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12. September 2016, 06:05 Uhr

US-Wahlkampf

Clintons Gesundheit wird zum Politikum

Von , Washington

Nur Verschwörungstheoretiker zweifelten bislang an Hillary Clintons Gesundheitszustand. Nach einem Schwächeanfall der Demokratin in New York gewinnt das Thema nun allerdings an Bedeutung.

Bilder sind wichtig im US-Wahlkampf, und so zeigte sich Hillary Clinton am Sonntagmittag besonders gut gelaunt und ohne Sicherheitspersonal an ihrer Seite vor dem Apartment ihrer Tochter in Manhattan. "Ich fühle mich großartig", sagte sie. "Es ist ein wunderbarer Tag in New York." Dann ließ sie sich mit einem kleinen Mädchen fotografieren, winkte einigen Passanten zu und verschwand in einem schwarzen Van.

Der kurze Auftritt war mehr als eine spontane Szene auf den Straßen New Yorks. Clinton musste dem Land signalisieren, dass alles in Ordnung ist mit ihr. Nur wenige Stunden zuvor hatte die demokratische Präsidentschaftskandidatin für einen Schreckmoment gesorgt. Sie war am Rande einer Veranstaltung zum 15. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September zusammengesackt. Ein Amateurfilmer hatte auf einem Video festgehalten, wie Clinton von Leibwächtern gestützt und in ein Auto gehoben wird. In US-Medien berichtete ein Augenzeuge, sie sei ohnmächtig geworden. Ihre Kampagne erklärte später, die Hitze sei Grund für ihr Unwohlsein gewesen.

Angesichts der sommerlichen, aber keineswegs tropischen Temperaturen in New York am Sonntagmorgen gab es an dieser Erklärung umgehend Zweifel. Wohl auch deshalb gab die Ärztin der Demokratin am Abend etwas detaillierter Auskunft. So sei bei der 68-Jährigen am Freitag eine Lungenentzündung festgestellt worden. Clinton habe daraufhin ein Antibiotikum verschrieben bekommen. Man habe ihr zu Bettruhe und Änderungen an ihrem Terminplan geraten. Hitze und Dehydrierung hätten ihr in Manhattan zu schaffen gemacht, nun aber würde sie sich "gut erholen".

Für Clinton ist der Schwächeanfall aus mehreren Gründen unangenehm. Er fällt in einen sensiblen Zeitraum. In nicht einmal zwei Monaten wird gewählt und schon seit einiger Zeit versuchen Clintons Gegner, ihre Gesundheit zum Thema zu machen. Rechte Verschwörungstheoretiker spekulierten in den letzten Wochen ohne jeden Ansatz von Belegen über Hirnschäden und Parkinson. Clintons Gegner Donald Trump nutzte kürzlich einen Hustenanfall der Ex-Außenministerin, um ihre medizinische Tauglichkeit für das Präsidentenamt infrage zu stellen.

Egal, wie plausibel die Erklärung von Clintons Ärzten erscheinen mag: Im Kontext dieses Geraunes dürfte der Vorfall in New York nun dafür sorgen, dass Clintons Gesundheit zu einem ernsthaften Thema im Wahlkampf wird. "Die Leute werden nicht aufhören, darüber zu reden", zitiert "Politico" den langjährigen Clinton-Vertrauten James Carville.

Ihre Gegner hielten sich am Sonntag, wohl auch wegen des Gedenkens an die Terroranschläge, mit Reaktionen und Spekulationen zurück. Aber schon am Montag dürfte es damit wohl vorbei sein.

Clinton weiß, wie schnell der körperliche Zustand von Mächtigen zum Politikum wird

Als George W. Bush 2002 kurzzeitig ohnmächtig wurde, nachdem er sich an einer Brezel verschluckt hatte, sorgte das ebenso für Spekulationen wie ein Vorfall 1992, als sich sein Vater George H. W. Bush nach einem Staatsdinner in Japan übergab.

Im Falle Clintons kommt hinzu, dass sie ohnehin mit großen Zweifeln konfrontiert ist, wie transparent sie sich gegenüber den amerikanischen Wählern gibt. Die Umstände und Aufklärungsversuche ihres Schwächeanfalls dürften diese Skepsis kaum mindern. Nachdem Clinton von der Gedenkveranstaltung in New York verschwunden war, ließ ihre Kampagne die Öffentlichkeit über ihren Verbleib zunächst im Unklaren. Auch die mitreisenden Reporter wurden nicht informiert. Fragen warf am Sonntag zudem auf, warum Clintons Kampagne nicht gleich in der ersten Erklärung die Lungenentzündung erwähnte, die später von der Ärztin öffentlich gemacht wurde.

"Lektion für die nächsten vier Jahre: Egal welche Frage, glaube nie die erste Antwort aus Hillary Clintons Weißem Haus", twitterte David Frum, einer der prominentesten konservativen US-Kommentatoren.

Clinton hatte im Juli 2015 ein zweiseitiges Attest ihrer Ärzte vorgelegt. Schon zuvor war bekannt, dass sie 1998 unter einer Thrombose litt und sich bei ihr im Dezember 2012 nach einer Gehirnerschütterung ein erneutes Blutgerinnsel bildete. Clinton selbst erwähnte ihre gesundheitlichen Probleme kürzlich in einem Interview, das das FBI mit ihr im Zuge der E-Mail-Affäre führte. Sie berief sich dabei auf einzelne Gedächtnislücken in Folge der Gehirnerschütterung.

Auch aus ihren eigenen Reihen dürfte der Druck auf Clinton nun wachsen, ihre Gesundheitsgeschichte möglichst umfassend offenzulegen. Im Jahr 2008 legten sowohl Barack Obama als auch sein Rivale John McCain Hunderte Seiten ihrer Krankengeschichte offen, um ihre medizinische Eignung für das Weiße Haus zu belegen. Weder Clinton noch Trump haben bislang ähnliche Schreiben vorgelegt.

Jetzt will sich Clinton offenbar erst mal auskurieren. Am Montagmorgen hätte sie nach Kalifornien reisen sollen, auf dem Programm standen Wahlkampfreden und Spendenveranstaltungen. Der Trip wurde nun kurzfristig abgesagt.

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