Hisbollah David und der unsichtbare Feind

Bis zu ihrem Rückzug vor sechs Jahren diente Sergeant David Cohen der israelischen Armee im Libanon. Täglich war er dort mit der Hisbollah konfrontiert und weiß um die Kampfkraft der schiitischen Miliz: gut ausgebildet, modern ausgerüstet - und nahezu unsichtbar.

Aus Haifa berichtet Alexander Schwabe


Haifa - David Cohen* verließ als einer der letzten Soldaten der israelischen Armee im Sommer 2000 den Libanon. Mit einem guten Gefühl. Denn er war der Ansicht, sein Land gebe eine sinnlose Besatzung auf. "Wir waren da, um von der Hisbollah beschossen zu werden", sagt der 27-Jährige, der mit 19 als Sergeant zwei Jahre lang in einem Beobachterposten saß und zehn Soldaten befehligte. "Wir alle waren der Meinung, dass es keinen guten Grund für unseren Einsatz gab", sagt Cohen, "wir waren kaum im Gelände unterwegs, hatten uns in unseren Stellungen verschanzt und beobachteten die Bewegungen des Gegners." Diesen, so sagt er, könne man auch aus der Luft observieren; das sei viel effektiver.

Ein israelischer Soldat überquert am 24. Mai 2000 die Grenze vom Libanon nach Israel: "Sie sind inzwischen mehr geworden"
DPA

Ein israelischer Soldat überquert am 24. Mai 2000 die Grenze vom Libanon nach Israel: "Sie sind inzwischen mehr geworden"

Während seines zweijährigen Einsatzes im Libanon lernte Cohen viel über die Hisbollah - aus eigener Erfahrung. Zwei Jahre im Angesicht des Gegners, da erfährt man, wie er operiert, da kennt man dessen Stärke. Cohen hat großen Respekt vor der schiitischen Miliz. "Die Hisbollah ist extrem stark", sagt er, "sie ist die stärkste Guerilla-Armee der Welt."

"Die größte Schwierigkeit ist, dass sie für uns kaum erkennbar ist", sagt Cohen. Wer ist Hisbollah-Kämpfer, wer nicht? Ihre Uniformen trügen sie nur nachts, um getarnt zu sein. "Am Tag gehen Hisbollah-Kämpfer in zivil." Das Hauptproblem sei, dass sie gänzlich im Volk aufgingen. Auch während des jetzigen Feldzugs der Israelis hätten die Milizen diesen unschätzbaren Vorteil: "Sie entscheiden, wann sie Soldat und wann sie Zivilisten sind."

Kampfunterricht in der Grundschule

Der seiner Einschätzung nach einzige Unterschied zu der Zeit, als er im Libanon war: "Sie sind inzwischen mehr geworden." In jeder Schule, von der Grundschule bis zum Gymnasium, seien die Aktivisten der Gotteskrieger präsent. In den meist abgegrenzten Schulhöfen werde Kampfunterricht erteilt, erzählt Cohen. So rekrutiere die Hisbollah ihre Kämpfer. Hinzu kämen später Trainingscamps in Iran oder Syrien. "Das sind gut ausgebildete Soldaten", sagt Cohen - man geht von rund 3000 Hardcore-Kämpfern aus.

"Wir haben die Hisbollah stark gemacht", urteilt der Zivilist, der seit sechs Jahren nicht mehr in der Armee ist, "wir dachten, wir könnten die Hisbollah ersticken, doch das Konzept ging nicht auf, sie wurden immer stärker, um uns zu vertreiben." Als der damalige Premierminister Ehud Barak 2000 den Befehl für den Abzug gab, habe die Hisbollah dies als einen Sieg über die Zionisten gefeiert - und gleichzeitig ihre Strategie geändert: "Anstatt uns aus dem Libanon zu vertreiben, versuchen sie nun, uns aus der ganzen Region zu jagen."

In den vergangenen sechs Jahren seit dem Abzug der Israelis aus dem Libanon hatten die schiitischen Gotteskrieger viel Zeit, um aufzurüsten. Brigadegeneral Josi Kuperwasser, bis vor kurzem Chef der Aufklärungsanalyse bei der israelischen Armee, sagte jüngst auf einer Pressekonferenz, die Hisbollah sei mit modernen Hightech-Waffen ausgerüstet. Die Miliz habe jede Menge Kriegsmaterial aus Iran und Syrien bezogen.

Die Feinde Israels hätten nicht einmal Skrupel gehabt, so der Geheimdienstler, Flugzeuge aus Syrien, die nach dem großen Erdbeben im iranischen Bam mit rund 35.000 Toten im Dezember 2003 Hilfsgüter ins Krisengebiet geflogen hätten, vollgeladen mit modernen Waffen zurückkehren zu lassen. Unter anderem seien so Zelzal-Langstreckenraketen nach Syrien gebracht worden, von wo aus sie an die Hisbollah weitergegeben worden seien.

Versteckt im Tunnelnetz

Auch Kuperwasser sagt, dass die israelische Armee ein großes Problem damit habe, Hisbollah-Kämpfer auszumachen. Die Guerilla-Truppe verfügt über ein Tunnelnetz, das die Israelis teils angelegt haben, und das die Hisbollah ausgebaut hat. So tauchten plötzlich Kämpfer wie aus dem Nichts auf, feuerten ihre Rakete ab und verschwänden wieder im Erdboden, so Kuperwasser.

Vor allem zerstörerische Anti-Panzer-Raketen sind beim israelischen Militär gefürchtet. Die "New York Times" zitierte jüngst israelische Panzerkommandeure, die aus dem Libanon-Einsatz zurückkamen. Demnach zerstören 20 Prozent der in Russland produzierten und von der Hisbollah abgefeuerten Anti-Panzer-Raketen ihr Ziel. Selbst ihr bester Panzer, der Merkava, sei vor diesen Geschossen nicht sicher.

David Cohen kennt die Durchschlagskraft der gegnerischen Waffen aus eigener Erfahrung. "Wir fuhren im Konvoi zu unserem Posten, plötzlich ging zwei Wagen vor mir eine Bombe hoch. Zwei Kameraden kamen ums Leben. Dann begannen sie mit Raketen auf uns zu schießen." Cohen erinnert sich an einen weiteren Angriff. "Im September 1999 bekamen wir die Information, dass einer ihrer Kämpfer aus Iran zurück sei, ein Spezialist für Anti-Panzer-Raketen. Dieser Mann griff unseren Beobachtungsposten an. Er hatte extrem gute Treffer. Drei unserer Leute wurden getötet."

Auch jetzt wieder müssen die Israelis mit Verlusten leben. Beim aktuellen Feldzug fielen nach Armee-Angaben bisher 62 israelische Soldaten, 36 Zivilisten kamen ums Leben. Dass die Hisbollah auch nach vier Wochen intensiven Bombardements und trotz des Einsatzes von Bodentruppen noch nicht einmal ansatzweise besiegt ist, zeigt sich schon darin, dass der Beschuss Israels durch die Gotteskrieger zugenommen hat. In den Städten Nordisraels inklusive Haifas, der drittgrößten Stadt des Landes, heulen täglich mehrmals die Sirenen wegen Bombenalarms.


*Name geändert



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