Clintons Debattensieg gegen Trump Es ist noch alles offen

Im ersten TV-Duell besiegte Hillary Clinton ihren Rivalen Donald Trump. Wie hat sie das geschafft, und ist sie jetzt auf der Siegerstraße? Fünf Lehren aus der Debatte.

Clinton, Trump im TV-Studio
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Clinton, Trump im TV-Studio

Aus Hempstead berichten , , und


Als könne er nicht genug bekommen: Kaum war die Debatte vorbei, dieses erste, leidige Fernsehduell, bei dem er am Schluss so armselig dastand, da kreuzte Donald Trump schon nebenan im "Spin Room" auf, wo Reporter und Kamerateams warteten wie Aasgeier. Sofort umgaben sie den Milliardär, der noch in vollem TV-Make-up war und schwitzte.

Wie es denn gelaufen sei, wollten sie wissen. "Ich war toll", sagte Trump. "Viel besser als erwartet." Wieso habe man dann den gegenteiligen Eindruck gehabt? Auch das konnte er erklären: "Mein Mikrofon war kaputt."

Es war die wohl letzte Absurdität dieses absurden Abends, der den US-Präsidentschaftswahlkampf erneut auf den Kopf stellte. Eineinhalb Stunden lang stritten Donald Trump und Hillary Clinton in einer Uni-Sporthalle bei New York City um die Außen- und die Wirtschaftspolitik, um Steuern und Skandale, um präsidiales Gebaren und die nötige Kondition für den Job.

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Rund 100 Millionen TV-Zuschauer sahen zu und konnten sich so erstmals ein handfestes Urteil bilden über die Kandidaten, die sich nie zuvor so lange und direkt gegenübergestanden hatten. Und glaubt man der Mehrheit der US-Kommentatoren, egal ob rechts oder links oder mittig, dann fiel dieses Urteil eindeutig aus. 1:0 für Clinton. Der früheren Außenministerin dürfte es damit gelungen sein, ihren jüngsten Abwärtstrend in den Umfragen zumindest zu stoppen. Doch wird es reichen für das Weiße Haus? Die fünf Lehren dieser denkwürdigen Nacht:

1. Üben hilft

Durch den Vorwahlkampf hat sich Donald Trump erfolgreich hindurchimprovisiert. Und auch für den Auftritt am Montagabend hatte der Milliardär angeblich kaum geprobt. Das Problem war, dass man das allzu sehr merkte, in etlichen inhaltlichen Fragen schien er unvorbereitet und wirr. Als er sich etwa zur Gefahr russischer Hacker äußern sollte, sprang er nahtlos über zu chinesischen Kriminellen, zu Obama, zum Kampf gegen den "Islamischen Staat", zu seinem Sohn und zur Cybersicherheit. Am Ende seiner Antwort wirkte er, als sei auch in seinen Kopf ein Datendieb eingedrungen, um ein paar Synapsen zu entwenden.

Trump war über das gesamte Duell so sehr in der Defensive, dass er weitgehend vergaß, Clintons eklatante Schwächen zu thematisieren und nicht einmal auf seine Mauerpläne an der Grenze zu Mexiko zu sprechen kam. (Lesen Sie hier den Faktencheck zum TV-Duell und bei welchen Themen die Kandidaten patzten.)

Clintons Aussagen wirkten mitunter reichlich einstudiert, und es wurde abermals deutlich, wie schwer es ihr fällt, für einen Moment aus der Politikerrolle zu schlüpfen. Aber an Trumps rüpelhaftem Ton, mit dem er auf ihre Angriffe reagierte, war unschwer zu erkennen, dass sie sich offenkundig die richtigen Stellen herausgesucht hatte, um ihn zu nerven.

2. Geld hilft nicht

Als Trumps großer Vorteil im Wahlkampf galt bisher seine Rolle als Polit-Außenseiter. Er, der tolle Hecht aus der Wirtschaft, wisse, wie man den Arbeitsmarkt modernisiere und Jobs schaffe: Das ist eine seiner Kernbotschaften. Clinton dekonstruierte diese These, indem sie seine durchwachsene Vergangenheit als Geschäftsmann in den Fokus rückte. Sie hielt ihm seine Firmenpleiten vor, zog seinen Reichtum in Zweifel und erwähnte zwei Fälle von Arbeitern, die einst für Trump schufteten, aber nie bezahlt wurden.

"Vielleicht war ich einfach nicht zufrieden mit ihrem Job", konterte Trump und bediente damit das Image des kalten, entrückten Geschäftsmanns, das viele Wähler von ihm haben. Für Trump wäre es verheerend, wenn sich an dieser Stelle etwas festsetzte: Auf die Stimmen der weißen Arbeiter in den wichtigen US-Bundesstaaten des Mittleren Westens ist er besonders angewiesen.

3. Körpersprache zählt

Man weiß nicht genau, mit welchem Ziel Trump in diese TV-Debatte gegangen war. Aber sollte er die Absicht gehabt haben, den unentschlossenen Wählern die Zweifel an seinem Temperament auszutreiben, so wird er wohl einen zweiten Versuch dafür brauchen. Trump hatte gerade in der letzten Hälfte weder seine Mimik noch seine Gestik unter Kontrolle, und je ungemütlicher es für den Milliardär wurde, desto raumgreifender bewegte er sich auf der Bühne. Seine Impulsivität hat ohne Zweifel auch Vorteile, sie lässt ihn leidenschaftlich und engagiert aussehen. Aber in einer Situation, in der viele Amerikaner ihr Urteil danach fällen, wie souverän ein Kandidat mit öffentlichem Druck umgeht, schien seine Körpersprache wenig vorteilhaft. Gerade im Kontrast zu Clinton, die sich trotz dutzendfacher Unterbrechungen ihres Rivalen fast nie stören ließ, fiel auf, mit welcher inneren Unruhe Trump das Duell hinter sich brachte.

4. Aus Euphorie wird Frust

Eine halbe Stunde nach Ende der Debatte war Rudy Giuliani noch immer zornig. New Yorks Ex-Bürgermeister schwitzte im Scheinwerferlicht, blaffte Journalisten an, polterte: "Das verzeihe ich Lester Holt nie!" Er fand, dass der Moderator Trump unfair behandelt und in eine Sackgasse manövriert habe. Auch Trumps sicherheitspolitischer Berater, General a.D. Mike Flynn, moserte, dass kaum Themen vorgekommen seien, die zu Trumps Stärken zählen. Wahlkampfchefin Kellyanne Conway sagte: "Donald Trump war heute Abend ein Gentleman." Es klang wie eine Entschuldigung. Klar wurde: Trumps Lager bemühte sich vor allem um Schadensbegrenzung. "Es gibt noch einige Fragen, die nicht angesprochen wurden", versuchte Trumps Sprecherin Katrina Pierson Optimismus zu verbreiten, "das wird sich in den folgenden Debatten ändern". Und der republikanische Senator Jeff Sessions merkte an, über die Clinton-Stiftung sei ja noch gar nicht geredet worden.

5. Es sind aber immer noch sechs Wochen

Fantastisch! Würdevoll! Souverän! Clintons Berater, strategisch im Medienzentrum hinter der Debattenhalle platziert, kriegten sich kaum ein über den Erfolg ihrer Chefin. Doch Vorsicht: Dieser Wahlkampf ist unberechenbarer als jeder zuvor. Bis zum Wahltag am 8. November sind es immerhin noch 42 Tage, also exakt sechs Wochen - Wochen, in denen viel passieren und sich die Stimmung wieder ändern kann: Patzer, Ausraster, Komplikationen, ein Terroranschlag. Wer erinnert sich heute schon noch an Clintons Umfragehoch nach dem Parteitag (knapp acht Wochen her)? Oder an ihren Schwächeanfall am Jahrestag der Anschläge vom 11. September (kaum zwei Wochen her)? Vor allem letzteres Debakel - das manche schon als ihren politischen Sargnagel gedeutet hatten - wischte Clinton hiermit nun vom Tisch. Aber Trump dürfte aus seinen Fehlern gelernt haben bis zur nächsten Debatte. In zwölf Tagen findet sie statt, und bis dahin können alle Karten wieder neu gemischt werden.

Im Video: Die Highlights der TV-Debatte in Kürze im Original

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insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
-wanderlust- 27.09.2016
1. Habt ihr es endlich?
Drei Pushnachrichten über dieses "Duell" sind wirklich nicht nötig. Generell wird der Wahlkampfdebatte eine viel zu hohe Stellung eingeräumt. Ein bisschen Zurückhaltung wäre besser.
Art. 5 27.09.2016
2. Übertrieben
90 Minuten Demontage stimmt aber nicht. Ich sehe gerade die Wiederholung auf CNN. In der ersten Hälfte hat Trump sehr gut geredet, war auf die Fragen gut vorbereitet, hat gegen Clinton gepunktet. Erst in der zweiten Hälfte kam er schlecht herüber, weil er zu sehr auf Clintons Attacken eingegangen ist sich selbst zu verteidigen, anstatt seine politischen Ziele zu erläutern. Insgesamt kam Clinton als die qualifiziertere Kandidatin zum Vorschein, das war aber auch zu erwarten.
querulant_99 27.09.2016
3.
Zitat von -wanderlust-Drei Pushnachrichten über dieses "Duell" sind wirklich nicht nötig. Generell wird der Wahlkampfdebatte eine viel zu hohe Stellung eingeräumt. Ein bisschen Zurückhaltung wäre besser.
Haben Sie doch Nachsicht mit der SPON-Redaktion! Es trudeln anscheinend immer noch Beiträge ein, in denen behauptet wird, dass Trump der Gewinner sei. SPON will doch keinen mit seiner falschen Beurteilung.zurücklassen ;-)
fhouseman 27.09.2016
4. Voreilige Euphorie
Richtig an diesem Beitrag ist eigentlich nur die Einsicht, daß noch gar nichts entschieden ist und die Karten ständig neu gemischt werden. Neutrale Beobachter wie Charles Krauthammer von Fox News sehen übrigens eher ein Unentschieden, das Frau Clinton wenig nützt.
brehn 27.09.2016
5. naja
Kann Kommentator #1 nur zustimmen. Dem US-Wahlkampf wird deutlich zuviel Bedeutung beigemessen. Sicherlich ist es für uns nicht unwichtig, wer US-Präsident wird, doch dieser unerträgliche Zirkus des Wahlkampfs ist für uns wirklich komplett belanglos...oder wieviel SPON-Leser sind in den USA wahlberechtigt? Ausgehend von dem Stellenwert, welcher Berichten zu diesem Thema beigemessen wird, könnte man meinen ich als nicht in den USA-Wahlberechtigter wäre hier in der Minderheit.... Selbst über die Wahl in Berlin wurde hier nicht soviel berichtet wie über das Clinton-Trump-Kasperletheater.
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