Veit Medick

Fehler und Pannen im US-Wahlkampf Aufwachen, Hillary!

Sie soll Amerika vor Donald Trump retten. Doch so katastrophal, wie Hillary Clinton derzeit Wahlkampf macht, wird das eher nichts.
Hillary Clinton

Hillary Clinton

Foto: AARON P. BERNSTEIN/ REUTERS

Hillary Clinton hat eine gewaltige Aufgabe: Die absehbare Kandidatin der Demokraten ist die Hoffnung all jener Amerikaner, die das Land im November vor Donald Trump bewahren wollen. Dafür will Clinton sich zum Gegenentwurf des Demagogen aufschwingen und die Kleingeistigkeit des Republikaners mit einer möglichst großen, hoffnungsvollen Botschaft spiegeln.

Im Moment ist an eine Botschaft von Clinton nur leider gar nicht zu denken. Ihr Wahlkampf läuft derzeit so verheerend, dass man sich fragt, wie ihre Operation Wahlsieg eigentlich funktionieren soll.

Es fängt damit an, dass Clinton praktisch nicht vorkommt - es sei denn mit schlechten Nachrichten. Soeben war das wieder zu beobachten: Während Trump Gelder sammelt und versucht, seine Partei zu flicken, muss sich Clinton mit der neusten Wendung ihrer E-Mail-Affäre herumschlagen. Man kann von dieser Affäre halten, was man will. Aber dass Clinton noch immer glaubt, sie mit einem Schulterzucken und einem kurzen "sorry" einfach aussitzen zu können, ist ein Problem. Viele Amerikaner wünschen sich, dass sie sich einmal grundsätzlicher einlässt. Obama hat gezeigt, wie das geht. Als er im Wahlkampf 2008 wegen seines Umgangs mit einem umstrittenen Pastor massiv in der Kritik stand, hielt er eine große Rede. Und die Debatte wurde sachlicher.

Clinton lässt sich von Trump vorführen. Auch das war in den vergangenen Tagen wieder zu sehen. Ihre Leute schienen endlich mal eine Art Angriffspunkt gefunden zu haben, indem sie dem Milliardär vorwarfen, sich mit geschickten Deals in der Immobilienkrise am Schicksal kleiner Hausbesitzer bereichert zu haben. Doch Trump konterte mit einer kurzen Erklärung. Das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt zu finden, sei genau das, was Amerikas Politik jetzt brauche, ließ er mitteilen. Funkstille im Clinton-Lager. Thema beendet. Der Eindruck, der bleibt: Trump greift an, wehrt ab, provoziert. Sie ist im Tiefschlaf.

Clinton macht sich unnötig angreifbar

Zudem leistet sich Clinton echte Fehler. Ein Beispiel ist ihr Umgang mit Bernie Sanders: Ihr Rivale hat keine Chance mehr gegen sie. Aber statt ihm souverän das Recht zuzugestehen, auch noch die letzten Vorwahlen zu bestreiten, erklärt sie sich auf CNN zur unvermeidbaren Kandidatin und bringt Sanders' Unterstützer damit noch weiter gegen sich auf.

Ein anderes Beispiel ist ihr Umgang mit Ehemann Bill: Ganz Amerika fragt sich, was der Ex-Präsident eigentlich im Weißen Haus machen würde, wenn sie Oberbefehlshaberin wäre. Doch statt die Frage mit einem einfachen "Ich kandidiere - und nicht Bill" zu beantworten, kündigt sie an, ihren Ehemann in einer Administration zu einer Art Jobguru machen zu wollen. Und plötzlich fragt sich ganz Amerika, warum sie sich ausgerechnet um den so wichtigen Arbeitsmarkt nicht selbst kümmern will.

Schon klar, es sind noch fünf Monate zur Wahl. Und nicht alles, was gerade schief läuft, ist ihr anzulasten. Ihr Programm ist für Amerika so schlecht nicht. Nur scheint ein sachbezogener Wahlkampf mit Trump nicht möglich, sein Populismus füllt alle Schlagzeilen. Und richtig ist trotz allem auch: Die Clintons sollte man nicht unterschätzen. Sowohl Hillary als auch Bill haben etliche Kampagnen hinter sich und beide haben mehrfach gezeigt, dass sie wissen, wie es geht. Sie haben ein Team, das weit größer ist als Trumps und eine bestens gefüllte Wahlkampfkasse. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Eigentlich.

Aber es wäre für das Land und den Rest der Welt ganz gut, käme Clinton langsam mal auf Kurs. Sonst wachen im November alle mit einer bösen Überraschung auf.

Video: Hillary und die halbnackten Männer

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