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Historischer Gefangenenaustausch Gilad Schalit ist wieder in Israel - und wohlauf

Ein schmaler junger Mann in kariertem Hemd, ein erleichtertes Lächeln auf dem Gesicht: Gilad Schalit ist frei und physisch wohlauf. Der Austausch des 25-jährigen israelischen Soldaten gegen tausend palästinensische Gefangene läuft, die ersten sind bereits in Gaza eingetroffen.

Kerem Schalom/Tel Aviv - Es ist der Moment, auf den die Menschen in Israel seit mehr als fünf Jahren gewartet haben: Gilat Schalit ist frei und wieder auf israelischem Boden. "Gilat Schalit ist heimgekommen", sagte ein israelischer Armeesprecher am Dienstag.

Das israelische Fernsehen zeigte erste Bilder von dem 25-jährigen Soldaten, der jetzt in einem Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas von der radikal-islamischen Palästinenserorganisation freigelassen wurde. Auf den Fernsehbildern ist Schalit in einem blauen Hemd und mit einer schwarzen Baseballkappe zu sehen. Er wird von bewaffneten Männern eskortiert.

In einem Interview mit dem ägyptischen Staatsfernsehen erklärte Schalit am Dienstag, dass er während seiner Gefangenschaft immer an seine Freilassung geglaubt habe. Er sei bei guter Gesundheit, betonte Schalit. Vor einer Woche habe er erfahren, dass er freigelassen werden solle. "Ich glaube, die Ägypter waren in ihrer Vermittlung erfolgreich, weil sie sowohl zur Hamas als auch zu Israel gute Beziehungen haben", sagte er.

"Ich habe es vermisst, mit Leuten zu reden"

"Es ist lange her, dass ich so viele Menschen auf einmal gesehen habe. Ich habe es vermisst, mit Leuten zu reden", sagte Schalit in dem Interview. Auf die Frage der Reporterin, auf was er sich am meisten freue, antwortete er: "Natürlich habe ich meine Familie am meisten vermisst, aber auch meine Freunde." Er habe befürchtet, noch "viele Jahre" in Gefangenschaft bleiben zu müssen, so Schalit. Bis zum Schluss habe er gebangt, dass die "Dinge doch noch schief gehen könnten".

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Nahost: Drama um Gilad Schalit

Foto: Jim Hollander/ dpa

Schalit äußerte die Hoffnung, dass die Vereinbarung über den Gefangenenaustausch helfen werde, Frieden zwischen Israel und den Palästinensern zu bringen.

Schalit telefonierte am Dienstag auch bereits mit seiner Familie. Er habe von einem Militärstützpunkt an der Grenze zu Ägypten mit seinen Eltern gesprochen, meldete das isaelische Fernsehen.

Im Gegenzug für Schalits Freilassung sollten am Dienstag 477 Palästinenser von insgesamt 1027 Häftlingen freikommen, einige von ihnen nach Jahrzehnten hinter Gittern. Nach Angaben der israelischen Armee wurden alle freizulassenden Palästinenser an verschiedene Sammelstellen gebracht, um in den Gaza-Streifen, das Westjordanland und nach Ost-Jerusalem entlassen zu werden. Die übrigen 550 Gefangenen werden erst in zwei Monaten aus der Gefangenschaft entlassen.

Schalits Heimatort ist hermetisch abgeriegelt

Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie sich Palästinenser in den Armen lagen, um die Rückkehr der Häftlinge zu feiern. Tausende Palästinenser versammelten sich in Ramallah, Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hielt eine Ansprache vor der jubelnden Menge.

Nach einer ersten medizinischen Untersuchung wurde Schalit per Helikopter zum Luftwaffenstützpunkt Tel Nof nahe Tel Aviv geflogen. Laut einem TV-Reporter der BBC soll er inzwischen abgeschottet von den Medien seine Eltern getroffen haben - erstmals nach fast fünfeinhalb Jahren. Auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak wollen den 25-Jährigen begrüßen.

Der Tageszeitung "Maariv" zufolge sind die in der ersten Phase des Deals freigelassenen 477 palästinensischen Gefangenen für den gewaltsamen Tod von insgesamt 569 Israelis verantwortlich. Trotzdem unterstützt die breite Mehrheit der Israelis den Austausch. Eine im Auftrag der Zeitung "Yedioth Ahronoth" am Wochenende durchgeführte Umfrage ergab, dass 79 Prozent der Israelis den Handel mit der Hamas befürworten. Nur 14 Prozent lehnten ihn danach ab. Genau 50 Prozent der Befragten gaben an, dass sie fürchten, dass die Freilassung von Militanten die Sicherheit israelischer Bürger gefährden würde. 49 Prozent sagten, sie hegten keine solchen Ängste sondern vertrauten darauf, dass die zuständigen Behörden ihre Sicherheit garantierten.

Mitzpe Hila, der Heimatort der Schalits im Norden Israels, ist seit Tagen hermetisch abgeriegelt, Journalisten und Schaulustige werden Kilometer vor der Einfahrt in das Dorf nahe der libanesischen Grenze gestoppt. Um die Privatsphäre von Schalit und seiner Familie zu schützen, hat die israelische Armee eine Abmachung mit den Medien getroffen: Demnach wird zehn Tage lang kein Reporter oder Fernsehteam versuchen, sich den Schalits zu nähern.

Ein palästinensisches Kommando unter Leitung der Hamas hatte Schalit im Juni 2006 in den Gaza-Streifen verschleppt.

hen/upu/jok/dpa/Reuters/AFP
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