Hisbollah-TV Propaganda aus dem Bunker

Israelische Bomben, Hacker-Attacken - nichts konnte den TV-Sender der Hisbollah bisher stoppen. Tag und Nacht sendet al-Manar, der Leuchtturm, weiter radikale Botschaften von einer geheimen Station. Jede Sendeminute ist ein Erfolg für die Journalisten und ein Ärgernis für Israel.

Aus Beirut berichtet


Für gute Meldungen von der Front hat al-Manar immer Platz. Geduldig hört sich die verschleierte Moderatorin am Donnerstagnachmittag telefonische Solidaritätsbekundungen für die Hisbollah an, da wird das Programm unterbrochen. Ein großer Erfolg sei zu vermelden, verkündet der Nachrichtensprecher vor einem leeren Newsroom im Hintergrund. "Unsere Kämpfer haben gerade eben den vierten israelischen Panzer an diesem Tag zerstört", sagt er mit ruhiger Stimme, "das ist ein Rekord in diesem Krieg."

Wenig später liefert al-Manar, zu Deutsch der Leuchtturm, eine etwas billige und doch anschauliche Videoanimation von dem Kampf. Die virtuelle Kamera fliegt wie bei einem Computerspiel irgendwo in den Süden des Libanon. Als sich israelische Panzer einem kleinen Dorf nähern, geraten sie unter Feuer der Hisbollah-Panzerfäuste. Sofort fängt einer von ihnen Feuer, explodiert in Zeitlupe. Immer wieder wird die Szene an diesem Abend abgespielt, immer wieder der Erfolg der Hisbollah-Kämpfer gefeiert.

Dass al-Manar nach fast vier Wochen Krieg überhaupt noch auf Sendung ist, gilt als einer der größten Erfolge der Hisbollah. Gleich zu Beginn der Krise wollten die Israelis den von den radikalen Schiiten finanzierten TV-Kanal mit Bomben abschalten, legten das Sendezentrum im Süden Beiruts in Schutt und Asche. Die Propaganda konnten sie ziemlich genau zwei Minuten stoppen. Danach ging al-Manar von einer geheimen Sendestation aus wieder auf den Äther und strahlt bis heute seine Sicht der Dinge, die Sicht der Hisbollah-Führung, aus.

Mit al-Manar hat die Hisbollah eine schlagkräftige Waffe im Kampf um die Meinung - im Libanon und international. Aktuell meldet sich die Militärführung von der Front - meist, wenn israelische Soldaten getötet worden sind. Auch Milizen-Führer Scheich Hassan Nasrallah verkündet seine Botschaften im hauseigenen Sender. Als die Israelis zu Krisenbeginn mitteilten, er sei auf der Flucht, reagierte er mit einer halbstündigen und bewusst ruhig gehaltenen Rede. Spätestens damit etablierte sich al-Manar als Stachel im Fleisch.

Spots von Coca-Cola

Widerstand sind die Macher von al-Manar gewohnt. Seit der Kanal in den neunziger Jahren gegründet wurde, galt er als Sprachrohr der Hisbollah. Damals buchten Werbeagenten jedoch noch Slots für Coca-Cola und andere westliche Produkte. Erst als der Sender im Jahr 2004 auf die Liste der Terror-Organisationen kam und nicht mehr von europäischen Satelliten ausgestrahlt werden durfte, endete diese Finanzierung. Um Geld jedoch mussten sich die Macher nie sorgen, Spender aus der arabischen Welt sichern den Jahresetat von 15 Millionen Dollar.

Ibrahim Farhat grinst breit, wenn er von den Angriffen der Israelis auf den Sender oder den Sanktionen spricht. Nach langen Telefonaten und geplatzten Terminen hat der PR-Mann von al-Manar uns quer durch die Stadt gelotst, um dann letztlich in einer Eisdiele gleich an der Corniche ganz entspannt an einem Tisch zu warten. "Wir haben gewusst, dass die Israelis uns zerstören wollen", sagt der 42-Jährige, "deshalb haben wir alles für den Tag X vorbereitet." Als es schließlich so weit war, habe man nur noch die richtigen Knöpfe drücken müssen.

Farhat beantwortet Fragen gern. Nur wo sich die neue Sendezentrale befindet, mag er nicht sagen. Er wisse es nicht, aus Sicherheitsgründen seien nur wenige eingeweiht. "Das Wichtigste ist doch, dass wir senden", lacht er. Ja, ein bisschen schwieriger sei die Logistik geworden. Kassetten der Reporter könne man nur noch mit Kurieren zum Sender bringen, Überspielungen per Satellit wären zu leicht verfolgbar. Gleichwohl berichten noch 15 Journalisten - laut Farhat als einzige - die Wahrheit über die Kämpfe.

Von wo al-Manar sendet, darüber gibt es nur Spekulationen. In Israel hört man oft, es gebe ein Studio in Syrien. In Beirut meinen die meisten, es gebe schlicht einen sicheren Bunker irgendwo in der Umgebung. Technisch ist das Programm von wenigen Leuten zu steuern. Meist wird fremdes Material benutzt oder es werden Fotos kommentiert. Die recht einfachen Animationen sind am Heim-PC herzustellen. Rätselhaft nur, wie das al-Manar-Signal auf die arabischen Satelliten kommt. PR-Mann Farhat lächelt bei der Frage nur und nippt am Tee.

Inhaltlich hat al-Manar seit vier Wochen ganz auf Krieg umgeschaltet. Wo sonst Spielshows, zum Beispiel ein Quiz über Koran-Inhalte, Talkshows oder sogar Werbung Platz fanden, sind heute nur noch Front-News und Propaganda-Videos zu sehen. Martialisch zusammengeschnitten bereiten Hisbollah-Kämpfer in Videos Raketen-Attacken auf die Öllager von Haifa vor. Gleich danach flimmern Bilder von entstellten Kindern über den Bildschirm. Dazwischen marschiert die Hisbollah unter der gelben Fahne gegen Israel.

Für "die Mission" von Scheich Nasrallah

Männer wie Farhat illustrieren, wie tief dieser Kampf der Hisbollah in der libanesischen Gesellschaft verankert ist. Farhat trägt den typischen Look der Zivil-Miliz: kurzer Bart, offenes Hemd, Walkie-Talkie am Hosenbund. Der Bauingenieur kam vor drei Jahren zu seinem Job als Sprecher von al-Manar. Geld sei für ihn nicht entscheidend, erklärt er glaubhaft. Wie die meisten arbeite er hauptsächlich für "die Mission" von Scheich Nasrallah. Diese sei einfach zu beschreiben: Rückkehr zu einem islamischen Staat und der Kampf gegen Israel.

Farhat gibt sich gern martialisch, wenn er über die Gefahren seines Jobs redet. Er müsse sich stets bewegen, um über sein Funktelefon nicht zum Ziel zu werden, sagt er. "Doch auch wenn ich sterbe, wird al-Manar weiter senden", sagt er mit fester Stimme, "viele andere stehen bereit, um meinen Job zu übernehmen." Dann fragt er mit gequältem Gesichtsausdruck, wie der Westen israelische Angriffe auf Medien wie al-Manar zulassen könne. "Wir dachten immer, Pressefreiheit sei bei euch ein wichtiger Wert, haben wir uns da geirrt?", fragt er.

Wie viele im Libanon der Propaganda von al-Manar Aufmerksamkeit schenken, ist schwer zu sagen. In vielen Cafés läuft der Sender, wenn auch nicht in allen. Viel wichtiger scheint aber, dass al-Manar überhaupt noch sendet. Wie die Kämpfer der Hisbollah, die gegen eine übermächtige Armee aus Israel Widerstand leistet, erwirbt sich der Sender durch seine mediale Opposition Respekt von vielen Libanesen. Etliche glauben schon lange, dass selbst die arabischen Satellitensender wie al-Dschasira von den USA unterwandert seien.

Al-Manar-Mann Farhat schätzt, man habe mehr als eine Million Zuschauer jeden Tag, viele davon im arabischen Ausland. Die Krise werde dem Hisbollah-Sprachrohr helfen, noch mehr Zuschauer zu gewinnen. "Alle anderen lügen den ganzen Tag, nur wir senden die Wahrheit", behauptet er. Das werde so bleiben - ganz egal wie der Krieg ausgehen wird. Danach werde man mehr Geld denn je haben. Dann könne man auch eine neue Sendezentrale bauen. Die Planungen dafür liefen bereits, sagt der Ingenieur.



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