Hillary Clintons Polit-Memoiren Das 734-Seiten-Bewerbungsschreiben

Und was steht jetzt eigentlich drin in Hillary Clintons dickem Buch? Wahlkampf gegen Obama, Irak-Krieg, Terrorattacke in Bengasi - genug spannende Themen hätte sie ja gehabt. Hätte.

AP/dpa

Von , New York


Auf Hillary Clintons Memoiren könnte man sich freuen: Spannende historische Momente während ihrer Zeit als Außenministerin, ein Blick hinter die Kulissen der Weltpolitik, ein gescheiterter Vorwahlkampf 2008 gegen Barack Obama, ihr politischer Ehrgeiz, ihre Pläne für die Zukunft - und viele offene Rechnungen.

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Doch "Entscheidungen" ist alles andere als fesselnde Lektüre. Clintons Erinnerungen, die an diesem Dienstag unter großem PR-Getöse weltweit erscheinen, kommen bleiern daher. Zwar bietet der Schmöker - in deutscher Fassung 734 Seiten fett - tatsächlich allerlei Einblicke. Die sind aber leider weder überraschend noch spannend. "Ein Schnarcher ohne Neues", lästert die Website "Politico".

Stattdessen legt Clinton, assistiert von gleich drei Ghostwritern, ein langatmiges Bewerbungsschreiben fürs höchste US-Amt vor. Hakt alle Krisenherde ab, präsentiert sich als Macherin mit "Herz und Hirn".

Kein Zweifel: Dies ist eine Wahlkampfbiografie. Eine Ouvertüre für 2016, berechenbar in ihrer erschlagenden und spätestens auf halber Strecke einschläfernden Textfülle. "Hard Choices" heißt das Buch für den US-Wähler, "Schwere Entscheidungen" - schon dieser Titel soll zeigen: Die Autorin ist fit für das Amt.

Da bleibt kein Platz für Neues, Originelles, geschweige denn Erleuchtendes. Wieso auch: Hillary und Bill Clinton sind das am stärksten durchleuchtete Power Couple der Geschichte. "Ich sage, was ich denke", sagte Clinton am Montagabend im TV-Interview mit ABC, dem rituellen Auftakt jeder Buchkampagne. Trotzdem mutet sie ihren Fans in "Entscheidungen" nichts zu: kein Programm, keine neuen Ideen.

Holbrooke trug in der Dienst-Boeing knallgelben Pyjama

Vielmehr beeindruckt sie mit Volumen. Wie schon als Ministerin, als sie fast eine Million Meilen zurücklegte, mehr als jeder Vorgänger, und 112 Staaten besuchte. Selbst ihre Dienst-Boeing 757 beschreibt sie im Detail - samt den Nachtgewändern ihrer Begleiter. Topberater Richard Holbrooke zum Beispiel trug am liebsten einen knallgelben Pyjama.

Das Buch liest sich als Jagd um den Globus: Asien, Afghanistan, Pakistan, Europa, Russland, Lateinamerika, Afrika, Naher Osten. Jetset-Diplomatie, doch ohne übergreifendes Motiv - oder, im Nachhinein gesehen, ohne ein durchschlagendes Erfolgserlebnis.

Um die Welt mit Hillary: Das sind amüsante, doch letztlich harmlose und meist schmeichelhafte Anekdoten - vor allem über die Staatschefs, mit denen sie zu tun hatte.

  • Kanzlerin Angela Merkel beeindruckte Clinton mit "unbeirrbarer" Entschlossenheit: "Während meiner Zeit als Außenministerin wuchs meine Bewunderung für diese entschlossene, kluge und ehrliche Frau, die mit gegenüber nie verhehlte, was sie dachte." Merkel bereichere jedes Gespräch "mit klugen Fragen und Ideen".

  • Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy betörte sie mit wilden Gesten und unberechenbarem Charme: "Mit ihm in einer Besprechung zu sitzen war stets ein Abenteuer."
  • Russlands Wladimir Putin ließ sie kalt - eine Einschätzung, die Clintons Image angesichts der aktuellen Verstimmungen guttun dürfte: "Unseligerweie verharrt Russland unter Putin zwischen der Vergangenheit, von der es nicht lassen kann, und der Zukunft, die es nicht zu erreichen versteht."

Auch die erfolgreiche - im allerletzten Moment beinahe missglückte - Jagd auf Qaida-Chef Osama Bin Laden, die sie im Lagezentrum des Weißen Hauses live mitverfolgte, reicht für ein paar flotte Absätze: Selbst ihrem Ehmann habe sie von der Aktion vorab nichts verraten.

Am pikantesten: Das Kapitel über die Attacke von Bengasi

Clintons Schilderungen beginnen, als sie versteckt auf der Hinterbank in einem Minivan nach verlorener Vorwahlschlacht zu einem Geheimtreffen mit Obama gefahren wird. "Wie zwei Teenager bei ihrer ersten Verabredung" hätten sie einander beäugt.

Akribisch dokumentiert sie die Niederlage von 2008 - und ihre Wiederauferstehung: Die Schlammschlacht der Vorwahlen, der letzte Widerstand ihrer Parteitagsdelegierten, ihr Kokettieren nach Obamas Kabinettsofferte: "Dass ich seiner Bitte entsprechen dürfte, wusste ich längst."

Innenpolitisch am pikantesten ist das Kapitel über die Attacke von Bengasi, bei der am 11. September 2012 vier Amerikaner starben, darunter Botschafter Chris Stevens. Clinton rechtfertigt das Chaos jener Nacht und die zunächst widersprüchlichen Darstellungen des Weißen Hauses mit dem "Nebel des Krieges".

Auch andere Kritik perlt an ihr ab: "Davon darf man sich nicht unterkriegen lassen", schreibt Clinton: "Einfach lächeln und weitermachen" - und sich an eigenen Fehler nicht lange aufhalten, zum Beispiel dem Ja zum Irak-Krieg. "Schlicht und einfach falsch" habe sie damals gelegen, heißt es in den "Entscheidungen".

Eine zweite Runde als Obamas Außenministerin lehnte Clinton dankend ab: "Es tut mir leid, Mr. President", habe sie ihm gesagt, als er ihr das Amt erneut anbot. "Aber ich kann nicht." Höhere Weihen warten.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
marty_gi 10.06.2014
1. Gut
...und dennoch waere sie nach derzeitigem Stand das Beste, was diesem hinterwaeldlerischen Land und somit dem ganzen Planeten passieren koennte. Definitiv nicht perfekt, stellenweise fragwuerdig, aber ein Fortschritt auf andere Art - die die USA bitter noetig haben.
Obi-Wan-Kenobi 10.06.2014
2.
Zitat von sysopREUTERSUnd was steht jetzt eigentlich drin in Hillary Clintons dickem Buch? Wahlkampf gegen Obama, Irak-Krieg, Terrorattacke in Bengasi - genug spannende Themen hätte sie ja gehabt. Hätte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/hillary-clinton-das-steht-in-ihrer-autobiografie-a-974210.html
ob sie tatsächlich kandidiert wage ich zu bezweifeln. Sie hat ja nun schon einige Meilen auf dem Tacho und ich bin mir nicht sicher ob es jemals einen US-Präsidenten gab, der bei Amtsantritt so alt war. Ich vermute, das kommt stark drauf an, wen die Reps ins Rennen schicken und ob die "Demokraten" einen geeigneteren Kandidaten finden. Letztendlich spielt es auch keine große Rolle die US-Politik war unter Obama nicht anders als unter Bush. Homer Simpson könnte US-Präsident werden, das würde auch keinen Unterschied machen, der Laden würde laufen wie bisher.
morax 10.06.2014
3. Selbstverwirklichungsorgie?
Gibts dieses Wort, dann wärs wohl passend...?
fritzyoski 10.06.2014
4. Auch das noch
Bloss nicht auch noch dieses machtgierige Weib. Nach den beiden schlechtesten Praesidenten seit Menschengedenken hat uns das gerade noch gefehlt. Wenn es nach Hillary ginge waere wir jetzt schon wieder in militaerische Abenteuer in Lybien und Syrien verstrickt. Aggressiv, kompromisslos, ahnungslos und machtgeil ist diese Frau. Da kommt am Ende nichts gutes bei raus. Vielleicht noch ein paar Kriege, mehr Schulden und eine Depression.
Celestine 10.06.2014
5.
Unbedingt zu empfehlen: das Interview von Diane Sawyer mit Hillary Clinton auf ABC. Frau Clinton erzählt eine rührende Geschichte, wie sie und Bill nach den den Jahren im Weißen House total pleite waren: "dead broke", wie sie das formulierte. Eine ziemlich abgehobene Mitleidsnummer, welche sie da abzieht, u.a. über Millionen Schulden für ihre beiden Luxusresidenzen und die Ausbildung von Chelsea. Nach solch einer tragischen Erfahrung ist es Frau Clinton sicher nicht zuzumuten, solch eine traumatische Erfahrung in Armut im Weißen Haus zu wiederholen. Da sollte sie doch lieber weiter Bücher schreiben und Reden halten ...
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