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29. Oktober 2016, 08:27 Uhr

Hillary Clintons E-Mail-Affäre

Chaos auf den letzten Metern

Von , Washington

Kurz vor der Wahl wird das FBI wieder in Hillary Clintons E-Mail-Affäre aktiv. Die Hintergründe sind abenteuerlich, es geht um einen Laptop und den Sex-Skandal von Anthony Weiner. Muss Clinton noch mal zittern?

Am frühen Freitagnachmittag saß Hillary Clinton irgendwo über dem Mittleren Westen im Flugzeug, Donald Trump bereitete sich auf einen Routine-Auftritt in New Hampshire vor. Von der üblichen Hysterie in diesem US-Wahlkampf war ausnahmsweise mal wenig zu spüren. Amerika freute sich auf ein entspanntes Halloween-Wochenende. Dann trat das FBI auf den Plan.

Gegen 14 Uhr kursierte ein Brief von James Comey, dem Chef der amerikanischen Bundespolizei FBI. Comey hatte dem Kongress mitgeteilt, dass seine Fahnder erneut auf E-Mails gestoßen seien, die für die Ermittlungen der Affäre rund um den privaten Server von Hillary Clinton "relevant" sein könnten. Diese E-Mails würden nun daraufhin untersucht, ob sie geheimes Material beinhalteten und wie bedeutend sie für den Fall von Hillary Clinton sein könnten.

Elf Tage vor der Wahl hatte dieser Brief innerhalb von Minuten die Wirkung eines mittleren Bebens. Die großen Fernsehsender berichteten über die "Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Hillary Clinton", der Dow Jones stürzte ab, Trump stieg in New Hampshire auf die Bühne und sah sich bereits im Weißen Haus sitzen. "Wir haben es mit dem größten Skandal seit Watergate zu tun", tönte er. Seine Fans kreischten, er nickte und rief, es sei jetzt eigentlich alles gesagt, der Rest seiner Rede werde "sehr langweilig".

Rätselhafter Brief von Comey

Die Comey-Geschichte wird Clinton auf den letzten Metern vor der Wahl schaden, das ist klar. Nachrichten, in denen die Worte "E-Mails" und "FBI" vorkommen, haben Clinton noch nie geholfen und ihr durchweg problematischer Umgang mit digitaler Kommunikation droht in den letzten Tagen des Wahlkampfs eine unschöne Ergänzung zu den täglichen Enthüllungen von WikiLeaks zu werden.

Ob die Sache selbst das Zeug hat, ihre E-Mail-Affäre ganz neu aufzurollen, ist völlig offen. Comeys Brief ist einigermaßen rätselhaft. Es steht fast nichts drin. Das FBI streute später, dass die neu aufgetauchten E-Mails angeblich weder von Clinton selbst geschrieben, noch von ihrem privaten Server gesendet oder von ihrem Team gelöscht wurden. Mit den WikiLeaks-Enthüllungen hat die FBI-Prüfung ebenfalls nichts zu tun und die Bundesbehörde hat die neuen E-Mails offenbar noch nicht einmal gelesen. Dazu bedürfe es erst der Erlaubnis eines Richters, heißt es. In den Datensätzen kann also alles drin stehen: von hochgeheimen Drohnenplänen bis zu privaten Panna-Cotta-Rezepten.

Was weiß man konkret?

Man weiß, dass das FBI über den Ex-Kongressabgeordneten Anthony Weiner auf die E-Mails stieß. Ausgerechnet Weiner, dessen Karriere vor einigen Jahren ein jähes Ende fand, nachdem er Frauen im Internet mehrfach schlüpfrige Fotos von sich geschickt hatte. Weil unter seinen Chat-Partnerinnen auch eine Minderjährige war, geriet der Demokrat ins Visier der Bundespolizei. In Clintons Orbit ist Weiner gut bekannt: Er ist der Ex-Mann von Huma Abedin, Clintons engster Beraterin. Und weil dem FBI nun einer seiner Laptops in die Hände fiel, den auch Abedin benutzte und auf dem sich die fraglichen E-Mails befinden sollen, sind die drei plötzlich auf unheilvolle Weise miteinander verwoben.

Donald Trump träumte schon vor Monaten davon, Clinton, Abedin und Weiner miteinander zu verknüpfen. Huma Abedin, die Frau des "perversen Widerlings", sei als Sammlerin von Informationen "ein großes Sicherheitsrisiko" gewesen, twitterte der Republikaner im August. Kurz vor der Wahl fühlt er sich darin nun in seinem Verdacht bestätigt. Die Geschichte gibt seinem Wahlkampf neuen Auftrieb, er ruft zu Spenden auf, die republikanischen Kandidaten für den Senat und das Abgeordnetenhaus schlachten das Thema ebenfalls aus. Weiner wird Clinton gefährlich. Was für ein Wahlkampf.

Rätselhafte Intervention des FBI

In Clintons Wahlkampfteam ist man erschüttert über das Vorgehen Comeys, und tatsächlich ist bemerkenswert, dass der FBI-Chef trotz der so unklaren Sachlage wenige Tage vor dem 8. November interveniert. Es ist dem Vernehmen nach nicht einmal ausgeschlossen, dass die E-Mails Duplikate von bereits überprüften Dokumenten sind. Womöglich wollten die Ermittler zeigen, wie gewissenhaft sie arbeiten, womöglich blieb ihnen juristisch gar nichts anderes übrig. Eine ähnliche Grätsche einer Bundesbehörde so kurz vor einem Wahltag hat es jedenfalls so wohl noch nicht gegeben. Die Kandidatin selbst forderte Comey am Abend auf, "sämtliche Informationen zu veröffentlichen", die seine Behörde zu dem Fall habe. Sie klang alarmiert.

Clinton hat gleich mehrere Probleme. Zum einen ist aus ihrer Sicht ärgerlich, dass die Prüfung des FBI mit ziemlicher Sicherheit nicht vor dem Wahltag abgeschlossen sein wird. Trump wird das im Schlussspurt nutzen, um über den Inhalt der E-Mails zu spekulieren und das Misstrauen gegenüber der Demokratin zu schüren. Zudem könnte er im Falle seiner Niederlage argumentieren, dass das FBI Clinton geschützt habe. Das wäre zwar absurd, würde aus Sicht seiner Anhänger und vieler Republikaner ihre Präsidentschaft aber vom Start weg delegitimieren.

Zum anderen mag der Skandal überschaubar sein, aber Clinton weiß, dass auf der Zielgeraden die Fakten weniger zählen als die Psychologie. In den Umfragen hat Clinton schon seit einigen Tagen an Vorsprung verloren, und der Ansatz von Enthusiasmus in ihrer Kampagne könnte rasch wieder dahin schmelzen. Die Motivation von Trumps Wählern dagegen könnte steigen.

Andererseits ist der Wahlkampf recht weit fortgeschritten. Über die Frühwahlen hat bereits rund jeder fünfte Wahlberechtigte seine Stimme abgegeben. Die Zahl der Unentschlossenen hat sich gegenüber dem Sommer deutlich reduziert. Es gibt kein TV-Duell mehr. Es kann also glimpflich für Clinton ausgehen. Aber in diesem Wahlkampf weiß man nie.

Wenigstens der Dow Jones, der am Freitag zwischenzeitlich so steil nach unten gegangen war, erholte sich am Abend wieder.

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