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11. September 2016, 22:15 Uhr

9/11-Gedenkfeier

Wie der Schwächeanfall Clinton schaden kann

Gesundheit ist Privatsache? Nicht bei US-Präsidentschaftskandidaten. Hillary Clinton ist am Rande der 9/11-Gedenkfeier zusammengesackt. Das dürfte Wahlkampfthema werden.

Wer Präsident der USA werden möchte, strebt das mächtigste Amt der Welt an - entsprechend hart sind die Anforderungen. Eloquent soll er oder sie sein, intelligent, erfahren, staatstragend - und auch gesundheitlich topfit.

Nun zeigte Hillary Clinton ausgerechnet bei der Gedenkfeier zu den Anschlägen vom 11. September 2001 Schwäche. Laut ihrem Wahlkampfteam fühlte sie sich bei sommerlichen Temperaturen von knapp 27 Grad unwohl und musste die Veranstaltung frühzeitig verlassen. Wörtlich hieß es, sie habe sich "overheated" gefühlt.

Auf einem Video, das sich bei Twitter verbreitet, ist zu sehen, wie Clinton zusammensackt, von einem Leibwächter gestützt und in einen schwarzen Van begleitet wird:

Clintons Wahlkampfteam erklärte am späten Sonntagabend, die Präsidentschaftskandidatin sei von einem Mediziner untersucht worden. Clintons Ärztin wiederum erklärte, bei ihrer Patientin sei am Freitag eine Lungenentzündung diagnostiziert worden; sie nehme Antibiotika. Clinton wird ihre geplante Reise nach Kalifornien absagen, hieß es aus ihrem Team. Die Kandidatin wollte ursprünglich am Montagmorgen starten und zwei Tage bleiben.

US-Medien zitieren einen anonymen Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, der sagt, Clinton sei ohnmächtig geworden. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht.

Bereits Ende August hatte Clintons republikanischer Gegenkandidat Donald Trump den angeblich schlechten Gesundheitszustand Clintons thematisiert. Auf Twitter forderte er: Beide Kandidaten sollten detaillierte Atteste über ihren Gesundheitszustand vorlegen. "Ich habe damit kein Problem! Hillary?"

Noch sind die Reaktionen auf den aktuellen Zwischenfall verhalten. Weder Trump noch einer seiner Berater kommentierte das Ereignis der "Washington Post" zufolge direkt. Es dürfte Trump aber gut ins Konzept passen. Hatte er doch bereits in den vergangenen Wochen und Monaten die Gesundheit der 68-Jährigen infrage gestellt.

Tatsächlich kursieren Gerüchte über Clintons Gesundheit - und die nutzt Trump, selbst 70 Jahre alt, gnadenlos aus. Seiner Konkurrentin mangele es an "psychischer und physischer Ausdauer", hatte er zuvor bereits schwadroniert. Seit 2012, als Clinton in Folge eines Magenvirus zusammengeklappt sei und wegen eines Blutgerinnsels im Gehirn ins Krankenhaus gemusst habe, gebe es wilde Spekulationen, berichtet der britische "Guardian". Später versicherte sie demnach Talkmaster Jimmy Kimmel, dass sie "derzeit nicht sterben" müsse.

"Guardian": Trump will in TV-Show über Clintons Gesundheit sprechen

Clinton ist nicht die erste Kandidatin, über deren Gesundheitszustand im Rennen ums Weiße Haus gestritten wird. Im Wahlkampf 2008 hatte Barack Obama ein Hunderte Seiten starkes Dossier über seine Gesundheit veröffentlicht. Obamas Hausarzt David L. Scheiner gab selbst über den Eierstockkrebs von Obamas Mutter und den Prostatakrebs von dessen Großvater Auskunft. Die Webseite "Politico" veröffentlichte damals eine Stellungnahme des Arztes. Der damals 71-jährige Gegenkandidat John McCain legte laut "Guardian" mehr als 1000 Seiten zu seiner Gesundheitsgeschichte nach.

Auch im aktuellen Wahlkampf dürfte das Thema bedeutend werden. Trump wolle bereits am Donnerstag in der TV-Show von "Dr. Oz" über den Gesundheitszustand beider Kandidaten sprechen, schreibt der "Guardian".

Trumps Arzt Harold Bornstein hatte zuletzt gesagt, der Kandidat verfüge über eine exzellente Gesundheit - physisch wie psychisch. Eigene Krankenakten hat Trump bislang jedoch nicht veröffentlicht. Bornstein hatte NBC News jedoch gesagt, er habe gerade mal fünf Minuten gebraucht, um das Attest auszustellen. Angesichts der Tatsache, dass Trump nach eigenen Angaben häufig und gerne Fast Food isst, ist das zumindest bemerkenswert.

Clinton bemühte sich nach dem Vorfall am Sonntag rasch um Normalität. Nach dem Schwächeanfall ruhte sie sich zunächst im nahe gelegenen Apartment ihrer Tochter aus, danach erklärte sie vor Fotografen und Schaulustigen, das Gesicht hinter einer spiegelnden Sonnenbrille verborgen: "Ich fühle mich großartig."

Selbst mit einer wie auch immer gearteten Erkrankung befände sich Clinton übrigens in bester Gesellschaft. Bereits 1968 sorgten zwei Studien für Aufsehen, die die Gesundheit der Präsidenten Woodrow Wilson (1913 bis 1921) und Franklin D. Roosevelt (1933 bis 1945) während der Weltkriege untersuchten. Auch über Dwight D. Eisenhowers Gesundheit wurde spekuliert. John F. Kennedy habe unter anderem wegen seiner Kriegsverletzungen stets ein Korsett tragen müssen, heißt es in einem Werk von Gerald Posner. Von Kennedy ist jedoch auch bekannt, dass er seinen Gesundheitszustand bis zu seinem Tod vor der Öffentlichkeit geheim halten konnte.

apr/AP/Reuters

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