Hoffnungen auf der Afghanistan-Konferenz "Wir hungern nach Frieden"

Die Uno-Afghanistan-Konferenz kann möglicherweise schon am Samstag beendet werden, um sie anschließend in Kabul fortzusetzen, schätzen Teilnehmer ein. Doch nach dem zuversichtlichen Auftakt wird die Spannung jetzt gereizter, denn die Streitpunkte werden deutlich: Die Frauenfrage, die Struktur einer Übergangsregierung und die Aufstellung einer "multinationalen" Friedenstruppe.

Von Holger Kulick


Am Dienstag überraschend erfolgreich gestartet: Die Bonner Afghanistan-Konferenz
DPA

Am Dienstag überraschend erfolgreich gestartet: Die Bonner Afghanistan-Konferenz

Königswinter - Kein Satz ist derzeit häufiger von afghanischen Bürgern zu hören. "Wir hungern nach Frieden". Er fällt im Fernsehen in Übertragungen der BBC aus Kabul, und er fällt in Königswinter bei Bonn. Nahezu alle afghanischen Gesprächspartner sprechen ihn aus, die an den Gesprächen auf dem Petersberg über die Zukunft Afghanistans beteiligt sind. Und auch Uno-Sprecher Ahmed Fawzi zitiert ihn gerne, wenn er afghanische Positionen zusammenfasst. Doch leicht, so warnt Fawzi, könnte schon ein einziges Sandkorn das Getriebe stoppen.

Dennoch streut der Uno-Diplomat Optimismus über den Verlauf des Treffens, das möglicherweise schon am Wochenende "als erfolgreicher erster Schritt" beendet werden. Als "Minimalergebnis" erwartet der stellvertretende Verhandlungsleiter Francesc Vendrell zumindest einen Fahrplan für weitere Gespräche, die möglicherweise in Kabul stattfinden könnten. Trotz Meinungsverschiedenheiten über die Sitzverteilungen in den angedachten Übergangsgremien zeigte sich Vendrell optimistisch, dass auf dem Petersberg durchaus mehr herauskommen kann. Die Straße bis zu einer freien Wahl in drei Jahren sei aber "schwierig".

Sorgt für vorsichtigen Optimismus: Uno-Sprecher Ahmad Fawzi
AP

Sorgt für vorsichtigen Optimismus: Uno-Sprecher Ahmad Fawzi

Als Beleg für die zuversichtliche Aufbruchstimmung ließ Uno-Sprecher Fawzi die Abschrift eines Telefonats verteilen. Ein prominenter Paschtunen-Führer aus dem Süden Afghanistans, Sayed Hamid Karzai, hatte mit Hilfe geschickter Uno-Regie mitten während der geschlossenen Sitzung der Delegierten angerufen. Das Gespräch wurde laut übertragen "Wir sind eine Nation, eine Kultur", wird der Paschtune zitiert, "wir sind vereint, nicht geteilt. Wir alle glauben an den Islam als Religion der Toleranz. Wir streben nach Selbstbestimmung und hoffen auf Brüderlichkeit und Respekt."

Das Treffen auf dem Petersberg verspreche aus der Sicht des Clan-Führers "den Pfad Richtung Erlösung" für Afghanistan und er setze, wie die meisten seiner Gesprächspartner in Afghanistan, auf die Bildung einer "Loya Jirga". Das ist die landesübliche repräsentative Versammlung afghanischer Persönlichkeiten, die eine Übergangsregierung mit der Ausarbeitung einer rechtsstaatlichen Verfassung betrauen soll. Sie soll jetzt rasch bis zum afghanischen Neujahrsfest am 21. März gebildet werden, darüber sind sich alle Verhandler bereits einig.

Optimistischer Auftakt mit Manko:
Frauen sind unterrepräsentiert

Umstrittene Frauenfrage: Nur sechs von 61 afghanischen Konferenzteilnehmern sind Frauen
AP

Umstrittene Frauenfrage: Nur sechs von 61 afghanischen Konferenzteilnehmern sind Frauen

Der Auftakt der Petersberg-Gespräche hat die meisten Delegierten zuversichtlich gestimmt. Die Exilanten in der Rom-, Zypern- und Peschawar-Gruppe kennen sich fast alle, die Positionen der mächtigen Vertreter der Nordallianz waren dagegen unbekannt. Doch Innenminister Junis Kanuni hat mit einer geschickten Rede das Eis gebrochen und Flexibilität und Kompromissbereitschaft signalisiert, die von allen Seiten gelobt wird.

"Noch vor zwei Tagen war ich ausgesprochen skeptisch, aber die Beiträge von gestern haben mich sehr optimistisch gestimmt" schildert Fatima Gailani ihre Sicht. Die elegante Frau mit offenen grünen Kopftuch ("Jede Frau muss selbst entscheiden können, ob sie ihr Gesicht verbirgt"), wird fast fünf Stunden lang von Journalisten umlagert, als sie sich als erste Delegierte aus dem hermetisch abgeriegelten Gästehaus auf dem Petersberg entfernt. Ihr jüngerer Bruder leitet die so genannte Peschawar-Gruppe - in Vertretung seines prominenten Vaters, des Mudschahidin-Anführers Ahmed Gailani. Sie ist als Beraterin im Stab dabei.

Die Bonn-Delegation der Nordallianz vor ihrem Start in Kabul: Suchen Sie die Frau...
AFP

Die Bonn-Delegation der Nordallianz vor ihrem Start in Kabul: Suchen Sie die Frau...

Vor allem ihre Sicht über die auf der Konferenz unterrepräsentierten Frauen wollen die Reporter von Frau Gailani wissen, aber sie überbewertet diese Frage nicht. Natürlich sei es "enttäuschend" , dass sich insgesamt nur sechs Frauen unter den angereisten 61 afghanischen Verhandlern und Beratern befänden. Aber das Thema sei doch nun immerhin schon auf dem Tisch und alle beteiligten Fraktionen hätten die Wiederherstellung der Gleichberechtigung von Mann und Frau in Afghanistan versprochen. Irritiert hat allerdings, dass zeitgleich in Kabul eine neuerliche Demonstration von Frauen für ihre Rechte verboten worden ist - unter der Nordallianz.

Spitz bemerkt Frau Galiani nebenbei, dass doch sogar in amerikanischen Verfassungsorganen Frauen auch noch nicht entsprechend ihres Bevölkerungsanteils repräsentiert seien. Auch in Afghanistan werde dieser gesellschaftliche Wandel sicherlich "bis zu 20 Jahren" dauern, aber immerhin ein Anfang werde jetzt gemacht. Angetan registriert sie das Interesse an der Frauenfrage in Bonn.

Demonstranten schafften es am Dienstag sogar bis auf die Landungsbrücke des polizeigesicherten Presseschiffs der Uno, um auf einem Transparent gegen die Abwesenheit afghanischer Frauengruppen auf dieser Konferenz zu demonstrieren. Zugleich forderten sie den Abzug der Taliban, Bin Ladens "und der USA" aus Afghanistan. Auch das liegt Frau Gailani am Herzen. Amerika sollte sich mehr der Mitarbeit in der Uno widmen, um dort Hilfskonzepte zu fördern und mitzuentwickeln, meint sie.

USA sollen "lieber verstärkt beim Aufbau helfen"

Demonstration gegen Frauendiskriminierung auf dem Petersberg
AP

Demonstration gegen Frauendiskriminierung auf dem Petersberg

Noch deutlicher drückt das eine weitere Delegierte aus. Die afghanische Literaturwissenschaftlerin Seddiqa Balkhi gehört zu den Beratern der so genannten Zypern-Gruppe, das sind afghanische Exilanten, die sich mehrfach auf Zypern trafen, weil dort für sie Visafreiheit besteht. Ihre Visitenkarte weist ein Forschungsinstitut in Kabul als Arbeitgeber aus, aber sie lebt noch in Teheran. "Wir können nur Friedenstrupps der Uno akzeptieren, aber nicht nur von einem Land" formuliert sie diplomatisch. Die USA sollten sich als Militärmacht zügig zurückziehen, und "lieber verstärkt beim Aufbau Afghanistans helfen, damit wir schnell auf die Beine kommen und sich aus unseren Ruinen blühende Landschaften entwickeln".

Die Uno soll eine Friedenstruppe stellen, plädiert Frau Balkhi, "und zwar mit Hilfe befreundeter Staaten", welche das sind, präzisiert sie aber nicht. Das große Dilemma Afghanistans sei der Krieg, der müsse erst zu Ende gehen und die Sicherheit im Lande gewährleistet werden. Erst dann könne zum Beispiel auch die Frauenfrage behandelt werden - in "einem demokratischen System mit legitimen Rechten und Pflichten für alle". Soll dabei auch ein Staat entstehen mit der Trennung von Religion und Staat? Nein sagt sie, dass könne sie sich weniger vorstellen. Eine Regierung müsse aber alle Glaubensrichtungen "auf einer breiten Basis" repräsentieren. Dass dies geht, sehe sie auch an ihrer Gruppe, Schiiten und Sunniten hätten kein Problem, gemeinsame Positionen zu finden.

Wie gut Frau Balkhi selbst mit unterschiedlichen politischen Gruppierungen umgehen kann, stellt sie dann erheitert an Hand der Gästeliste der Uno fest. Dort ist sie gleich zweimal als Beraterin verzeichnet, einmal bei ihrer Zypern-Gruppe und zugleich bei der Nordallianz. "Die haben wohl gedacht, dass ich auch zu denen gehöre, weil ich so gut mit denen reden kann", schmunzelt sie.



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