E-Mail-Affäre Hillary Rodham Steinbrück

Seit Monaten schlingert Hillary Clinton durch ihre E-Mail-Affäre. Dabei geht sie derart ungeschickt vor, dass man glaubt, sie habe bei einem deutschen Sozialdemokraten gelernt.

Demokratin Clinton: Sie will das Problem nicht sehen
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Demokratin Clinton: Sie will das Problem nicht sehen

Ein Kommentar von , Washington


In dieser Affäre geht inzwischen einiges durcheinander, man verliert leicht den Überblick. Deshalb nochmal kurz die Fakten: Hillary Clinton hat als US-Außenministerin einst eine private E-Mail-Adresse benutzt, mit der sie auch dienstlich kommunizierte. Sie behauptet, diese Adresse sei bombensicher gewesen und außerdem habe sie zu keiner Zeit sensible Dokumente versendet oder empfangen. Ihre Gegner glauben ihr nicht. Deshalb hat sie jetzt entschieden, ihren Server dem FBI zur Prüfung zu überlassen.

Die Aktion sieht, oberflächlich betrachtet, gar nicht schlecht aus. Ich agiere transparent, ich habe keine Staatsgeheimnisse über diese Adresse laufen lassen, und ihr könnt euch das gern genauer anschauen - das soll die Botschaft sein.

Mit dieser Botschaft wird Clinton allerdings nicht durchkommen, und zwar ganz egal, was die Überprüfung der Behörden am Ende ergeben mag. Die Wahrheit ist: Die Demokratin, die im nächsten Jahr ins Weiße Haus einziehen will, hat viel zu lange gebraucht, um die fragliche Kommunikation offenzulegen. Sie lehnte das noch im März klar ab mit dem Hinweis, der Server sei privat. Ihre Kehrtwende sieht jetzt reichlich unsouverän aus.

Man fühlt sich unweigerlich an den Fall von Peer Steinbrück erinnert, der im zurückliegenden Wahlkampf bei der Offenlegung seiner Nebeneinkünfte eine ähnliche Last-Minute-Wende hinlegte, nachdem er zunächst auf seine Privatsphäre gepocht hatte. Es gibt weitere Parallelen. Wie Steinbrück damals in seinem Fall, will auch Clinton partout nicht erkennen, wo das eigentliche Problem der Affäre liegt.

Bei der Demokratin sind es gleich zwei Probleme.

Erstens: Natürlich ist es eine merkwürdige Praxis für eine Außenministerin, wenn sie in ihrer Amtszeit dienstliche Post gewissermaßen über den Kabelsalat in ihrem heimischen Keller laufen lässt. Jeder politisch Verantwortliche muss sich darüber im Klaren sein, dass er so womöglich Sicherheitsstandards unterläuft und sich gegenüber Geheimdiensten anderer Staaten wie ein Reh auf der Lichtung präsentiert. Für jemanden, der das sprichwörtlich mächtigste Amt der Welt anstrebt, ist das reichlich naiv.

Zweitens: Es liegt in der Natur von Politikern, Fehler ungern zuzugeben. Mit welcher Nonchalance Clinton aber berechtigte Kritik an ihrer kommunikativen Parallelwelt abtut, ist wirklich erstaunlich. Als "Nonsens" hat ihr Sprecher sämtliche Vorwürfe am Mittwoch bezeichnet, ihre Vertrauten formulieren es zuweilen noch härter. Wie einst der Sozialdemokrat Steinbrück verkennt auch Clinton, dass eine Ihr-könnt-mir-doch-nichts-Attitüde ungemein schadet, wenn man ein öffentliches Amt anstrebt. Eine solche Haltung lässt einen als Politiker dastehen, der Regeln für alle gelten lässt - nur nicht für sich selbst.

Amerikaner schauen selten nach Deutschland. Germany ist einfach zu weit weg. In Clintons Fall ist das vielleicht ganz gut. Ansonsten würde sie sehen, was ein solch ungeschicktes Verhalten anrichten kann. Steinbrück erholte sich nie von dieser Debatte und verlor die Wahl am Ende krachend.

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Veit Medick ist seit Februar 2009 Politikredakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE und seit August 2015 Korrespondent in Washington.

E-Mail: Veit_Medick@spiegel.de

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Seite 1
Johndoe4 13.08.2015
1. Ich habe da eine etwas andere Erinnerung
Soweit ich mich erinnern kann, hatte Peer als einer der wenigen BT-Abgeordneten alle seine Nebeneinkünfte auf seiner Homepage veröffentlicht. Es war die Höhe dieser durch Verträge erwirtschafteten Einkünfte, die die deutsche Presse zum Anlass nahm, ihn zu versenken. Inwiefern darin eine Parallele zu H.Clinton's eMail-Konto besteht, erschliesst sich mir nicht.
curts 13.08.2015
2.
Good article.
_SethGecko_ 13.08.2015
3.
Clinton kann nur hoffen, dass Trump als Independent Kandidat antritt und ihr somit den Sieg garantiert, denn wen der z.B. Marco Rubio unterstützen würde, dann würde es nicht gut aussehen. Auch wird es für sie immer schwieriger überhaupt nominiert zu werden. Vielleicht grätscht sie ja noch ein Joe Biden um, der dürfte mit Sicherheit deutlich höhere Sympathiewerte haben als sie. Selbst bei den Frauen sehen über die Hälfte Clinton kritisch und in New Hampshire hat jetzt selbst Sozialist Bernie Sanders laut neusten Polls schon Clinton überholt und das obwohl es dort relativ wenig Arme, aber viele Wohlhabende hat.
rickmarten 13.08.2015
4. Hinkende Vergleiche
Die einflussreiche Clinton-Dynastie mit einem schon fast vergessenen deutschen Politiker zu vergleichen, ist wenig einleuchtend. Totgesagte leben länger. Und da es bis zu den US-Wahlen noch ein Stück hin ist, Clinton aber viel Rückenwind hat, kann man die gegenwärtigen Aufgeregtheiten durchaus vernachlässigen. Der Bonus für eine Frau als Präsidentschaftskandidatin wiegt schwer.
kimchi 13.08.2015
5. Hinkender Vergleich
Der Vergleich ist zwar nett aber hinkt natürlich. Wobei ich zustimme, dass Politiker Gesetze gerne für andere machen, das liegt aber in der Natur der Sache. Merkel hat in der NSA-Affäre auch erst dann empört reagiert, als ihr eigenes Handy betroffen war. Allerdings hat Steinbrück gegen eine amtierende Kanzlerin verloren. Diese Situation gibt es in den USA diesmal nicht. Und einen Favoriten bei den Republikanern gibt es auch noch nicht. Wenn Trump als unabhängiger Kandidat antritt kann es sein, dass er den Republikanern die entscheidenden Punkte abnimmt und Clinton eben doch ins Weiße Haus einziehen kann. Dennoch ist ihr Verhalten natürlich schon für das Amt der Außenministerin unwürdig und reichlich seltsam. Selbst wenn man davon ausgehen kann, dass die Clintons genug Geld haben um jemanden zu beschäftigen, der so einen Server ordentlich einrichtet und administriert. Mal abwarten auf welche Ideen sie dann als Präsidentin kommt.
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