Parlamentswahlen in Frankreich Hollande fürchtet den "Tweetgate"-Effekt

Der Präsident hofft bei der Stichwahl für das Abgeordnetenhaus auf eine absolute Mehrheit: Doch ein Tweet der aktuellen Freundin gegen die Ex-Lebensgefährtin von François Hollande droht die Strategie des Sozialisten durcheinanderzubringen.

Präsident Hollande, Lebensgefährtin Trierweiler: Durcheinander in der Politik-Choreografie
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Präsident Hollande, Lebensgefährtin Trierweiler: Durcheinander in der Politik-Choreografie

Von , Paris


François Hollande hatte es perfekt geplant: Erst der Einzug in den Elysée, dann die rasche Besetzung des Kabinetts unter Premier Jean-Marc Ayrault und anschließend eine Reihe von symbolischen Signalen an die Bürger, um im Gefolge des Präsidentschaftssiegs bei den nachfolgenden zwei Wahlrunden eine komfortable Parlamentsmehrheit zu erreichen.

Die ersten Punkte der internen Aufgabenliste waren ordentlich abgearbeitet und bei der ersten Runde der Wahlen zur Neubesetzung der Nationalversammlung erreichten die Sozialisten am vergangenen Wochenende ein ordentliches Ergebnis - wenn auch nicht den erhofften Erdrutsch. Die Regierung legte nach mit ein paar weiteren Projekten: ein Gesetzentwurf zum Tatbestand der sexuellen Belästigung, Vorschläge zur Reform der Ferienordnung, Überlegungen zur Arbeit der Polizei.

Daneben wollte Frankreichs linker Präsident einen Paris-Besuch der deutschen SPD-Troika nutzen, um sich mit dem protokollarisch ungewöhnlichen Empfang als EU-Konkurrent von Angela Merkel zu profilieren. Zwar verlautete der Elysée, man habe mit den sozialdemokratischen Nachbarn nur eine "allgemeine Diskussion" geführt. Doch nur wenige Tage vor einer Runde internationaler Krisengipfel konnte Hollande einmal mehr den wackeren Widersacher der eisernen Kanzlerin und ihres zunehmend gerügten Sparkurses geben. Das versprach innenpolitische Popularität und Argumentationshilfe für die PS-Kandidaten, nachdem Merkel Frankreich gerade wieder mit scharfer Kritik zur Finanzpolitik in den Senkel gestellt hatte.

Die Wahlstrategie schien zu funktionieren, doch dann brachte ein "Tweet" seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler die sorgsam abgestimmte Politik-Choreografie völlig durcheinander: In einer Kurzmitteilung sprach sich die Journalistin für einen PS-Kandidaten aus, der in La Rochelle gegen Ségolène Royal antritt. Dort bewirbt sich die "Ex" Hollandes, Mutter der gemeinsamen vier Kinder und 2007 gescheiterte Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten, um ein Abgeordnetenmandat und errang beim ersten Wahlgang die meisten Stimmen. Der unterlegene PS-Genosse gab sich freilich nicht geschlagen, sondern hielt seine Kandidatur für den Wahlkreis der Atlantikstadt aufrecht - trotz heftiger Abmahnungen aus der Parteizentrale.

Trierweilers Tweet als Attacke auf Royal

Trierweilers Solidaritätsadresse an den unbotmäßigen Genossen wurde daher prompt als Attacke auf Royal interpretiert. Die öffentliche Ohrfeige für die Vorgängerin an der Seite des amtierenden Präsidenten geriet umgehend zum Politikum und zum ersten Fauxpas im sonst fast fehlerfreien Parcours des Sozialisten. Der digitale Querschläger, mal als bloßer Zickenkrieg bagatellisiert, mal zur gefährlichen Staatskrise erhoben, verdrängte vorübergehend die Krisendebatte um Griechenland oder Spanien.

Banken, Börse, Euro-Krach? Ausgesetzt. Plötzlich ging es nicht mehr um die Mobilisierung für die Duelle zwischen dem linken und rechten Lager, wenn die Franzosen am Sonntag über die verbleibenden 541 von 577 Sitzen entscheiden. Stattdessen widmete etwa der "Nouvel Observateur" seine aktuelle Ausgabe der "Trierweiler-Affäre" und beugte sich mit der Inbrunst eines Psychiaters über mögliche Motive, Hintergründe und Folgen. "Vom Ehekrach zur politischen Krise", titelte auch das linke Magazin "Marianne" und fragte süffisant: "Wo ist er, der 'normale' Präsident?"

Jenseits der Aktualität brachte der Zwischenfall erneut eine Debatte in Schwung um die undefinierte Rolle der "Première Dame" oder die möglichen Pflichten einer "Ersten Lebensgefährtin". Obendrein bescherte das "Tweetgate" der Opposition eine propagandistische Steilvorlage. Aber auch linke Genossen erinnerte der Vorfall mit Schaudern an das unter Nicolas Sarkozy breitgetretene Durcheinander von öffentlicher Rolle und privaten Problemen an der institutionellen Spitze der Fünften Republik.

Schnitzer der UMP

Glück für die linke Regierung: Auch die konservativen Gegner von der Union pour un mouvement populaire (UMP) erlaubten sich vor der alles entscheidenden Stichwahl einige Schnitzer. Im Rennen um die Stimmen der Bürger verbat sich die UMP-Führung zwar jedes offene Paktieren mit den Rechtsradikalen des Front National (FN), andererseits umschrieben selbst UMP-Promis die ideologische Annäherung an die Partei von Marine Le Pen als Zeichen "ähnlicher Werte". Und in jenen Wahlkreisen, wo sich im Stechen UMP-Kandidaten nur mit Unterstützung der Rechtsradikalen durchsetzen können, buhlten die konservativen Wackelkandidaten unumwunden um Gunst und Unterstützung der FN-Sympathisanten.

Peinlich: Nadine Morano, rechte Flügelfrau der UMP und einst lautstarke Verteidigerin von Präsident Sarkozy, bekannte sich nicht nur öffentlich zu gängigen Wertvorstellungen der Rechten. Während eines mitgeschnittenen Anrufs, bei dem der Schauspieler Gérald Dahan die Stimme von FN-Vize Louis Aliot imitierte, schlug die Ex-Ministerin für Lehrlingsausbildung verbal auf Ausländer ein, warnte wegen der Immigranten vor einer drohenden "Libanisierung Frankreichs" und gab eine Hommage an die FN-Chefin zu Protokoll: "Marine Le Pen hat viel Talent." Der üble Telefonstreich lenkte wieder ab vom politischen Beziehungskrach im Elysée, derweil Morano dahinter ein Manöver der Sozialisten ausmachte.

Indes hüllte sich François Hollande in völliges Schweigen. Ob beim Staatsakt für in Afghanistan gefallene Militärs oder bei einer Visite in Rom - Hollande mimte unverdrossen den "normalen Präsidenten". Derweil geriet auch das Interesse an Trierweilers Telefonbotschaft wieder in den Hintergrund, vielleicht gerade noch rechtzeitig. Gewiss: Am Vorabend der Wahl geben Meinungsforscher dem linken Lager zwischen 295 bis 330 Abgeordnete - ein glatter Sieg.

Dennoch könnte der Trierweiler-Ausfall nicht nur Ségolène Royal ihren Sitz in der Abgeordnetenkammer kosten, sondern womöglich auch Präsident Hollande um die absolute Mehrheit von 289 sozialistischen Abgeordneten bringen. Ein PS-Abgeordneter warnt trotz der positiven Erhebungen vor verfrühter Siegesfreude. "Die positiven Umfrageergebnisse basieren zum Gutteil auf Befragungen vor dem 'Tweet'", so der Genosse. Soll heißen: vor dem politisch unkorrekten Ausbruch persönlicher Eifersucht.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Meshada 16.06.2012
1.
Zitat von sysopAPDer Präsident hofft bei der Stichwahl für das Abgeordnetenhaus auf eine absolute Mehrheit: Doch ein Tweet der aktuellen Freundin gegen die Ex-Lebensgefährtin von François Hollande droht die Strategie des Sozialisten durcheinander zu bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,839286,00.html
Warum ist so etwas überhaupt Thema? Was der Gatte von Frau Merkel von irgend jemandem hält, ist mir schließlich auch völlig egal.
dr.gerstel 16.06.2012
2. So ein Quatsch!
Woher nimmt Herr Simons denn immer seine Wahrheiten? Nicht eine einzige Wahlvorhersage, nicht eine einzige Umfrage belegen seine These. Es ist reiner Quatsch! Nicht einmal der "Figaro", ultrakonservativ und sarkozystisch, sagt eine Niederlage von Hollande und der Linken voraus. ALLES deutet auf eine absolute Mehrheit der PS hin. Das wäre ein historusches Ereignis. Für wie blöd hält Herr Simons denn die Franzosen, daß sie sich in ihren politischen Entscheidungen von irgendeinem dusseligen Tweet von Madame Trierweiler beinflussen lassen. Seit ich die Berichte von Herrn Simons im Spiegel über Frankreich lesen MUSS, werde ich das Gefühl nicht los, daß Simons entweder die französische Sprache nicht beherrscht oder vom Mars her seine unglaublich falschen Einschätzungen schreibt. Auf jeden Fall sind die Reportagen dieses Herrn eine Zumutung für jeden, der die Fakten kennt. Das sowas beim Spiegel möglich ist, wundert mich sehr.
marthaimschnee 16.06.2012
3.
Also wenn solche Nebensächlichkeiten bzw in dem Fall sogar Themen mit einzig und alleine Boulevardrelevanz wahlentscheidend sind, dann ist das ein Beweis dafür, daß Demokratie eine der dümmsten Ideen in der langen, jämmerlichen Geschichte dummer Ideen ist!
irreal 16.06.2012
4. Wenn es denn auch die Presse
Zitat von sysopAPDer Präsident hofft bei der Stichwahl für das Abgeordnetenhaus auf eine absolute Mehrheit: Doch ein Tweet der aktuellen Freundin gegen die Ex-Lebensgefährtin von François Hollande droht die Strategie des Sozialisten durcheinander zu bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,839286,00.html
von spiegel-online irgendwann mal akzeptiert; Die Franzosen haben Hollande deshalb gewählt, weil sie den deutschen Schwachsinn nicht mitmachen wollen. Ist das so schwer zu verstehen? Hllandes Exfrau hat seinen Wahlkampf gemacht und da war seine Lebensgefährtin involviert. Das ganze Geseiere über einen angeblichen Disput zwischen diesen beiden Damen liest man nur in deutschen medien, ansonsten nirgends. Ich sags halt einfach mal nur so, wie es ist ebend.
lafrench 16.06.2012
5. N'importe quoi!
Ich kann nur von unterwegs kurz dagen, dass due journalisten hier wieder einnal ihre Arbeit nicht getan haben und vergessen haben, due frz Peesse zu konsultieren. Umfragen zeigen, dass der tweetgate keinerlei Einfluss auf die Wahlergebnisse hat und haben wird... Es ist bielmehr zu erwarten, dass Hollande die abs. Mehrheit bekommen wird - das sagt sogar die konserv. Presse :-)
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