Hinrichtung Saddams Hochrangige Regierungsmitarbeiter drehten Exekutions-Video

Die unerlaubten Aufnahmen von der Hinrichtung Saddam Husseins sind von zwei hochrangigen Beamten gemacht worden. Dies erklärt der bei der Vollstreckung anwesende Staatsanwalt. Er habe die Exekution wegen höhnischer Rufe einiger Wärter fast abgebrochen.


Bagdad - Staatsanwalt Munkith al-Farun erklärte, er habe damit gedroht, die Hinrichtungsstätte zu verlassen, als Anhänger des radikalen Schiiten-Führers Muktada al-Sadr Saddam verhöhnten, während dieser bereits am Galgen stand. Al-Farun sagte, er habe damit gedroht, der Hinrichtung nicht länger beizuwohnen, sollten die Jubelrufe auf al-Sadr nicht aufhören. Hätte er den Ort der Hinrichtung tatsächlich verlassen, hätte die Exekution nicht stattfinden können, sagte der Ankläger. Laut Gesetz muss bei der Exekution ein Vertreter der Anklage anwesen sein.

Aufnahme aus dem Video von der Hinrichtung des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein
DDP

Aufnahme aus dem Video von der Hinrichtung des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein

Das inoffizielle Video, das die Szene dokumentiert, hätten zwei hochrangige Behördenmitarbeiter aufgenommen. "Zwei Amtsträger hielten Mobilfunktelefon-Kameras", erklärte Farun. "Einen von ihnen kenne ich. Er ist ein ranghoher Regierungsmitarbeiter." Der Staatsanwalt wollte aber keine Namen nennen. Den anderen Amtsträger kenne er nur vom Sehen. "Ich weiß nicht, wie sie ihre Handys da hineinbekommen haben, weil uns die Amerikaner alle unsere Telefone abgenommen haben, sogar meines, das keine Kamera hat." Die Regierung geht nach eigenen Angaben bisher davon aus, dass ein Wächter das Video aufgenommen hat.

Die Regierung leitete Ermittlungen ein, wer das Video mit einem Mobiltelefon aufgenommen hat. Es kursiert seit dem Wochenende im Internet. Die inoffiziellen Aufnahmen unterscheiden sich wesentlich von dem Film, der von der Regierung veröffentlicht wurde: Auf dem Band ist zu sehen und zu hören, wie der ehemalige Machthaber bis zum letzten Moment beschimpft wird. Das Regierungs-Video ohne Ton bricht ab, als der Henker die Schlinge zuzieht. Das im Internet kursierende Video nebst Ton ist zwei Minuten und 48 Sekunden lang und zeigt die Hinrichtung bis zum Ende.

Neben den Hochrufen auf al-Sadr ist auf arabisch auch das Wort "Hölle" zu hören. Unklar ist, ob Saddam einem der um ihn versammelten Spötter zuruft: "Fahr zur Hölle" oder ob einer der Wärter oder Henker dies Saddam wünschen. Als der Despot am Galgen hängt, bricht Jubel unter den Anwesenden aus - offenbar kommt er von Saddams Wärtern. Außerdem ist zu sehen, wie Augenzeugen der Hinrichtung um Saddam tanzen, nachdem die Falltür aufgegangen war.

Video schürt Spannungen

Das per Handy aufgenommene Video schürt die Spannungen im Irak. In der nordirakischen Stadt Mossul zogen hunderte Sunniten durch die Straßen, um ihrem Ärger über die Vorgänge während der Hinrichtung Saddams Luft zu machen. Die größte Sunniten-Partei, die Irakische Einheitsfront, stellte den Willen der von Schiiten geführten Regierung zur nationalen Versöhnung in Frage: "Das muss sie erst einmal unter Beweis stellen", sagte der Parteivertreter Salim al-Dschiburi.

Das Video löste auch an anderer Stelle helle Empörung aus. Großbritanniens stellvertretender Premierminister John Prescott sagte, wer immer die Verantwortung für diese Aufnahmen und die Veröffentlichung trage, solle "sich schämen". Es sei völlig "inakzeptabel, dass so eine Aufnahme an die Öffentlichkeit gelangt".

Der Nationale Sicherheitsberater Muwaffak al-Rubai sagte der britischen Tageszeitung "The Times", das Video sei auch für die nationale Versöhnung "extrem schädlich". Frankreichs Regierung äußerte die Befürchtung, "dass die Bilder und die Äußerungen während der Hinrichtung die Kluft zwischen den Gruppen vertiefen".

Verkaufschlager in Sadr-City

In der Bagdader Schiiten-Vorstadt Sadr-City sei das Video zum Verkaufschlager geworden, berichteten Anwohner. Zudem sei dort eine zweistündige CD im Umlauf, die die Urteilsverkündung im Prozess wegen der Ermordung von 148 Schiiten im Ort Dudschail 1982 in voller Länge zeigt - bisher waren auch davon nur Ausschnitte veröffentlicht worden. Am Vortag hatten Sunniten in Bagdad und der Stadt Sammara auch gegen das Hinrichtungs-Video protestiert.

Saddam sowie sein Halbbruder Barsan al-Tikriti und der Ex-Richter Awad al-Bandar waren am 5. November vergangenen Jahres zum Tode verurteilt worden. Die Hinrichtung der beiden anderen war verschoben worden. Sie wird nach dem islamischen Opferfest erwartet, das für die Schiiten an diesem Mittwoch zu Ende geht.

16.000 Iraker im Jahr 2006 getötet

Nach einer Statistik des irakischen Innenministeriums ist die Zahl der im Irak getöteten Zivilisten im Verlauf des vergangenen Jahres drastisch gestiegen. Mehr als 16.000 Iraker fielen im Jahr 2006 der blutigen Gewalt zum Opfer. Die Regierung in Bagdad führt 14.298 Zivilpersonen, 1348 Polizisten und 627 Soldaten in ihrer zum Jahresbeginn veröffentlichten Statistik auf. Die Zahl übersteigt die auf täglichen Medienberichten basierenden Berechnungen der Nachrichtenagentur AP um mehr als 2500.

Allein die Hälfte davon kam in der Zeit von September bis Dezember ums Leben. Im Laufe des Jahres seien außerdem rund 2100 militante Islamisten getötet und mindestens 17.000 verletzt worden. Heute tötete ein Sprengsatz im Zentrum Bagdads mindestens drei Menschen, sieben weitere wurden verletzt.

In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa beteten unterdessen Hunderte von Menschen für Saddam. In einem Demonstrationszug protestierten sie gegen die Hinrichtung und gegen die Politik der USA und der von Schiiten dominierten Regierung des Iraks.

asc/dpa/AP/Reuters

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