US-Präsident in Hiroshima Obama fordert Welt ohne Atomwaffen

Als erster US-Präsident besucht Barack Obama Hiroshima - die japanische Stadt, über der die Amerikaner 1945 eine Atombombe abwarfen. Er warnt vor den Gefahren eines Nuklearkriegs.


Historischer Auftritt von Barack Obama: 71 Jahre nach dem Atombombenabwurf der USA hat er am Freitag als erster US-Präsident Hiroshima besucht. Im Friedenspark der japanischen Stadt legte er im Beisein von Premier Shinzo Abe einen Kranz am Mahnmal für die Opfer nieder. Obama schloss kurz die Augen, als er vor dem Mahnmal innehielt. Abe verbeugte sich.

"Der Tod kam aus dem Himmel, und die Welt veränderte sich", sagte Obama gleich zu Beginn seiner fast 20-minütigen Rede. "Wir gedenken aller Unschuldigen, die während dieses Krieges ums Leben gekommen sind." Obama führte den Zuhörern die Folgen eines Nuklearkriegs vor Augen. Die Welt trage die Verantwortung, dass sich ein solches Leid nicht noch einmal ereigne. Die Staaten mit Atomwaffen müssten den Mut aufbringen, der Logik der Furcht zu entkommen und eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen. Man müsse "Lehren aus Hiroshima" ziehen.

"Wir mögen dieses Ziel in meiner Lebenszeit nicht erreichen. Aber mit anhaltenden Bemühungen können wir die Möglichkeit einer Katastrophe verhindern", sagte Obama. Abe äußerte sich ähnlich: "Das ist unsere Verantwortung: Eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen" - egal wie lange das dauere oder wie schwer das auch sein möge.

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Historischer Auftritt: Obama in Hiroshima

Die USA und Japan hätten aus der Geschichte gelernt und Freundschaft geschlossen, sagte Obama. "Die Welt wurde hier für immer verändert. Aber heute verbringen die Kinder dieser Stadt ihre Tage in Frieden."

In das Gästebuch des Friedenszentrums schrieb der US-Präsident: "Wir kennen das Leid des Krieges. Lasst uns nun zusammen den Mut aufbringen, Frieden zu verbreiten und eine Welt ohne Nuklearwaffen anzustreben."

"Wir schlagen eine neue Seite in unseren Geschichtsbüchern auf"

Der Blitz der ersten im Krieg eingesetzten Atombombe hatte Hiroshima in ein Inferno verwandelt. Von den 350.000 Bewohnern Hiroshimas starben durch die Atombombe auf einen Schlag schätzungsweise mehr als 70.000 Menschen; Ende Dezember 1945 lag die Zahl schon bei 140.000. Drei Tage nach dem ersten Abwurf zündeten die Amerikaner über Nagasaki eine zweite Atombombe. Bis Dezember 1945 starben dort etwa 70.000 Menschen. Die genaue Opferzahl wird sich nie ermitteln lassen, weil viele erst an den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung starben.

Die symbolische Visite Obamas erfolgte nach dem G7-Gipfel in Ise-Shima, das rund 400 Kilometer von Hiroshima entfernt liegt. Der US-Präsident hatte zuvor klargemacht, dass er sich für den Atombombenabwurf nicht entschuldigen werde. Er und Abe wollten durch ihren gemeinsamen Besuch "der Welt die Möglichkeit der Aussöhnung zeigen, dass frühere Feinde die stärksten Verbündeten werden können".

Abe lobte den Auftritt Obamas. "Wir schlagen eine neue Seite in unseren Geschichtsbüchern auf", sagte er. Der Präsident habe mit seinem Besuch "eine schwierige, aber wundervolle Entscheidung" getroffen.

Obama hatte zuvor das enge Verhältnis zwischen den USA und Japan gelobt. Beide Länder verbinde "eine der größten Allianzen weltweit", sagte er bei einem Besuch eines Militärstützpunkts in Iwakuni im Westen des Landes. Die USA haben rund 47.000 Soldaten in Japan stationiert. Obama äußerte sich vor US- und japanischen Soldaten.

Kritik von Nuklearexperten

Nuklearexperten kritisierten die Politik Obamas. Seine Vision einer Welt ohne Atomwaffen habe bis heute kaum etwas bewirkt, sagte der Nuklearexperte Shannon Kile vom renommierten Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri. "Daraus ist wirklich gar nichts geworden", sagte er. "Was wir stattdessen gesehen haben, ist im Grunde ein Triumph des nuklearen Status quo in den Vereinigten Staaten", kritisierte Kile.

Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Obama vor sieben Jahren in einer Rede in Prag seine Vision einer atomwaffenfreien Welt verkündet und war unter anderem dafür später mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Die Zahl der Atomsprengköpfe ist zwischen dem Beginn von Obamas Amtszeit 2009 und 2015 weltweit zwar von 23.300 auf 15.850 gesunken - zu Zeiten des Kalten Krieges waren es noch rund 70.000. Zugleich investieren die USA aber massiv in die Modernisierung von Atomwaffen. "Das ist für uns ein großer Schritt zurück", sagte Kile.

Video: Atombombenabwurf auf Hiroshima

REUTERS

als/dpa/AFP/Reuters



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