauf achten,

- was sie sagte (zu E-Mails, zum Irakkrieg, über Kriegsveteranen)

- wie sie es sagte (nicht zu schrill klingen und nicht zu verbissen, nicht belehrend wirken, emphatisch bleiben, nicht zu lange reden, nichts verkomplizieren);

nein, sie durfte um Himmels willen auch nicht von diesem vermaledeiten Hocker rutschen. Absteigen war kein Problem, aber wieder draufkraxeln? Erst ortete sie mit der Körperrückseite die Geografie des Möbels, schob sich dann vorsichtig auf die Sitzfläche und fixierte sich dort schließlich mit einem kleinen Ruckler.

Und Trump? Der betrat die Arena, pflanzte sich auf den Hocker, verschränkte die Arme vor der Brust und stierte Moderator Matt Lauer an wie ein Schulhof-Macker den schmächtigen Streber, den er sich jetzt mal vorknöpfen wird.

Donald Trump, Moderator Matt Lauer
AP

Donald Trump, Moderator Matt Lauer

Trump saß die ganze Zeit, verbreitete Unwahrheiten und machte Propaganda für Wladimir Putin.

Und die Umfragewerte? Die von Clinton stagnieren, Trump holt auf.

Selten ist Gerechtigkeit oberstes Prinzip im politischen Geschäft, aber aus dem US-Wahlkampf 2016 scheint sie sich vollends verabschiedet zu haben.

Gegen den schrillen Motzke Donald Trump und seine "Wer lauter brüllt, hat immer recht"-Strategie hat jeder Kandidat Probleme, dem es um Argumente und Fakten geht. Clinton hat es besonders schwer.

Das liegt zum einen daran, dass sie selbst Ballast mitbringt - sie ist Berufspolitikerin, in Zeiten wie diesen ist das schlimmer als die Krätze. Die Wähler wissen, dass Clinton so ziemlich alles in ihrem Leben der Politik untergeordnet hat, sie hat hart gearbeitet, aber sie hat auch gelogen, gegen Prinzipien verstoßen, faule Kompromisse und fette Fehler gemacht. Viele Menschen, viele Demokraten misstrauen ihr.

Die Folge: Selbst wer Trump verachtet und ihn niemals wählen würde, stimmt nicht automatisch für Clinton - ein gefährliches Problem für sie.

Zum anderen: Clinton ist eine Frau. Sie muss mindestens doppelt so viel erklären wie ein Mann in derselben Rolle, wird doppelt so kritisch bewertet, anhand doppelt so vieler Kriterien.

Trump liebt es, mit Machosprüchen zu provozieren, sodass Clintons Geschlecht ständig im Wahlkampf thematisiert wird. Immergleiche Klischees werden penetrant wiedergekäut und sind dauerpräsent, selbst dort, wo ihnen widersprochen wird.

So fragte Trump kürzlich bei einer Wahlkampfveranstaltung: "Does she (Clinton) look presidental, fellas?", übersetzt also ungefähr: "Sieht die etwa aus wie eine Präsidentin?". Aufschlussreich ist dabei das Wort "fellas", also "Kumpel". Männer unter sich bewerten die optischen Qualitäten einer Frau, zwinker zwinker.

Nach ihrem Auftritt beim Forum warf Reince Priebus, Chef der Republikanischen Partei, Clinton tatsächlich vor, sie habe "nicht gelächelt".

Mit absurden Anwürfen dieser Art ist Clinton vertraut, seitdem sie politisch arbeitet. Selten hat sie so persönlich darauf reagiert wie in einem Interview, das gerade erschienen ist. Clinton gab es dem in den USA beliebten Blog "Humans of New York".

Es geht um Gefühle - immer noch eine Messgröße, wenn es um Frauen geht. Zeigen sie zu wenig, stimmt was nicht mit ihnen, zeigen sie zu viele, dann erst recht nicht.

Clinton beschreibt eine Situation bei der Aufnahmeprüfung für die Elite-Uni Harvard, als männliche Studenten sie anpöbelten ("Hast du nichts Besseres zu tun?", "Wenn du mir den Studienplatz wegnimmst, werd ich zum Vietnamkrieg eingezogen"). Aus Selbstschutz habe sie damals angefangen, ihre Gefühle eisern zu beherrschen, sagt Clinton. Das Problem: Ihr Schutzpanzer lasse sie kalt oder emotionslos erscheinen, auch, wenn sie das gar nicht sei.

Clinton als Studentin in Wellesley
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Clinton als Studentin in Wellesley

Außerdem macht Clinton in diesem Interview, was ohnehin jeder macht: Sie vergleicht sich mit den beiden großen Charismatikern ihrer Partei, mit Barack Obama (ihrem Ex-Boss) und Bill Clinton (ihrem Ehemann). Doch auch diese beiden müssten hart daran arbeiten, locker rüberzukommen, sagt Clinton. Der Trick: "Man muss mit Menschen so kommunizieren, dass die sagen 'Ok, ich verstehe jetzt, wie sie tickt'".

Für Frauen sei das schon deshalb schwieriger, weil sie durch eine andere Brille gesehen würden als Männer.

Sie würde auf Wahlveranstaltungen auch gern mal rumbrüllen, sagt Clinton. Wenn Männer das täten, komme das gut an. Wenn sie das machte, gelte sie als "zu laut, zu schrill, zu dies, zu das". Man fände sie dann offenbar furchteinflößend, sagt Clinton und man spürt, wie baff sie ist, wenn Berater ihr diesen Eindruck spiegeln.

Durch das Interview mit "Humans of New York" schiebt sich der Mensch Hillary für einen Moment vor die Politikerin Clinton. Doch das dürfte kaum reichen, um Wählern, die der Politikerin misstrauen, Vertrauen einzuflößen.

Aber das ist nur so ein Gefühl.



insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
claudilein 10.09.2016
1. Sie soll nur eines sein: Ehrlich
Sie soll nur eines sein: Ehrlich. Und das ist ihr großes Problem.
nickellodeon 10.09.2016
2. Eine Frage
Warum muß Clinton als Frau doppelt so viel erklären? Wo und von wem wird das gefordert? Freilich muss hillary sich zu ihrer geschmeidige Auslegung der Wahrheit erklären, wer erinnert nicht an ihren Kosovo Besuch unter sniper fire. Warum erzählt sie so etwas?
i.dietz 10.09.2016
3. Allein das sie
Wer Trump nachläuft, den kann sie auch nicht mit Argumenten umstimmen. Wahlen - auch bei uns - sind letztendlich immer Personen-Wahlen !
skylarkin 10.09.2016
4.
Die Probleme von Clinton sind auf vieles zurückzuführen, aber ich denke nicht vor allem darauf, dass sie eine Frau ist. Das ist nur wieder die feministische Masche persönliche Unzulänglichkeiten und Fehler den bösen sexistischen Umständen unterzujubeln. Klar ist der unsägliche Gorilla Trump offensichtlich auch ein Frauen verachtender Sexist. Nur müsste er unter normalen Umständen und unter den PC-Bedingungen aller vorangegangenen Wahlkämpfe längst verschwunden sein. Nur, er ist noch da, weil es viel tiefere Ursachen für seine Popularität gibt als den Umstand, dass Clinton eine Frau ist.
thvdbg 10.09.2016
5. Die arme Hillary...
Erstens geht es nicht darum, ob sie SOLL. Nein, sie WILL. Zweitens ist dieser Artikel mit seinem Versuch Mitleid für einen knallharten und abgebrühten Politprofi zu wecken unangebracht.
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