Einreiseverbot wegen Gedicht Wie Grass Israels Rechte bedient hat

Grass hat Israels Regierung eine Steilvorlage geliefert - um von den wirklich wichtigen Debatten abzulenken. Das Einreiseverbot für den Dichter ist absurd. Die Auseinandersetzung muss im Feuilleton stattfinden. Nicht in der Politik.
Von Moshe Zimmermann
Schriftsteller Grass: Aufregung um Gedicht

Schriftsteller Grass: Aufregung um Gedicht

Foto: Ulrich Perrey/ dpa

Hamburg - Israels Innenminister Eli Jischai - keineswegs als Kenner der deutschen Literatur bekannt - will Günter Grass verbieten, nach Israel zu kommen. Wenn Grass "weiter seine verdrehten und lügnerischen Werke verbreiten will, schlage ich vor, er macht das von Iran aus", sagte er.

Es ist eine politische Maßnahme, die überhaupt keinen praktischen Effekt haben wird. Grass ist 84 Jahre alt und er will sowieso nicht nach Israel kommen. Das hat er schon vor 40 Jahren entschieden, als er bei einem Besuch im Land mit Tomaten beworfen wurde.

Aber noch aus einem anderen - viel beunruhigenderen Grund - ist das Einreiseverbot gegen Grass absurd. Es ist nicht die Aufgabe der israelischen Politik, sich über Aussagen von Künstlern und Schriftstellern zu beschweren und sie als Rechtfertigung für politische Maßnahmen zu missbrauchen. Es ist der Versuch von Zensur - die Wirkung könnte sein, dass sich Intellektuelle im Ausland künftig überlegen, ob sie Kritik üben dürfen, wenn sie zum Thema Israel Stellung nehmen. Vor ein paar Jahren war es der Dirigent Daniel Barenboim, sowieso als "Palästinenserfreund" bekannt, der in Israel Richard Wagner spielen ließ. Israelische Politiker forderten deshalb, Barenboim zur Persona non grata zu erklären. Eine Reaktion auf Künstler, auf Schriftsteller, seien ihre Äußerungen oder Aufführungen noch so umstritten, hat im Feuilleton stattzufinden und nicht in der Politik.

Die Haltung des Innenministers ist aber leider nicht untypisch für Israel. Israel igelt sich ein, reduziert sich auf das Gefühl, von Feinden umzingelt zu sein. Und gegen die Feinde, so die Regierungsdoktrin, muss man sich wehren, es muss eine "zionistische Antwort" auf die "Antisemiten" geben. Das ist ein israelischer Automatismus - die ständige Suche nach einer Bestätigung dafür, dass die ganze Welt gegen uns ist, hat wieder einmal Erfolg.

Dem Frieden einen Bärendienst erwiesen

Grass hat dafür der israelischen Politik mit seinem Gedicht die ideale Vorlage geliefert. Und die Reaktion aus Jerusalem zeigt, wie groß der Bärendienst ist, den Grass der Sache des Friedens erwiesen hat. Unterstellen wir ihm, dass es ihm tatsächlich auch um die Warnung vor einem atomaren Krieg ging, so ist das vollkommen nach hinten losgegangen. Grass hat die nationalistische israelische Rechte bedient, indem er Israel, nicht Iran, als potentiellen Auslöser eines GAUs attackierte - und er hat der Regierung zudem noch geholfen von der Palästina-Frage abzulenken, indem er ihr die Möglichkeit gegeben hat, sich nur noch als Opfer zu zeigen, als Opfer Irans und Opfer von Günter Grass.

Zwar ist Grass' Gedicht vom Sachverhalt her nicht fundiert. Dazu benutzt er die Sprache, die typisch ist für jemanden, der mit seiner eigenen Vergangenheit vor 1945 zurechtkommen will. Doch, so ärgerlich das sein mag, rechtfertigt es die offizielle israelische Reaktion keineswegs.

Ist Grass jetzt ein Antisemit? Das ist eine komplexe Frage, die nach noch komplexeren Antworten verlangt. Natürlich ist Grass kein rabiater Antisemit, der Juden vertreiben oder ermorden will. Antisemitismus aber ist vielschichtiger. Und Grass benutzt Bilder und Mythen, die antisemitisch angehaucht sind. Die Art und Weise, wie er Israel pauschalisiert, erinnert an die Art und Weise wie Juden pauschalisiert wurden und werden. Zu seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" hätte auch sehr gut die Überschrift gepasst: "Israel ist unser Unglück". Im "Antisemitismusstreit" 1879 hat der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke den Satz "Die Juden sind unser Unglück" verkündet. Dieser Satz stand später stets auf der Titelseite des "Stürmers". Grass bewegt sich auf sehr gefährlichem Terrain. Das muss eben gesagt werden, aber im Rahmen einer zivilisierten Gelehrtendiskussion. Als Grund für politische Maßnahmen darf es jedoch nicht missbraucht werden.

Kritik an der israelischen Politik darf, muss trotzdem weiter geübt, und der Vorwurf des Antisemitismus darf nicht missbraucht werden, um Israel automatisch vor Kritik zu schützen. Wohin kommen wir, Israelis, die mit der Regierungspolitik nicht einverstanden sind, wenn Kritik an der israelische Politik mit Antisemitismus automatisch gleichgesetzt wird?

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.