Hillary Clinton Die Besserwisser-Nie-Aufgeberin

Mit aller Macht will Hillary Clinton den Kampf ihres Lebens gewinnen. Sie ist klug und hat für alles einen Zehn-Punkte-Plan. Genau das könnte ihr größtes Handicap werden: Die Wähler suchen den charismatischen Anführer - und nicht eine harte Arbeiterin, die keine Gefühle zeigt.


Washington - Es wird jetzt eng für Hillary Clinton, sehr eng: Manche Parteifreunde drängen sie bereits, ihren Kampf um die Nominierung aufzugeben. Ihr Gegner Barack Obama hat mehr Delegierte, mehr Wählerstimmen und holt in den Umfragen im wichtigen US-Staat Pennsylvania auf. Aber wo Hillary in den letzten Tagen des Wahlkampfes auch auftauchte - sie strahlte.

Wahlkämpferin Clinton: Stählerner Zweckoptimismus
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Wahlkämpferin Clinton: Stählerner Zweckoptimismus

Und es schien mehr zu sein als der stählerne Zweckoptimismus, der sie sonst so oft umgibt. Sie wirkte fast locker als sie am vergangenen Dienstag am Flughafen in Scranton mit Bürgern ein Schwätzchen hielt, sie amüsierte sich köstlich auf einer Aprilscherz-Pressekonferenz, die sie einberufen hatte. Dort schlug sie vor, den Wettkampf um die Präsidentschaftkandidatur der Demokraten in einem Bowling-Match zu entscheiden, nachdem Obama gerade eine etwas verunglückte Wahlkampfveranstaltung auf der Kegelbahn hingelegt hatte. Danach unterhielt sie Reporter mit Döntjes vom Bowling im Präsidentenrefugium Camp David.

Sie steht mit dem Rücken zur Wand, wieder einmal. Und sie beginnt, die Rolle zu genießen, die ihr selbst entspricht wie kaum eine andere. Und weil die Geschichte vom Underdog, der sich nicht unterkriegen lässt, bei den Wählern so gut ankommt, verbindet sie jetzt ihren eigenen verbissenen Kampf um die Nominierung mit dem alltäglichen Kampf ihrer Wähler, wo es um schlechte Jobs geht, um unbezahlte Rechnungen, um fehlende Krankenversicherung. Diese Menschen fühlen sich vom Leben ungerecht behandelt, und Hillarys Botschaft ist: Seht her, ich muss auch dauernd gegen Ungerechtigkeit kämpfen, aber ich gebe nie auf. Diese Botschaft spricht vor allem Wähler der unteren Mittelschicht und arbeitende Frauen an – Menschen, die ihren Alltag oft selbst als dauernden Kampf sehen.

Menschen, die in Hillary nicht die anstrengende Streberin sehen, sondern die, die sich ständig abrackert, ohne dass man es ihr dankt. Das ist aber auch schon das Maximum an Emotionen, das in ihrem Wahlkampf aufkommt.

Manchmal fehlen ihr die einfachsten politischen Instinkte

Eine Schlüsselszene ihres Wahlkampfes war bereits im Bundesstaat New Hampshire zu beobachten. An diesem Abend im Januar sieht es danach aus, als würde sie übermorgen verlieren, und zwar alles: die Vorwahlen, die Nominierung, die Präsidentschaft, ihre Träume, ihre Pläne für Amerika, das, wofür sie so viele Jahre gearbeitet hat. Und trotzdem steht Hillary Clinton hier im dunklen Hosenanzug in der Turnhalle einer Highschool in Hampton und kämpft.

Normalerweise dauern solche Veranstaltungen vielleicht eine Stunde. Aber jetzt sind es schon zweieinhalb, die ersten Zuhörer verlassen erschöpft die Halle, doch Hillary redet. Sie redet über bessere Tagesbetreuung für Kinder, über Steueranreize, um die globale Erwärmung zu bremsen, über Rückzugsgebiete für Terroristen in Pakistan. Hillary kennt auf jede Frage eine Antwort, es gibt wohl kaum ein Thema, zu dem sie nicht einen Zehn-Punkte-Plan in einem Winkel ihres Gehirns parat hätte.

Doch dann hebt ein naseweises kleines Mädchen die Hand: "Was wollen Sie zum Krieg im Irak machen? Und dann möchte ich ein Autogramm!" Hillary lächelt. Und sagt: "Ein Autogramm kannst du in ein paar Minuten haben. Und mein Plan für den Irak sieht vor, dass ..." Und damit hebt sie an, um so bald keine Pause zu machen.

Kein Politiker hätte sich diese Gelegenheit entgehen lassen, das Mädchen sanft anzusprechen, mit ihm zu reden, wie man mit Kindern redet - und so einen persönlichen Moment zu schaffen für alle in der Turnhalle. Zwei Fragen später dasselbe: Ein Mann steht ein bisschen unsicher auf und sagt, sein Vater sei letztes Jahr an Krebs gestorben, auch sein Bruder und noch eine Schwester - und was Hillary Clinton als Präsidentin der Vereinigten Staaten tun würde, um die Heilungschancen von Krebskranken zu verbessern. Hillary nickt, sie senkt den Kopf und sie antwortet: "Ich bewundere die Arbeit der Stiftung von Lance Armstrong. Und letztes Jahr war ich im Krebskrankenhaus Memorial Sloan-Kettering in New York, dem besten der Welt." Und dann redet sie über den Stand der Wissenschaft und über Budgets für Forschungsprojekte.

1992, als ihr Mann Bill Clinton kandidierte, sagte er bei solchen Gelegenheiten: "I feel your pain." Er sagte das zu Aids-Kranken, zu Arbeitslosen, zu denen, die vom Schicksal gebeutelt waren, und viele nahmen es ihm ab. Aber wenn Hillary irgendetwas fühlen sollte, dann zeigt sie es nicht. Manchmal fehlen ihr einfachste politische Instinkte. Hillary Clinton hat meistens gekämpft und hart gearbeitet für ihre Ziele. Selbstbeherrschung und Disziplin haben Vater und Mutter ihr eingeimpft. Nicht aber Leichtigkeit oder Charme eines Barack Obama.

Und so klebt an ihren Erfolgen der Makel der Härte. Sie hat viel erreicht auf diese Weise. Aber vielleicht wird sie ihr größtes Ziel gerade deshalb nicht erreichen. Sie hat vielleicht für jedes Problem den besten Plan. Aber in Amerika mögen es die Wähler nicht, wenn alles nach harter Arbeit aussieht, nach Nächten voller Strategiesitzungen, nach 120 Zehn-Punkte-Plänen. Man muss so Politik machen, wenn man es so ernst meint wie Hillary Clinton. Aber es ist verdammt schwer, so eine Wahl zu gewinnen.

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